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Ravi Shankar – Homage To Mahatma Gandhi

30.07.2004
Daß der Name Ravi Shankars in den letzten beiden Jahren fast nur im Zusammenhang mit dem seiner unehelichen Tochter Norah Jones fiel, ist schon ein bißchen traurig. Schließlich gilt der indische Sitarspieler seit den 50er Jahren als der herausragende Instrumentalist der klassischen indischen Musik. Der Geiger Yehudi Menuhin nannte ihn einst gar den “Mozart Indiens”.
Nachdem Ravi Shankar in den frühen 60er Jahren die Beatles beeinflußt hatte und durch sie im Gegenzug dem Pop-Publikum nahegebracht worden war, vollbrachte er zwischen 1967 und 1975 viermal das Kunststück mit Alben, die vom Standard westlicher Popmusik Lichtjahre entfernt waren, in die Billboard-Pop-Charts einzuziehen. Außerdem gewann er drei Grammys (1967 für “West Meets East”, 1972 für seine Beteiligung am legendären “The Concert For Bangla Desh”-Album und 2001 für “Full Circle: Carnegie Hall 2000”), war einmal für einen Filmmusik-Oscar nominiert und plazierte sich 1997 und 2001 mit seinen Alben “Mantram: Chant Of India” und “Full Circle: Carnegie Hall 2000” in den Top 10 der World-Music-Albumcharts von Billboard. Nun werden auf dem Album “Homage To Mahatma Gandhi” drei Klassiker Ravi Shankars erstmals zusammen auf einer CD veröffentlicht.
Eine der größten Tragödien der Menschheitsgeschichte war das Attentat, dem 1948 Mohandas Karamchand “Mahatma” Gandhi (nicht verwandt mit den Mitgliedern der ebenfalls weltbekannten Gandhi-Nehru-Dynastie!!!), die “große Seele” der indischen Demokratie zum Opfer fiel. Der Rechtsanwalt und Prediger der Gewaltlosigkeit hatte nach der Unabhängigkeit Indiens den Haß von Hindu-Fundamentalisten auf sich gezogen, die ihn für die Abspaltung Pakistans verantwortlich machten.
Wenige Tage nach dem Mord, der die Welt erschütterte, stimmte der Sitarspieler Ravi Shankar sein Instrument vor einer Aufführung beim All India Radio, als ihn der Produzent der Sendung darum bat, etwas zur Ehre Mahatma Gandhis zu spielen. In fieberhafter Inspiration improvisierte Ravi Shankar die Raga “Mohan kauns”. Er nahm Silben aus Gandhis Namen (und seinen Beinamen), die gleichzeitig Noten des indischen Tonsystems bezeichnen, und komponierte von ihnen aus das Stück, das mit unterschwelligen, geisterhaften Baßtönen beginnt, die in ein kraftvolles Crescendo münden, das den Triumph Gandhis symbolisieren sollte. 33 Jahre später schrieb Ravi Shankar die Musik zur Filmbiographie “Gandhi” des amerikanischen Regisseurs Richard Attenborough. Kein indischer Bollywood-Produzent hatte sich davor an das Thema gewagt, Shankar nominierte man für seinen Beitrag 1982 für einen Filmmusik-Oscar. “Mohan kauns” wurde in den späten 70ern, die beiden Stücke aus dem “Gandhi”-Soundtrack in den frühen 80er Jahren auf LPs veröffentlicht. Auf der neuen CD “Homage To Mahatma Gandhi” erscheinen sie nun erstmals im digitalen Format.
Ravi Shankar, 1920 in Varanasi geborener Brahmane, ist der Vater von Norah Jones und deren zwei Jahre jüngeren Halbschwester Anoushka Shankar, die eine der ganz wenigen Frauen ist, die in die Geheimnisse des Sitarspielens eingeweiht wurden (bei dem Rummel um Norah wurde völlig übersehen, daß 2003, als der Grammy-Segen auf Jones herabregnete, auch Anoushka Shankar für den Grammy für das beste Weltmusik-Album nominiert war). Davon abgesehen ist die Bedeutung des “Mozarts Indiens”, wie ihn einmal Yehudi Menuhin nannte, für die klassische Musik des Subkontinents heute größer denn je, denn die boomende indische Musikindustrie läßt das Klassikgenre zunehmend links liegen. Shankar ist als Botschafter der indischen Sitarmusik seit den 50er Jahren umjubelt. Seine 1969 erschienene Autobiographie “My Music, My Life” gilt als beste Einführung in Indiens Klassik. Die Liste der westlichen Kollaborateure Shankars ist lang, sie enthält Yehudi Menuhin, André Previn und das LSO, die Beatles oder Philip Glass. Jenseits aller Weltmusik-Klischees offenbart seine “Homage To Mahatma Gandhi” die seit Jahrhunderten von Lehrer zu Schüler weitergegebene, hoch entwickelte Kunst der Sitarmusik. Shankars friedvolle spirituelle Schwingungen sind dabei ein wertvoller Beitrag auch im heutigen politischen Tagesgeschehen.

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