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Erweiterte Klangrealitäten – Evgueni Galperine erkundet poetisches Neuland

Evgueni Galperine
20.10.2022
Brüche und Neuanfänge in der Musikgeschichte erschließen sich meist erst späteren Generationen. Bei der Musik von Evgueni Galperine gewinnt man indes den Eindruck, der Entwicklung von Neuem in Echtzeit beizuwohnen. Der Komponist entfaltet eine Klangpoesie, die man als wesentliche Erweiterung der impressionistischen und minimalistischen Musik des 20. Jahrhunderts begreifen kann. Der Künstler selbst charakterisiert seinen Stil in Anlehnung an einen Ausdruck aus der Computersprache als „erweiterte Realität akustischer Instrumente“, die er beim Zusammenspiel realer und virtueller Instrumente entstehen lasse. 
Evgueni Galperine wurde 1974 in der russischen Großstadt Tscheljabinsk am Ural geboren. Über Zwischenstationen in Kiew und Moskau gelangte seine Familie zu Beginn der 1990er Jahre nach Paris, wo Evegueni am Konservatorium Komposition und am Conservatoire de Boulogne Elektroakustische Musik studierte. An der Seite seines Bruders Sacha stieg er in der Folgezeit zu einem der bedeutendsten Filmkomponisten Frankreichs auf.
Der Traum vom freien Komponieren
Unterdessen lebte der Traum vom freien Komponieren in ihm weiter. Als Galperine sich 2017 ein Herz fasste und mit den Arbeiten für das ECM-Album „Theory of Becoming“ begann, trat der russische Filmregisseur Andrei Swjaginzew an ihn heran und bat ihn um Musik für sein Drama „Loveless“. Swjaginzew wollte, dass Galperine das Score ohne Kenntnis des Drehbuchs und Films schreibt. Galperine willigte ein und machte die Erfahrung, dass er ohne Geländer komponieren kann. 
Das verlieh seinem freien Komponieren einen energetischen Schub, der in seinem gerade erschienenen New Series-Album zu spüren ist. „Theory of Becoming“ versammelt erstmals Werke des Komponisten, die jenseits filmmusikalischer Verpflichtungen entstanden sind. Das Album überrascht mit neuartigen Klängen, die eine eigene Dynamik entfalten. Bestechend ist die emotionale Direktheit, die der Komponist mit seinen raffiniert arrangierten Klangmixturen aus akustischen und elektronischen Ressourcen zu erzeugen vermag.
Klang und Emotion  
Im Gegensatz zu Arvo Pärt, von dem er hörbar geprägt ist, scheint sich Galperine an kein spirituelles Zentrum zu binden. Das macht seine Klangsprache beweglicher, aber auch verletzlicher. Jedenfalls wirken Stücke wie „Cold Front“ mit den sanften Trompetenstößen von Sergei Nakariakov oder „Don’t Tell“ mit der eindringlich flüsternden und singenden Masha Vasyukova wie einsame Rufe in den leeren Raum. Dagegen treten in „Soudain, le vide“, das Galperine als eine Art Requiem für einen verstorbenen Freund verfasst hat, nach schmerzlichen Seufzern auch aufbegehrende Stimmungen hervor. 
Zu den erschütterndsten Arbeiten des Albums zählt „This Town Will Burn Before Dawn“. Die Idee zu dem Werk habe, so der Komponist, „mit der Invasion in die Ukraine, dem Land meines Vaters und meiner Kindheit“, eine „vollkommen neue Bedeutung angenommen“. Als er das Stück schuf, stand Galperine eine blühende, von hohen humanitären Standards geprägte Stadt vor Augen, die von Barbaren zerstört wird. Aber was zerstört wird, kann auch wieder aufgebaut werden, und die leisen Töne der Hoffnung, die Galperine nach den unheimlichen und militanten Atmosphären des Untergangs anstimmt, gehören zu den berührendsten Momenten seines Albums. 
 

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