Dietrich Fischer-Dieskau | News | Die berühmten Dinge zwischen den Zeilen: Ein Interview mit Dietrich Fischer-Dieskau

Die berühmten Dinge zwischen den Zeilen: Ein Interview mit Dietrich Fischer-Dieskau

02.05.2000
Dietrich Fischer-Dieskau wird 75 Jahre. In seinem Gespräch mit KlassikAkzente lässt er Karriereschritte und Bühnenkollegen Revue passieren.
Am 28. Mai feiert der deutsche Nachkriegsbariton seinen 75. Geburtstag: Dietrich Fischer-Dieskau. Es gibt wohl kaum jemanden in unseren Breiten, der seine markante Stimme, sei es bewusst oder unbewusst, noch nicht gehört hat. Zu umfangreich und vielseitig ist sein Repertoire, zu dominierend nach wie vor seine Präsenz im Radio und auf Compact Disc. Andreas Kluge traf den “Meistersinger” in seinem Berliner Domizil und plauderte bei einer Tasse Tee über die Dinge des Lebens – diesseits und jenseits einer einmaligen Künstlerkarriere.
 
KlassikAkzente: Herr Fischer-Dieskau, vorausgesetzt, Sie stünden heute vor dieser Entschei-dung – würden Sie sich wieder dem Sängerberuf zuwenden?
 
Fischer-Dieskau: Ich würde zuerst einmal versuchen, Dirigent zu werden. Denn die Möglichkeiten, alles aus einer Partitur herauszulocken, die sind hier bei weitem größer und vielschichtiger. Natürlich ist die menschliche Stimme, die eigene Stimme, etwas ganz besonderes, was man kraft der eigenen Physis und Psyche beherrscht; und vielleicht ist es nicht ganz fair, Dirigieren und Singen zu vergleichen: Aber als Sänger bleibt man stets eindimensional – man “begleitet” einen Pianisten, ein Kammerensemble, ein Orchester. Wenn ich zurückdenke, dann glaube ich, dass ich doch ziemlich oft der “Begleitende” gewesen bin …
 
KlassikAkzente: … und nun würden Sie den Spieß gern umdrehen …
 
Fischer-Dieskau: … na ja, sehen Sie, der Umgang mit einem Orchester hat für mich etwas ungemein Reizvolles. Sie wissen nie, was da so auf sie zukommt: Ist es ein homogener Klangkörper, der im Prinzip nur angespielt werden muss, oder eine völlig heterogene Versammlung von Instrumentalisten, die erst einmal zusammengeschweißt werden will, vermittels eines bestimmten, eben des gemeinsam zu erarbeitenden Musikstücks? Das psychologische Moment bei der Harmonisierung verschiedenster Charaktere eines Orchesters zu einem einheitlichen musikalischen Klangkörper, das ist es, was mich am Dirigieren fasziniert.
 
KlassikAkzente: Wäre diese Entscheidung demzufolge eine Reaktion auf Ihre Erfahrungen als Sänger im Laufe mehrerer Generationen? Oder anders gefragt: Worin sehen Sie den schmerzlichsten, worin den angenehmsten Unterschied zwischen Ihrer und der heutigen Sängergeneration?
 
Fischer-Dieskau: Der schmerzlichste Unterschied liegt meiner Meinung nach in der Unfähigkeit der heute 20–30jährigen, Dinge intensiv zu er- bzw. durchleben: Daran mögen zum einen die veränderten sozialen Bedingungen schuld sein, auch der plötzliche Geldsegen, der schneller als früher auf sie herab regnet. Oder ihre eigenen Erwartungen vom Leben und von der Karriere: Schnell bekannt werden, schnell Geld verdienen, was wiederum stark von anderen Menschen beeinflusst wird und dadurch den erfolgreichen Anfänger zum Spielball äußerer Kräfte geraten läßt.
 
KlassikAkzente: In Ihrer Generation war dieser Weg deutlich steiniger …
 
Fischer-Dieskau: … und ob! Als ich anfing, habe ich mir Statiönchen für Statiönchen erobern müssen – aber dieser “künstlerische Feldzug” hat Spaß gemacht. Wohlgemerkt bei minimalem Einkommen!
 
