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Nuanciertes Farbenspiel – Valentina Lisitsa spielt Scriabin

Valentina Lisitsa
© Alexei Kuznetsoff/Decca
29.10.2015
Die ukrainische Pianistin Valentina Lisitsa hat ein sensibles Gespür für sinnliche Phrasierungen, atmosphärische Tiefenschärfe und ausdrucksstarke Gestaltung, das konnte sie bereits mit ihren letzten Aufnahmen von Glass, Nymann, Schumann und Chopin unter Beweis stellen. Das neue Album mit eher unbekannten Werken der Solo-Literatur für Klavier von Alexander Scriabin, wird unter ihren Händen zu einer aufregenden musikalischen Märchenwelt voller Licht und Schatten.
2015 jährt sich der frühe Tod des russischen Komponisten zum 100. Mal. Eine gute Gelegenheit, sich konzentriert seinem Klavier-Repertoire zu widmen, in dem man Alexander Scriabins komplette kompositorische Entwicklung  erspüren kann und einen reichen Fundus an Farben und Emotionen findet.

Klangkunst im Kleinformat

Keines der 23 Stücke ist länger als sieben Minuten, die meisten dauern nicht einmal drei Minuten. Doch was in dieser kurzen Zeit geschieht, ist verblüffend und berührend. “Nuances” wechselt wie ein Kaleidoskop in Bruchteilen von Sekunden die Farben, so dass immer wieder aufs Neue ein völlig neues klangliches Bild entsteht. Behutsam wird Scriabins kompositorischer Werdegang chronologisch vom Jahr 1885, in dem er seinen zarten Walzer in f-Moll Op.1 geschrieben hat, bis ins Jahr 1912 nachvollzogen, in dem der Komponist mit seinen Etüden Op. 65 schließlich die klanglichen Grenzen des Instruments auslotet. Alexander Scriabins Poèmes für Klavier, Op. 41 aus dem Jahr 1903 und Op. 59 Nr. 1 von 1910, dokumentieren den spannenden harmonischen Prozess, über den er langsam die Wege der gängigen Tonalität hinter sich lässt.
Scriabins Musik ist ein Spiegel. Dort zeigen sich sein eigenes Seelenleben und die Einflüsse von Komponisten wie Frédéric Chopin, Franz Liszt und anderen großen Meistern der Musikgeschichte. Wenn man weiß, dass Scriabin Synästhesist war, also Musik als Farben wahrnehmen konnte, dann ergibt das unmittelbar Sinn, denn seine Werke werden vor allem durch ihre starken klanglichen Schattierungen auf faszinierende Weise lebendig.

Mit Herz und Verstand

Es ist durch und durch in den Aufnahmen spürbar, dass Valentina Lisitsa sich ganz intensiv mit der musikalischen Sprache des russischen Komponisten auseinander gesetzt hat. Keine Dynamik scheint dem Zufall überlassen, keine Wendung wirkt willkürlich. Die Pianistin nimmt über die Tasten förmlich Kontakt mit dem Komponisten auf und wird herrlich unprätentiös zur Vermittlerin zwischen Alexander Scriabin und dem Publikum von heute. Zärtlich-fragile frühe Stücke, wie die Klavierstücke in b-Moll, Anh. 16 entwickeln sich zu raumgreifenderen Eskapaden der späteren Jahre, wie dem lebhaften Scherzo in C-Dur op. 46. Es sind vor allem die aufeinander folgenden Stimmungswechsel, die so bezaubern, weil sie ein ganzes Universum an Klangfarben eröffnen.
Bereits seit 2013 ist Valentina Lisitsa exklusiv bei Decca unter Vertrag, nun hat sie mit der Einspielung für das Label Neuland betreten, denn Alexander Scriabins Stücke wurden von ihr zum ersten Mal für Decca aufgenommen. Die digitale Version von "Nuances" enthält noch einmal vier Tracks mehr als das physische Album: die Etüde op.49, Nr.1, die Mazurka in h-Moll, “Feuille d’album” in Fis-Dur und die weltweit allererste Aufnahme überhaupt von Alexander Scriabins Duett in d-Moll für zwei Sopranstimmen und Klavier.
 

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