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Tanz der Papiere

29.03.2001
Ein Walzer mit Graf Dracula? Geschrieben sind sie schon: grausig-schöne “Transsylvanische Tänze” von Sandór Veress und aufgespielt wird von Thomas Zehetmair und der Camerata Bern.
Seine Kompositionen tauchen immer wieder mal in Konzertprogrammen auf. Aber nie an prominenter Stelle, immer versteckt, als Drauf- und Dreingabe: Sandór Veress. Er war bereits ein wichtiger Komponist und Musikethnologe, als er 1949 von Ungarn in die Schweiz emigrierte und in Bern seine zweite Heimat fand. Geboren in Cluj, im ungarisch-sprechenden Transsylvanien gelegen, das heute zu Rumänien gehört und auf deutsch eigentlich Siebenbürgen heißt, studierte er an der Budapester Hochschule bei Béla Bártok und Zoltán Kodály. Wie seine Lehrer war er fasziniert von der Volksmusik seines Landes und unternahm selbst Forschungsreisen ins Grenzland zwischen Ungarn, Siebenbürgen und Moldawien.
 
Was er hörte und an Noten sammelte, integrierte er auch in seine eigene Musik. Doch weit entfernt von Folklore, entwickelte er – ähnlich wie Bartók – daraus eine zwar in der ungarischen Musik verwurzelte, aber doch übernationale, dazu sehr autonome Sprache. Viele seiner Kompositionen wurden von der Camerata Bern uraufgeführt, die jetzt unter der Leitung von Thomas Zehetmair Veress' “Transsylvanische Tänze” einspielte. Flankiert sind sie raffinierterweise von Arnold Schönbergs “Verklärte Nacht” und dem “Divertimento” von Béla Bartók – eine Kombination, die noch einmal verdeutlicht, was Veress begeisterte und beeinflusste und wovon er sich abgrenzte. Alle drei Stücke jedoch sind wahre Klangwunder, wenn man sie von diesem phänomenalen Schweizer Kammerorchester, der Camerata Bern hört. 1962 gegründet, schwebte den 15 Ensemblemitgliedern eine flexible Formation vor, die Repertoire vom Barock bis zur Neuen Musik spielt. Heute zeichnet es sich durch eine subtile und absolut homogene Klangkultur aus, das sich mit Frische und außergewöhnlicher Stilsicherheit immer wieder die wichtigsten Schallplattenpreise erspielt hat.
 
Auch bei der zweiten neuen ECM-Veröffentlichung hat Thomas Zehetmair seine erstklassige Hand am Bogen. Allerdings im Zusammenspiel mit seinen Quartettkolleginnen und -kollegen Ulf Schneider, Ruth Killius und Françoise Groben. “What a debut! What a group!”, kommentierte begeistert die London Times das erste Englandgastspiel des Zehetmair Quartetts im vergangenen Jahr. Jetzt legt das Quartett zum ersten Mal eine CD-Veröffentlichung vor: Karl Amadeus Hartmanns 1. Streichquartett von 1933 und das furiose 4. Streichquartett von Belá Bartók aus dem Jahr 1928. Es gibt angeblich nichts Neues unter der Sonne. Aber auf dieser Debüt-CD des Zehetmair Quartetts klingen die beiden Streichquartette so frisch wie Uraufführungen. Wer solche Musik im Ohr hat, der findet leichter auch mal die versteckten Rosinen in den Konzertprogrammen.

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