Andris Nelsons | Offizielle Biografie

Biografie

Andris Nelsons
© Marco Borggreve / DG
Sorgfältigste Vorbereitung und elektrisierende Orchesterleitung zeichnen ihn aus ‒ Der lettische Dirigent Andris Nelsons ist Musikdirektor des Boston Symphony Orchestra und Kapellmeister des Gewandhausorchesters Leipzig.
Die Partnerschaft des Dirigenten mit dem Gewandhausorchester begann 2011 mit einem erfolgreichen ersten gemeinsamen Konzert, danach kehrte Nelsons regelmäßig als Gastdirigent zurück und wurde schließlich im Februar 2018 zum 21. Gewandhauskapellmeister ernannt. Während der vierwöchigen Festspiele zum 275. Geburtstag des Orchesters und zu seiner offiziellen Einführung in das Amt dirigierte er nicht weniger als elf Konzerte mit fünf verschiedenen Programmen. Er kombinierte Standardrepertoire mit der Uraufführung von drei neuen Werken und gab dem Publikum einen Vorgeschmack auf die Energie und musikalische Vielfalt, die er seither auf diesem Posten bewiesen hat. In der Besprechung eines der beiden Konzerte, die er im letzten Oktober mit dem Gewandhausorchester in der Royal Festival Hall gab, rühmte The Guardian beispielweise die “Kraft und Theatralik” seiner Aufführung von Mahlers Symphonie Nr. 1 und hob besonders den letzten Satz hervor: “Das Finale war unwiderstehlich, wobei die Flut des Bläserklangs alles mit sich riss, ohne je den Rest des Orchesters zu überdecken”.
Nelsons’ Erfolg zeigt sich nicht nur im Lob der Kritiker und dem Beifall des Publikums, sondern auch besonders darin, wie schnell er enge, produktive Beziehungen mit erfahrenen Orchestermusikern aufbauen kann. Bei ihrer ersten Zusammenarbeit im März 2011 schuf er sofort eine Verbindung mit dem Boston Symphony Orchestra, eine wechselseitige Zuneigung, die in den folgenden beiden Spielzeiten durch Aufführungen beim Tanglewood Festival und in der Symphony Hall in Boston noch zunahm. Er wurde zum 15. Musikdirektor des Orchesters ernannt, seine Amtszeit begann mit der Spielzeit 2014/15 und nach nur einem Jahr wurde sein Vertrag bis zur Spielzeit 2021/22 verlängert. Seither hat er zwei Europatourneen mit dem Orchester unternommen und im September 2018 eine dritte absolviert, die zwölf Konzerte in acht Städten umfasste.
Mit Nelsons’ Berufung als Gewandhauskapellmeister kündigte er auch eine Kooperation des Gewandhausorchesters mit dem Boston Symphony Orchestra an, gemeinsame Kompositionsaufträge und pädagogische Initiativen sowie gemeinschaftliche und einander ergänzende Spielplangestaltung sind geplant. Nelsons möchte den kulturellen Austausch zwischen den beiden Institutionen leiten und mit ihnen häufige transatlantische Konzertreisen unternehmen, bei denen die Musiker des BSO im Gewandhaus und ihre deutschen Kollegen in der Symphony Hall auftreten können. Er sieht die neue Partnerschaft als “eine einzigartige Möglichkeit, die großen musikalischen Traditionen dieser Orchester zu erkunden und für Zuhörer in der ganzen Welt spannende und bedeutsame neue Erfahrungen zu schaffen.”
Andris Nelsons arbeitet zudem regelmäßig mit den Wiener Philharmonikern, den Berliner Philharmonikern und dem Concertgebouworkest. Im Juni 2018 kehrte er an das Royal Opera House, Covent Garden zurück, um die Neuinszenierung von Lohengrin zu dirigieren. Der Guardian lobte: “Nelsons’ wunderbar umfassende Leitung, voll von Momenten ruhiger, verzückter Intensität und aufwallender, bebender Erregung … gehört zu den größten Pluspunkten dieser neuen Produktion”. Zu den Höhepunkten der laufenden Saison zählen am Pult des BSO in Boston Szymanowskis Violinkonzert Nr. 1 mit Lisa Batiashvili, Schumanns Klavierkonzert mit Yuja Wang (beide im Februar) und Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 3 mit Daniil Trifonov (April); Beethovens Symphonien Nr. 1, 2, 4 und 5 mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein (März); seine erste Tournee mit dem Gewandhausorchester nach Japan und China (Mai/Juni); und Skrjabins Klavierkonzert mit Trifonov und den Berliner Philharmonikern in Berlin (Juni). 2020 kehrt Nelsons nach Wien zurück, um anlässlich von Beethovens 250. Geburtstag alle neun Symphonien des Komponisten mit den Wiener Philharmonikern aufzuführen. Er wird zudem das berühmte Neujahrskonzert des Orchesters dirigieren, das weltweit für ein Millionenpublikum übertragen wird.
