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Reto Bieris musikalischer Blick ins Jenseits

Reto Bieri
Marco Borggreve / ECM Records
09.05.2019
Auf dem Album “Quasi morendo” interpretieren der Klarinettist Reto Bieri und das Streichquartett Meta4 Werke von Johannes Brahms, Gérard Pesson und Salvatore Sciarrino.
Der Schweizer Klarinettist Reto Bieri liebt es, neue Wege einzuschlagen und in seinen Programmen spannungsvolle Bezüge zwischen den Stücken aufzutun. Auf seinem neuen Album "Quasi morendo", das am 10. Mai bei ECM veröffentlicht wird, widmet sich Bieri zusammen mit dem Streichquartett Meta4 dem Klarinettenquintett op.115 von Johannes Brahms, und stellt dieses zwei mystisch anmutenden zeitgenössischen Kompositionen gegenüber.
Melancholischer “Schwanengesang” von Johannes Brahms im Zentrum
Herzstück des Albums ist das Klarinettenquintett op.115 in h-Moll von Johannes Brahms, das dieser 1891 in Meiningen komponiert hat. Beinahe wäre es gar nicht erst zur Entstehung des Quintetts gekommen. So hatte sich Johannes Brahms eigentlich bereits dazu entschlossen, in Pension zu gehen und mit dem Komponieren aufzuhören. Dann jedoch lernte er den Klarinettisten Richard Mühlfeld kennen, den damaligen Soloklarinettisten der Meininger Hofkapelle, und war von dessen Begabung und Ausdruckskraft an seinem Instrument derart fasziniert und inspiriert, dass er in Folge nicht nur das Klarinettenquintett, sondern auch ein Klarinettentrio sowie zwei Klarinettensonaten komponierte. Dass das Klarinettenquintett jener Reife- und Spätphase im Schaffen Brahms entstammt, zeigt sich an seiner inneren Freiheit wie komplexen Struktur gleichermaßen. Fragil, wehmütig und von einem melancholischen Grundton geprägt, gleicht das Quintett einem “Schwanengesang”. Der Komponist zeigt sich dabei als akribischer Tonschöpfer, der intensiv an der motivisch-thematischen Variationsarbeit feilte. Während sich die thematischen Variationen im ersten Satz eher episodisch aneinanderreihen, erinnert der letzte Satz des Quintetts mit seinen Variationen bisweilen an einen Totentanz.
Zeitgenössische Kompositionen bilden den Rahmen
Auf dem Album "Quasi morendo" wird das Klarinettenquintett op.115 von Brahms umrahmt von zwei ebenso außergewöhnlichen wie stimmungsvollen zeitgenössischen Kompositionen, die das melancholische Spätwerk Brahms spannungsvoll einbetten. Zu Beginn erklingt "Let Me Die Before I Wake" des Komponisten Salvatore Sciarinno aus dem Jahr 1981, das mit seinem Titel Bezug auf den Buchtitel von Derek Humphry nimmt, einem amerikanischen Befürworter der Sterbehilfe. Gleichwohl für Klarinette solo, ist das höchst anspruchsvolle Stück fast durchgehend zweistimmig komponiert und lotet mit seiner Kombination aus einer choralartigen Melodie und hohen Pfeifftönen die Grenzen des spieltechnisch Machbaren aus. “Wie die Klänge in diesem Stück zustande kommen, ist selbst mir als Klarinettist rätselhaft”, sagt Bieri. Zwar könne er gewisse Erklärungen dazu geben, was die Atem- und die Grifftechnik anbelangt. Wie das Ganze physikalisch zu erklären ist, sei ihm allerdings ein Rätsel und er sei sogar froh darüber. “So muss es sein”, sagt Bieri. “Es ist rätselhafte Musik und sie hat rätselhaft zu sein.” Ähnlich suggestiv in seiner Wirkung ist auch das Schlussstück des Albums, das "Nebenstück" von Gérard Pesson. Dabei handelt es sich um eine verfremdete Bearbeitung von Brahms Ballade op.10/4 für Klavier aus dem Jahre 1854, die von Pesson nun für Klarinette und Streichquartett instrumentiert wurde. Die Musik erscheint dabei wie hinter einer Wand gespielt und erklingt geisterhaft entfernt, gedämpft und hauchend.
Tiefgründige Interpretation durch Reto Bieri und Meta4

Mit dem Schweizer Reto Bieri und dem finnischen Streichquartett Meta4 haben fünf Musiker zueinander gefunden, die in ihrer dichten Interpretation und feinsinnigen Ausdeutung der besonderen Werke überzeugend harmonieren. Dabei verfügt der Bieri in seinem Spiel über eine beeindruckende Vielfalt an Klangfarben und zeigt sich das finnische Streichquartett als kongenialer Partner bei der Annäherung an Johannes Brahms, die in ihrer musikalischen Tiefgründigkeit weit über die irdischen Grenzen hinausgeht.

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