KlassikAkzente: Und der angenehmste Unterschied?
 
Fischer-Dieskau: Ach, wissen Sie, wenn ich es mir genau überlege, dann komme ich immer wieder zu den unangenehmen Entwicklungen. Wenn man sich den Fortschritt der rein instrumentalen Technik in den zurückliegenden zwanzig, dreißig Jahren anschaut – durchaus auch was die sängerischen Aspekte anbelangt! -, dann trifft man fast ausschließlich auf eine technisch perfekte Rivalität, die ihre Nähe zu sportlichen Wettkämpfen nurmehr mit Mühe kaschieren kann, oder?
 
KlassikAkzente: Lassen Sie mich noch einmal auf die von Ihnen liebevoll als “Statiönchen” bezeichneten Karriere-Wegmarken zurückkommen: Den Biographen fällt es, scheint’s schwer, sich für die wichtigsten zu entscheiden. Wo würden Sie die Schwerpunkte Ihrer künstlerischen Entwicklung setzen?
 
Fischer-Dieskau: Zum einen unbedingt die Zusammenarbeit, ja die Freundschaft mit Ferenc Fricsay, die auf unseren gemeinsamen “Don Carlos” im Jahre 1948 an der damaligen Städtischen Oper Berlin zurückgeht und nicht zuletzt einen ihrer Höhepunkte mit der Wiedereröffnung dieses Hauses, nun als Deutsche Oper Berlin, 1961 mit Mozart’s “Don Giovanni” feierte. Ein weiteres wichtiges Datum betrifft meine Zusammenarbeit mit Wilhelm Furtwängler 1951 in Salzburg: Als quasi Anfänger die Wiener Philharmoniker vor und den großen Furtwängler neben sich zu haben – das war schon ein Erlebnis, was man nicht so ohne weiteres “verschluckt”… und irgendwie war es auch eine Art Durchbruch für mich. Und da gibt es noch so vieles andere. Nehmen Sie meine erste Zusammenarbeit mit Svjatoslav Richter, oder eine ganze Konzertserie in der New Yorker Carnegie Hall zu geben, mit drei ausverkauften Konzerten en suite!
 
KlassikAkzente: Was heutzutage eher rar geworden ist, selbst im kulturellen Eldorado New York!
 
Fischer-Dieskau: Wie wahr! Aber mich erwartet genau dort noch eine große Herausforderung: Ein riesengroßes Festival in der Carnegie Hall, das ich organisieren und gestalten werde und während dem sämtliche Noten, die Hugo Wolf je niedergeschrieben hat, zur Aufführung gelangen sollen. Es ist noch nicht ganz raus, wie das geschehen soll, aber uns bleibt ja noch ein bisschen Zeit, da sich der Todestag erst im Januar 2003 zum 100. Male jährt.
 
KlassikAkzente: Sänger, Dirigent und nun also auch noch Organisator eines Festivals …
 
Fischer-Dieskau: … na ja, so neu ist das Ganze nicht für mich. Denn immerhin hatte ich ja im Schubert-Jahr 1997 etwas Ähnliches für Franz Xaver Ohnesorg und die Kölner Philharmonie auf die Beine gestellt. Damals waren das – wenn ich mich recht entsinne – 37 Liederabende mit den verschiedensten Sängern! Ein schönes Stück Arbeit, das letzten Endes aber unglaublich viel Spaß gemacht hat.
 
KlassikAkzente: Noch einmal zurück ins Jahr 1961 und zum Berliner “Don Giovanni”: Damals wurde ja noch in deutscher Sprache gesungen …
 
Fischer-Dieskau: … ja, und das sehr zu meinem Leidwesen! Wenn ich mir heute den alten Film anschaue, dann denke ich mir: Mein Gott, da fehlen ja nicht nur die Farben, da fehlt auch die Sprache!
 
KlassikAkzente: Zumal Sie ja etwa zur selben Zeit mit Karl Böhm bereits die italienische Einspielung vorbereiteten … Wie haben Sie diesen “Sprachwechsel” empfunden?
 
