Christian Jost | News | Liebe, Zauber, Verzweiflung – Robert Schumanns Liederzyklus "Dichterliebe" erscheint in einer Neukomposition von Christian Jost

Liebe, Zauber, Verzweiflung – Robert Schumanns Liederzyklus “Dichterliebe” erscheint in einer Neukomposition von Christian Jost

Christian Jost
© Joe Qiao
11.04.2019

Jost hat das epochale romantische Opus für ein Kammerorchester umgeschrieben

Vom euphorischen Taumeln im “wunderschönen Wonnemonat Mai” zu durchweinten Nächten und entrücktem Wahnsinn: 1840 schuf der Komponist Robert Schumann mit seiner Vertonung von Gedichten Heinrich Heines, im eindringlichen Liederzyklus “Dichterliebe” (Opus 48) einen Höhepunkt des romantischen Kunstlieds. Die Worte Heines, die Melodien Schumanns hat der deutsche Komponist und Dirigent Christian Jost nun in seine erstaunliche neue Fassung des Werks übersetzt und sie dort harmonisch weitergedacht. Aufgenommen mit dem neunköpfigen Horenstein-Ensemble, singen in “Dichterliebe” der dänische Tenor Peter Lodahl und, in weiteren Aufnahmen des Liederkreises Opus 39 von Schumann, die Mezzosopranistin Stella Doufexis.

Jost hat den harmonischen Rahmen von Schumanns Klavierbegleitung erweitert

Christian Jost ist namhaft in der gegenwärtigen Musikszene, insbesondere durch seine Oper “Rote Laterne” für das Opernhaus Zürich. Sein Oeuvre umfasst zahlreiche Orchesterwerke, darunter  “Heart of Darkness”, uraufgeführt von den Berliner Philharmonikern. Als Dirigent gastierte Jost bei den Essener Philharmonikern, der Niederländischen Philharmonie und dem Shanghai Chinese Orchestra. Die ursprüngliche Klavierbegleitung Schumanns arrangierte und erweiterte er für das Horenstein-Ensemble, dessen unkonventionelle Besetzung auffällt: Streichquartett, Harfe und Celesta, Marimba und Vibraphon, Klarinette und Altflöte. Schumanns “Dichterliebe” erhält doppelte Länge durch neu komponierte Instrumentalpassagen, welche die ursprünglich in sich abgeschlossenen 16 Lieder verbinden. Wo die Originale “oft so verknappt sind, dass der harmonische Kern vorbei zu huschen scheint”, wo die Partituren wirken wie Türen, die Schumann aufmachte, ohne selbst hindurch zu gehen, da habe er die Räume hinter diesen Türen betreten, sagt der Komponist.

Der “schmale Grad zwischen Schmerz und Leichtigkeit”, faszinierte Jost

Luftig und hell, dann gläsern und brüchig, klingt Josts ganz moderne Tonsprache hier an Tango und Bossa Nova an, er jazzt einzelne Passagen regelrecht auf. Einen Hit des Doppel-Albums könnte man das Lied “Ich grolle nicht” nennen, wo Lodahl mit stoisch rollendem -R- über einem brodelnden, synkopierten, flatterhaft vibrierenden, spiralförmig verwobenem Klangnetz balanciert, bis der Schmerz (“zerrissen mir das Herz”) doch lautstark aus ihm herausbricht. Die Klarinette klagt an seiner Seite. Josts neue elegante Arrangements wollen dabei überhaupt nicht die tiefschürfende Gefühlswelt Schumanns und Heines verbergen, überspielen oder verpoppen.

Ein Todesfall überschattete die Neu-Komposition der “Dichterliebe”

Den “Schmerz als Motor der Kunst” spürte der 55-Jährige selbst ganz überwältigend beim Komponieren. Das neue Opus entstand in Zeiten der Trauer über den Tod seiner Ehefrau Stella Doufexis im Dezember 2015. Ursprünglich hatte Jost die Idee, die Umgestaltung der “Dichterliebe” von ihr singen zu lassen. Die Arbeit durchdrang der Schmerz über ihren Tod. Es ging für Jost beim Schreiben “ans Eingemachte”, so der Künstler.
Dramaturgischer Wendepunkt der “Dichterliebe” ist “Hör ich das Liedchen klingen”, wo Hoffnung und Optimismus in dunkles Sehnen übergehen. In diesem Lied verschmelzen Schumann und Jost in einem Meer der Gefühle, in dem sich alles aufzulösen scheint. In “Ich hab’ im Traum geweinet”, wollte Jost sich in einen bestimmten Zustand regelrecht hineinbohren. Die Veränderung der Schumann’schen Begleitung zu einem rhythmischen Ostinato half ihm, zum Herzen des Lieds vorzudringen.
Wie eine Coda aus einer anderen Welt wirken auf dem Album dann eine unveränderte Originalfassung der Dichterliebe, wie auch Schumanns Liederkreis Opus 39. Stella Doufexis hat sie ein Jahr vor ihrem Krebstod aufgenommen. Mit ihrer Stimme bekommen sie eine weibliche Perspektive. Sie habe “diese Lieder wie Chansons angelegt”, findet Jost. Ihre schlichten, mit Klavier begleiteten Interpretationen hauchen Schumanns morbider Melancholie neue Kraft und Zuversicht ein. “Die Liebe des Dichters, des Komponisten — sie klingt weiter”, bekräftigt Jost.