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Überlebenswille – Joep Beving bringt das neue Remix-Album “Conatus” heraus

Joep Beving
© Rahi Rezvani
27.09.2018
Parallel zur Arbeit an seinem anstehenden dritten Solo-Album veröffentlicht der Pianist und Komponist Joep Beving das Remix-Album “Conatus” (lateinisch: der Wille zu leben). Eine bunt gemischte Riege international renommierter Musiker hat dort Stücke seiner bisherigen beiden Alben “Solipsism” und “Prehension” bearbeitet, darunter das Cello Octet Amsterdam und die 72-jährige italo-amerikanische New-Age-Sound-Designerin Suzanne Ciani, neben der Singer-Songwriterin Eefje de Visser, dem holländischen DJ Tom Trago und dem französischen Glasharmonika-Spezialisten Thomas Bloch.

Wer bei Conatus an Club-Remixe denkt, liegt falsch

Es sind neue Arrangements, in denen Bevings Stücke originell erstrahlen. Sie könnten natürlich auch in einem Club laufen, doch Beats sind sparsam gesetzt. Stattdessen dominieren elektronische Klangräume, Geräuschkulissen und Atmosphären. In diesem Projekt sei es nicht mehr um ihn gegangen, meint Beving, sondern um den Anpassungs-, den Veränderungswillen seiner Stücke, er habe “ihr Leben in fremde Hände gegeben.” Mit “Prelude” hat Beving allerdings selbst noch ein ganz neues Stück für “Conatus” aufgenommen, in dem er eigenen Angaben nach andeutet, in welche Richtung er seinen Sound auf dem nächsten Album, das im kommenden Jahr erscheinen soll, erweitern möchte. “Conatus” ist ein Vorgeschmack darauf.

Im Anbruch seiner Karriere beschrieb Beving seine Stücke als simple Musik für komplexe Emotionen

Im Zuge der Veröffentlichung seines zweiten Oeuvres “Prehension” kommentierte er, dass er auf “die absolute Groteske der Dinge, die gerade passieren, reagiere. Darauf, dass sich Viele so unbedeutend und machtlos fühlten, dass sie sich von der Realität, von ihren Mitmenschen abschotten.” Hier geht er noch einen Schritt weiter: Wo Beving bisher mit seinem filmischen, introvertiertem Klavierspiel den Hörer in die geschützte Heimeligkeit seines Wohnzimmers entführte, da zoomt seine Musik in “Conatus” durch die Perspektive Anderer in einen öffentlichen Raum, in die Welt da draußen, wo es oft hektischer und heftiger zugeht, wo Präsenz gefragt ist, wenn man nicht untergehen will.  Wo man beim Hören der Originalversionen gleich zur entspannten Bauchatmung übergeht, konfrontieren die Remixe den Hörer mit Dringlichkeit. Bevings sparsame und offene Stücke waren für seine Bearbeiter wie eine große weiße Leinwand, auf der schöne Vokal-Passagen Platz fanden und orgelige, moogige Sounds, oszillierende Ostinati á la Pärt neben Sturm-und-Drang-Streichern á la Richter. Trommelwirbel und dubbig-düstere- dann flirrende Sounds in Andrea Belfis Version von “A Heartfelt Silence” schaffen eine aufgekratzte Stimmung, die an Anoushka Shankars Flüchtlings-Hommage “Land of Gold” erinnert. Auch das schemenhafte Arrangement von “Sleeping Lotus” bringt im Hörer andere Eindrücke und Emotionen hervor als die Originalversion. Wem Bevings wundervolle Solo-Romantik bisher zu leicht war, der bekommt hier ein paar mehr Kalorien serviert, meinte augenzwinkernd das kalifornische Musikmagazin Exclaimer.

Schon bei Solipsism erklärte Beving, dass Realität keine Privatsache sei

Nachdem er 2015 als sanfter Riese und Streaming-Sensation, als erstaunlicher Quereinsteiger der Neo-Klassik in die jüngere Musikgeschichte einging, aus dem Nichts auf Augenhöhe mit Ólafur Arnalds und Nils Frahm emporstieg, entlässt er seine Stücke 2018 aus dem Kokoon und lässt sie in unserer heute noch düstereren Realität herumfliegen. Sich einigeln können Andere. Beving sucht den offenen Kontakt.

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