Fischer-Dieskau: Es bürgerte sich damals gerade ein, und ich hatte ja vorher in Salzburg bereits den “Figaro” italienisch gesungen. Eigentlich 10 Jahre lang ununterbrochen, in vier verschiedenen Inszenierungen, mit wechselnden Dirigenten und Sängerkolleginnen und -kollegen.
 
KlassikAkzente: Dieser Übergang stieß aber doch mancherorts auf erbitterten Widerstand, zum Beispiel der Chöre …
 
Fischer-Dieskau: … nicht nur der Chöre, um die musste ich mich Gottseidank nicht kümmern damals. Ich selber habe vielmehr versucht, die Reste meiner italienischen Sprachkenntnisse, die ich aus Italien mitgebracht hatte, wiederzubeleben und die richtigen Korrepetitoren zu finden. Was gar nicht so einfach war, denn immerhin gab es da große Unterschiede in Italien selbst: An der Scala etwa bekam man nämlich durchaus andere Anweisungen als beispielsweise am römischen Opernhaus … Nein, ich hatte mit der Umstellung keine Schwierigkeiten. Im Gegenteil, ich finde ja, dass sich die Stimme mit jeder anderen Sprache automatisch verändert, man spürt plötzlich ganz andere Impulse als im Deutschen.
 
KlassikAkzente: Apropos Impulse: Entwickelte sich Ihre Liebe zum Schreiben und zur Malerei eher als Kompensation für das durch die Musik nicht Auszudrückende oder vielmehr als eine Ergänzung zum Gesang?
 
Fischer-Dieskau: Wohl eher Letzteres. Wobei der allererste Impuls vielleicht aus dem Wunsch resultierte, einfach mal etwas anderes und nicht immer nur dasselbe zu machen. Wenn Sie Noten zum Klingen bringen müssen, dann läuft es doch immer auf ein und dieselbe Richtung hinaus, egal ob man nun dirigiert oder singt, nicht wahr? Da kommt einem die Abwechslung durch das Schreiben sehr gelegen. Und beim Malen ist dieser Unterschied noch viel krasser, denn Malen und Musik machen haben eigentlich nicht viel gemein. Obwohl es ja durchaus anderslautende Auffassungen gibt …, ich denke da nur an Wassili Kandinsky und Paul Klee, die mit ihren Vergleichen des Vokabulars und der Ausdrucksformen viel Verwirrung gestiftet haben. Aber auf einen kurzen Nenner gebracht: Malerei heißt Kreation, Musik dagegen Interpretation.
 
KlassikAkzente: Welche Position nehmen hierbei die zahlreichen Uraufführungen ein, an denen Sie beteiligt waren?
 
Fischer-Dieskau: Natürlich sind auch sie in erster Linie ein nachschöpferischer Akt, also Interpretation. Gewiss gibt es da Unterschiede und häufig sind dann ja auch die Komponisten anwesend, ob das nun Messiaen war oder Dallapiccola, oder aber Aribert Reimann … Die haben einem dann schon erklärt, wie sie dieses oder jenes hören oder besser: von uns gern hören würden, und entsprechend hat man sich dann eben eingerichtet. Was man aber immer selbst entziffern muss, das sind die berühmten Dinge zwischen den Zeilen. Und die bleiben immer das Schwierigste.
 
KlassikAkzente: Eine dieser spannenden Uraufführungen war das “War Requiem” von Benjamin Britten …
 
Fischer-Dieskau: … ja, das war in der Tat spannend, in jeder Hinsicht. Vielleicht sogar meine spannendste Uraufführung überhaupt. Da gab es natürlich zunächst einmal Emotionen aller Art, gerade auch in dem Ort der Uraufführung, in Coventry. Dann sollte Galina Wischnewskaja zusammen mit Peter Pears und mir auftreten, das aber wurde von den sowjetischen Behörden nicht genehmigt, schließlich kam ich ja aus dem “feindlichen” West-Berlin … Also musste an diesem 30. Mai 1962 jemand anderes für sie einspringen, die aber auch sehr schön gesungen hat.
 