Im Mai 2016 unterzeichnete der Dirigent einen Exklusivvertrag mit Deutsche Grammophon, der den Weg bereitete für bedeutende Projekte mit dem BSO und dem Gewandhausorchester:
Nelsons und das BSO nehmen sämtliche Symphonien von Schostakowitsch und die Oper Lady Macbeth von Mzensk auf. Das erste Album – das als Teil der Serie Shostakovich Under Stalin’s Shadow erschien – war eine Liveaufnahme der Symphonie Nr. 10, die im Februar 2016 den Grammy in der Kategorie “Beste Orchesteraufführung” erhielt. Auf dem nächsten Album, das im Mai 2016 herauskam, sind auf 2 CDs die Symphonien Nr. 5, 8 und 9 des russischen Komponisten sowie die Suite aus Hamlet versammelt. Es erhielt 2017 den zweiten Grammy der Serie, wiederum als “Beste Orchesteraufführung”. Das dritte Album der Schostakowitsch-Edition enthält die Symphonien Nr. 4 und 11 und erschien international im Juli 2018. Es erhielt kürzlich nicht nur einen Grammy als “Beste Orchesteraufführung” und damit schon den dritten für diese Serie, sondern auch den Grammy in der Kategorie “Beste Abmischung eines Albums, Klassik”. Das vierte Album dieser Serie, eine Doppel-CD mit den Symphonien Nr. 6 und 7, der Schauspielmusik zu King Lear und der Festlichen Ouvertüre wurde am 22. Februar 2019 veröffentlicht.
Nelsons nimmt zudem die Symphonien von Anton Bruckner mit dem Gewandhausorchester auf. Bei dem Projekt ist auf jedem Album eine der Symphonien mit einem Ausschnitt aus einer Wagneroper gekoppelt. Es startete im Mai 2017 unter dem Beifall der Kritik mit der Veröffentlichung der Symphonie Nr. 3 des österreichischen Komponisten und der Ouvertüre zu Wagners Tannhäuser. Gramophone rühmte Nelsons’ Arbeit: “Als Bruckner-Interpret ist er direkt, umsichtig und raumgreifend, er leitete die Aufführung mit sicherer Hand und Zielstrebigkeit, hielt sich aber auch sorgfältig an die Anweisungen zu Tempi und Dynamik.” Die zweite Veröffentlichung dieser Reihe stellte das Vorspiel zu Lohengrin neben Bruckners Symphonie Nr. 4 und erschien im Februar 2018; das dritte Album mit der Symphonie Nr. 7 sowie Siegfrieds Trauermarsch aus Götterdämmerung kam zwei Monate später heraus. Im Mai 2019 erscheint die vierte Veröffentlichung in dieser Reihe, das Doppelalbum vereint Bruckners Symphonien Nr. 6 und 9 mit Wagners Siegfried Idyll und dem Vorspiel aus Parsifal.
Andris Nelsons wurde als Spross einer musikalischen Familie 1978 in Riga geboren. Er hatte als Kind Klavierunterricht und machte später rasche Fortschritte als Trompeter. Schon als Teenager trat er mit dem Orchester der Lettischen Nationaloper auf und gewann Einblick in den professionellen Orchesterbetrieb. Frühe Erfahrungen als Dirigent erwarb er unter Anleitung von Mariss Jansons, der sein Lehrer und Mentor wurde. Mit 21 Jahren dirigierte Nelsons erstmals an der Lettischen Nationaloper, zwei Jahre später wurde er deren Musikdirektor. Die visionären Aufführungen von deutscher und slawischer Musik, die der junge Dirigent in Lettland und als Chefdirigent der Nordwestdeutschen Philharmonie leitete, blieben auch in Großbritannien nicht unbemerkt und führten zu seiner Berufung als Musikdirektor des City of Birmingham Symphony Orchestra (2008–15). In den Jahren an der Spitze des CBSO profilierte sich Nelsons als der viel gefragte Dirigent, der er heute ist, und seine Verdienste um die Musik in Großbritannien fanden unlängst Anerkennung mit einem Ehren-OBE, der ihm im letzten Oktober bei einer Zeremonie in der Royal Festival Hall überreicht wurde.
2/2019