Piano Masters | News | Viel mehr als schwarz-weiß: Das moderne Klavier und seine Vorfahren

Viel mehr als schwarz-weiß: Das moderne Klavier und seine Vorfahren

Piano keyboard
© flickr/freestocks.org
16.08.2018
Unter dem Titel “Piano Masters” präsentiert Deutsche Grammophon in diesem Jahr herausragende Klavier-Aufnahmen von Tastenlegenden und jungen Virtuosen und trägt damit der unendlichen klanglichen Vielfalt Rechnung, die den 88 Tasten eines Flügels zu entlocken sind. Doch welche Entwicklung hat das faszinierende Instrument bis zum heutigen Tag durchlaufen? Eine kleine musikalische Spurensuche richtet den Blick in die Vergangenheit.
Mit dem Namen “Klavier” bezeichnete man ursprünglich alles, was Tasten hatte, also auch das Klavichord, das Cembalo und die Orgel, auch wenn die Klangerzeugung beim Spielen dieser Instrumente völlig unterschiedlich war. So trägt auch Johann Sebastian Bachs bedeutendes Werk den Titel “Das wohltemperierte Clavier”, obwohl es dem Cembalo oder dem Klavichord zugedacht ist. Bis ins 18. Jh. hinein spielte die Art der Klangerzeugung eine untergeordnete Rolle – die Saiten wurden mal angeschlagen, mal gezupft, oder die Töne wurden mit Luft aus den Pfeifen geblasen. Das Cembalo war neben der Orgel das wichtigste Tasteninstrument der Barockzeit und gleich in zwei Bauformen in Gebrauch, nämlich als Kielflügel und als Spinett. Der Unterschied zwischen den beiden Instrumenten lag einzig in der Anordnung der Saiten, die beim Flügel von der Tastatur weg führten, beim Spinett parallel zur Tastatur verliefen. Letzteres ermöglichte eine kompaktere Bauweise, so dass sich das Spinett als Hausmusikinstrument etablierte, während das Cembalo überwiegend als Konzertinstrument eingesetzt wurde. Doch damit nicht genug in der Fülle unterschiedlicher Bezeichnungen für Tasteninstrumente: In England bezeichnete man das Spinett als “Virginal”, in Frankreich nannte man das Cembalo “Clavecin”.
Beschäftigt man sich mit der Entwicklung des Klaviers, so wie wir es heute kennen, wird einem ein bestimmter Name sofort begegnen: Bartolomeo Christofori. Der Instrumentenbauer aus Padua war der erste, der 1698 am Hofe der Medici in Florenz ein Tasteninstrument konstruierte, auf dem man durch die Stärke des Tastendrucks dynamisch zwischen piano und forte unterscheiden konnte und damit der Interpretation fortan auch über eine Variation in der Lautstärke Tiefenschärfe verleihen konnte. Die romantischen Klavierwerke des 19. Jahrhunderts könnten ohne dynamische Abstufungen und die damit einhergehende Dramatik niemals den emotionalen Gehalt transportieren, der kompositorisch im Mittelpunkt steht.
So war die von Bartolomeo Christofori erfundene Mechanik eine wegweisende technische Revolution und inspirierte unter anderem auch den renommierten deutschen Orgel- und Klavierbauer Gottfried Silbermann zur Konstruktion des Hammerklaviers.
Zuvor hatten die berühmtesten Vorläufer des Klaviers, wie das Cembalo, das Klavichord und diverse andere Tasteninstrumente, zwar auch schon eine brillante Klangerzeugung ermöglicht, waren aber im dynamischen Ausdruck festgelegt, weil ihre Saiten nicht mit kleinen Hämmerchen angeschlagen, sondern angezupft wurden. Auch wenn Bartolomeo Christoforis Mechanik erstaunlicher Weise zunächst nur mäßigen Anklang fand, was ihn zur Erfindung von insgesamt 20 unterschiedlichen Instrumenten beflügelt hat, wurde seine Mechanik und auch die Bauweise der Instrumente über die nächsten 150 Jahre kontinuierlich verfeinert, so dass sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die auch noch heute verwendete Bauform von Klavier und Flügel und deren Mechaniken durchsetzen konnte.
Überhaupt erweist sich das 19. Jahrhundert als Fundgrube für einen musikalischen Erfindungsreichtum in Sachen Tastenkunst, die sowohl der Existenz großer Solisten Rechnung tragen sollte, als das Klavier weiterhin auch als Instrument des täglichen Gebrauchs im häuslichen Rahmen feierte. Mit “Piano” oder “Pianoforte”, bezeichnete man zu Beethovens Zeiten den Flügel oder das Tafelklavier. 1820 präsentierte der britische Klavierbauer Robert Wornum mit der Erfindung des ersten so genannten “Pianinos” jedoch zum ersten Mal auch ein aufrecht stehendes Instrument, das die strenge Bauform des Tafelklaviers ablöste und dessen Form sich parallel zum Konzertflügel zukunftsweisend durchsetzen konnte. Sebastien Erard entwickelte nur ein Jahr später die raffinierte Repetitionsmechanik, die ein deutlich schnelleres und kontrollierteres Spiel zuließ und den Interpreten noch einmal ganz neue virtuose Möglichkeiten bot. Die Flügelmechanik wurde in den darauf folgenden Jahrzehnten, beispielsweise durch den französischen Komponisten und Pianisten und Klavierbauer Henri Herz, immer weiter verfeinert und ist heutzutage ein filigranes Wunderwerk, das hörbar und spürbar auf jeden Nuance im Anschlag der Interpreten reagieren kann.

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