KlassikAkzente: Mit diesen Uraufführungen haben Sie auch immer aufs Neue Ihr unglaublich breites Repertoirespektrum unter Beweis gestellt, von Bach …
 
Fischer-Dieskau: … ach, so breit ist das eigentlich gar nicht. Ich würde mich beispielsweise nur höchst ungern an Musik vor Bach wagen! Ich habe das zwar ein paar Mal gemacht, aber es gehört dazu eine so spezielle Technik, eine dermaßen spezielle Stimmfärbung, dass ich mich in diesem Bereich doch sehr zurückgehalten habe. Denken Sie doch nur an die ganz bestimmte Beschleunigung des Vibratos bei Monteverdi!
 
KlassikAkzente: Wie historisch darf denn für Sie die Aufführungspraxis sein?
 
Fischer-Dieskau: Das, was man zuverlässig weiß, das sollte man auch aufführen; was man hingegen nicht oder nicht gesichert weiß, das sollte man doch lieber draußen lassen.
 
KlassikAkzente: Also eher im Sinne des englischen Begriffes der “historically informed performance”…
 
Fischer-Dieskau: Ja, wenn man denn “informed” ist, dann ist ja alles gut! Wenn allerdings die Informationen aus ganz neuen Quellen stammen oder gar selbst erfunden sind, dann zögere ich, ihnen zu folgen. Und bis auf einige frühe Erfahrungen mit Harnoncourt und dessen Mozart-Interpretation fallen mir keine weiteren ein… Dafür gibt es andere Kolleginnen und Kollegen, die das fabelhaft beherrschen, und denen habe ich dieses Terrain auch alles andere als unfreiwillig überlassen!
 
KlassikAkzente: Es gibt noch ein weiteres Terrain, das Sie nicht ungern anderen, oder sagen wir besser: einem anderen überlassen haben – die Volksmusik.
 
Fischer-Dieskau: Reden wir doch nicht um den heißen Brei herum – Sie meinen sicher Hermann Prey, oder? Ja, das war eine klare Rivalität zwischen uns beiden, wohlgemerkt nur im deutschsprachigen Raum! Darüberhinaus gab es diese Rivalität nicht. Nun wäre es allerdings höchst ungerecht, den Hermann auf das rein Volkstümliche festzulegen: Er hat ebenso wie ich eine umfangreiche Opern-, Konzert- und Lied-Diskographie, das darf man nicht vergessen. Aber auch das Volkstümliche, das ist eine Frage der speziellen Begabung, des Könnens, das sollte man nicht unterschätzen. Und zugegeben, ich habe mich dann doch lieber mit dem eher Kunstvollen befasst …
 
KlassikAkzente: Nochmals zur speziellen Begabung, zum Können: Gab es in Ihrer Karriere so etwas wie einen “Missgriff”, eine künstlerische Fehlentscheidung?
 
Fischer-Dieskau: … Da muss ich mal scharf nachdenken … Hmm … Ich hatte einmal in Wien eine “Onegin”-Aufführung zugesagt, obwohl ich innerlich mit der Vertonung des Puschkin-Textes durch Tschaikowsky immer meine Schwierigkeiten gehabt habe. Das Stück müsste bei Tschaikowsky eigentlich “Tatjana” heißen, und es bedarf schon eines hervorragenden Regisseurs und eines exzellenten Dirigenten, um dieses Missverhältnis wieder zurechtzurücken … Beides hatte ich in Wien damals nicht und so wurde es eine ziemlich miserable Aufführung. Ich selber sah dabei auch noch aus wie der Schneider Witte, und überhaupt war das Ganze fürchterlich! Und beim Hamburger “Floß der Medusa” von Henze … na, wenn ich gewusst hätte, dass das Ganze eine Veranstaltung zu Ehren von Che Guevara werden sollte, dann wäre ich nicht mit dem RIAS-Kammerchor extra aus West-Berlin eingeflogen … Und dann fing es ja nicht mal an! Es ging einfach nicht los! Ansonsten aber muss ich dankbar sein, dankbar dafür, dass mir so viel geglückt ist, und dankbar für all das, was ich vom Publikum an Wertschätzung und Zuneigung erfahren habe …
 
KlassikAkzente: Dem möchten wir uns gern anschließen, danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch und wünschen auch von dieser Stelle alles Gute zum Geburtstag!

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