Heinz Holliger | News | Zwiesprache – Musikalische Berührungspunkte zwischen Heinz Holliger und György Kurtág

Zwiesprache – Musikalische Berührungspunkte zwischen Heinz Holliger und György Kurtág

Heinz Holliger
Julieta Schildknecht / ECM Records
23.05.2019
Sie gehören zu den prägendsten Gestalten der avantgardistischen Komponistenszene. Jetzt erkunden Heinz Holliger und György Kurtág auf einem gemeinsamen ECM-Album ihre musikalischen Berührungspunkte.
Persönlich kennengelernt haben sie sich bereits zu Beginn der siebziger Jahre. Heinz Holliger ist damals Anfang 30. Er hat sich als versierter Oboist einen Namen gemacht. György Kurtág ist knapp 15 Jahre älter als sein Schweizer Kollege. Er wirkt als Kammermusikdozent und Klavierpädagoge in Budapest und gilt unter Kennern der Avantgardeszene europaweit als Geheimtipp. Holliger kennt die eigenwillige Klangpoesie des ungarischen Komponisten schon. Als Leiter der Basler Abteilung der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik hat er in den sechziger Jahren herausragende Werke von György Kurtág zur Aufführung gebracht.
“Ich war von der ersten Note an, die ich von ihm hörte, fasziniert von ihm”, schildert Heinz Holliger seine erste Begegnung mit Kurtágs Musik. “Er ist in der Welt der Komponisten bis heute ohne Beispiel. Alles, was er schreibt, ist essenziell. Er vermeidet jede Art von Smalltalk.”
Gespür für melodische Linien: Sándor Veress
Aber nicht nur der künstlerische Ernst verbindet die beiden hochbegabten, nach neuen Ausdrucksformen drängenden Musiker. In der Person des ungarischen Komponisten Sándor Veress erblicken sie auch denselben akademischen Lehrer, der sie maßgeblich prägte. Veress führt seine Schüler sorgsam an die komplexen Techniken des Kontrapunkts heran und vermittelt ihnen ein Gespür für melodische Linien. Darüber hinaus interessiert er sich für das Volkslied und widmet sich mit schöpferischer Energie weit zurückliegenden Traditionsbeständen der Musikgeschichte, wie dem englischen Madrigal des 17. Jahrhunderts.
Holliger und Kurtág kultivieren die Idee der kreativen Traditionsaneignung später in ihrem eigenen Kompositionsstil. György Kurtág ist bekannt für seine intensive Rezeption und originelle Anverwandlung des Bachschen Erbes. Heinz Holliger hat mit seinen subtilen Transkriptionen und Fortzeugungen der Musik von Guillaume de Machaut, einem französischen Komponisten des 14. Jahrhunderts, geschichtliches Terrain betreten.
Musikalische Berührungspunkte
Bei so vielen Parallelen drängt sich ein direkter Vergleich der beiden Komponisten geradezu auf. Das Münchener Label ECM New Series hat deshalb ein Aufnahmeprojekt unternommen, das Holligers und Kurtágs Klangpoesien miteinander in Schwingung zu bringen sucht. Resultat ist ein Album mit dem Titel “Zwiegespräche”, das soeben in den Handel gekommen ist. Es erscheint als Jubiläumsgabe zu Holligers 80. Geburtstag am 21. Mai 2019. Der Schweizer Musiker ist darauf als Komponist, Oboist und Pianist zu erleben.
Holliger legt Wert darauf, dass mit Zwiesprache nicht allein der Dialog zwischen ihm und György Kurtág gemeint ist. So ist auch die Stimme des großen Dichters Philippe Jaccottet auf dem Album zu hören, der Holliger mit einigen seiner Texte zu der Folge “Airs” (2015/6) inspiriert hat, und mit der Oboistin Marie-Lise Schüpbach und dem Klarinettisten Ernesto Molinari weiß Holliger Solisten an Bord, deren künstlerische Partnerschaft er schätzt und als bedeutsam für seine Musikalität ansieht.      
Kontemplative Klangreden
Zentrum des Albums bildet gleichwohl der musikalische Dialog zwischen Heinz Holliger und György Kurtág. Er vollzieht sich in aphoristischer Form. Es folgt Miniatur auf Miniatur. Am Ende steigt das Bild zweier behutsam schreitender Charaktere auf, die jeden ihrer musikalischen Schritte genau ausmessen und sich in kurzen Klangstatements nahe kommen. Dabei bleibt ihr kompositorischer Personalstil genauso spürbar, wie sich ihre musikalische Nähe aufdrängt. Am eindringlichsten vielleicht in beider Vertonung des berühmten Barockgedichts von Angelus Silesius über die Rose, die sich selbst genügt.
Holliger drückt die grundlose Schönheit der Rose mit einer natürlich fließenden Melodie aus. Dagegen ist in Kurtágs langsamerer Fassung eine eigentümliche Spannung zu spüren. Berührungspunkt ist die spirituelle Stimmung, die in beiden Versionen aufkommt und eine Art Ehrfurcht vor der Rose erahnen lässt.
Die deutsch-britische Sopranistin Sarah Wegener weiß beides zu nehmen. Ihr sanftes Timbre, das anspruchsvolle Legato ihres Gesangs und ihre klare Diktion fügen sich den kontemplativen Klangreden von Heinz Holliger und György Kurtág ganz selbstverständlich.

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