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Biografie

Evgeny Kissin
19.05.2010
"Kissin hat musikalischen Verstand, und, noch wichtiger, er hat Empfindungen." Bachtrack
Der russische Pianist Evgeny Kissin gehört zu den überragenden Musikern seiner Generation. Er wird von Publikum und Kritikern in der ganzen Welt bewundert für sein virtuoses und ausdrucksvolles Spiel und seine Interpretationen. In der Rezension seines Recitals im Barbican Centre im April 2018 hob The Independent (London) nicht nur sein “technisch makelloses” Spiel hervor, sondern auch seine “ausgezeichnete Kontrolle von Farben und Strukturen”, und einen Monat später rühmte die Washington Classical Review insbesondere seine “emotionale, von Seelenpein getragene Interpretation von [Beethovens] ›Hammerklavier-Sonate‹” im Kennedy Center. Angemessenes Lob für einen Künstler, der ständig gefragt ist bei den großen internationalen Orchestern und Dirigenten wie Vladimir Ashkenazy, Daniel Barenboim, Riccardo Muti, Seiji Ozawa und Sir Antonio Pappano.  
Evgeny Kissin wurde im Oktober 1971 in Moskau geboren. Begabt mit ganz ungewöhnlicher Musikalität, begann er schon kurz nach seinem zweiten Geburtstag, nach dem Gehör auf dem Klavier zu spielen und zu improvisieren, und bereits vorher war er voller Begeisterung für das Instrument gewesen. Mit sechs Jahren trat er in die Moskauer Gnessin-Schule ein, ein Elite-Institut für junge Musiker. Er erhielt dort Unterricht bei Anna Pavlovna Kantor, die seine einzige Lehrerin blieb. Kissin machte so rasch Fortschritte, dass er mit zehn Jahren erstmals ein großes Werk mit Orchester aufführte: Mozarts Klavierkonzert d-Moll KV 466. Im Jahr darauf gab er sein erstes Recital in Moskau und der internationale Durchbruch erfolgte im März 1984, als er die Klavierkonzerte Nr. 1 und 2 von Chopin im großen Saal des Moskauer Konservatoriums mit dem Moskauer Philharmonischen Orchester unter Leitung von Dmitri Kitayenko spielte.
Die Live-Aufnahmen von Kissins Interpretationen der Chopin-Konzerte, veröffentlicht bei Melodia, bestätigten die musikalische Reife des 12-jährigen Pianisten und machten ihn auch außerhalb der Sowjetunion bekannt. Er trat 1985 erstmals in Osteuropa auf, unternahm im Jahr darauf eine Japantournee und hatte seinen ersten Auftritt in Westeuropa 1987 im Rahmen der Berliner Festspiele. Im Sommer 1988 spielte er Herbert von Karajan vor, der ihn prompt einlud, beim kommenden Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker als Solist des Klavierkonzerts Nr. 1 von Tschaikowsky aufzutreten. Der Mitschnitt der Aufführung, den Deutsche Grammophon 1989 nur wenige Wochen nach Karajans Tod veröffentlichte, fand sofort Anerkennung als Meilenstein in der Aufnahmegeschichte des Werks.
Evgeny Kissin war im Juli 1990 erstmals bei den BBC Proms zu hören und spielte bald darauf bei seinem ersten Auftritt in Nordamerika die beiden Chopin-Konzerte mit den New Yorker Philharmonikern und Zubin Mehta. Im September 1990 eröffnete er die Jubiläumssaison der Carnegie Hall zu deren 100-jährigem Bestehen mit einem sensationellen Debüt-Recital, dessen Mitschnitt außergewöhnlich erfolgreich bei Kritikern und Publikum aufgenommen wurde. In seiner Diskografie finden sich unter anderem ein mit dem Grammy ausgezeichnetes Album mit Solowerken von Skrjabin, Medtner und Strawinsky; sämtliche Klavierkonzerte von Beethoven mit dem London Symphony Orchestra und Sir Colin Davis; Prokofjews Klavierkonzerte Nr. 2 und 3 mit dem Philharmonia Orchestra und Vladimir Ashkenazy, ebenfalls mit einem Grammy ausgezeichnet; sowie Alben mit Solowerken von Brahms, Chopin und Schumann. Hinzu kommt eine Reihe bedeutender früher Aufnahmen für Deutsche Grammophon, darunter von den Kritikern gefeierte Aufführungen mit den Berliner Philharmonikern, Herbert von Karajan und Claudio Abbado.
Im Juni 2017 unterzeichnete Kissin einen neuen Exklusivvertrag mit dem gelben Label. Zum Auftakt der erneuten Partnerschaft veröffentlichte DG im August 2017 ein Doppelalbum mit Live-Aufnahmen von fünf Beethoven-Sonaten und den 32 Variationen in c-Moll WoO80. Sein nächstes Album erscheint am 5. April 2019: The New York Concert, in der Carnegie Hall aufgenommen, dokumentiert das letzte der acht Konzerte, die Kissin Anfang 2018 mit dem Emerson String Quartet gab; es stellt Werke von Mozart, Fauré und Dvořák vor.
Zu den Höhepunkten von Kissins Saison 2017/18 zählten Aufführungen von Bartóks Klavierkonzert Nr. 2 in Monte Carlo, Hamburg und Paris; Recital-Tourneen durch Europa  und Nordamerika mit Beethovens “Hammerklavier-Sonate” und ausgewählten Préludes von Rachmaninow; sowie die oben erwähnte Tournee mit dem Emerson String Quartet, die die Musiker nach Baden-Baden, Paris, München, Essen, Wien, Chicago, Boston und New York führte.
Die laufende Spielzeit begann Kissin mit Aufführungen von Liszts Klavierkonzert Nr. 1 in Bremen, Prag und Paris. Es folgten Recitals in Nordamerika und Asien sowie weitere Aufführungen des Liszt-Konzerts in Tokio, Seoul, Hongkong, Genf, Lausanne und Berlin. Nach einer Recital-Tournee durch Europa mit Werken von Chopin, Schumann, Debussy und Skrjabin (Februar/März 2019) reist er in die USA, wo er mit dem Geiger Itzhak Perlman Konzerte in Boston, New York, Washington DC und Chicago sowie weitere Solo-Recitals unter anderem in der Carnegie Hall und der Place des Arts in Montreal gibt (April/Mai 2019).
Zahlreiche renommierte Auszeichnungen und Preise wurden Evgeny Kissin verliehen. Er erhielt 1991 den Internationalen Preis der Accademia Musicale Chigiana und wurde 1995 der jüngste “Instrumentalist des Jahres” von Musical America. Zwei Jahre später erhielt Kissin für seinen überragenden Beitrag zur russischen Kultur den Triumph-Preis, eine der höchsten kulturellen Auszeichnungen der Russischen Föderation, und gab als erster Pianist seit Gründung des Festivals 1895 ein Solo-Recital bei den BBC Proms. Weitere Ehrungen sind der Schostakowitsch-Preis (2003), die Ehrenmitgliedschaft der Royal Academy of Music in London (2005), der Herbert von Karajan Musikpreis (2005), der Premio Arturo Benedetti Michelangeli (2007) und Ehrendoktorwürden der Manhattan School of Music (2001), University of Hong Kong (2009), Hebrew University of Jerusalem (2010) und Ben-Gurion University des Negev (2014). Seine Sammlung autobiografischer Schriften, Memoirs and Reflections, erschien 2017.
3/2019

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