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Original Masters — Amadeus Quartett: Erste Runde

12.03.2004
Kammermusik hatte es schwer. In Zeiten, als Grammophone noch vorwiegend Rauschen mit einer Prise Musik von sich gaben und außerdem höchstens fünf Minuten am Stück abspielen konnten, waren leise Töne kaum vermittelbar. Was für eine Segnung stellten da die neuen Aufnahme- und Wiedergabeformate der Langspielplatte dar, die seit den frühen fünfziger Jahren den Markt eroberten. So konnten Ensembles wie das Amadeus Quartet endlich vor die Mikrofone treten und ihre Kunst angemessen für die Nachwelt festhalten.
Die Geschichte des Amadeus Quartets ist oft erzählt worden. Verschiedene Emigrantenschicksale hatten drei junge Wiener Musiker nach England verschlagen, wo sie über kriegsbedingte Wirren hinweg in Glyndebourne dem jungen Cellisten Martin Lovett begegneten. Sie begannen, gemeinsam zu musizieren, gaben sich zunächst den Namen Brainin Quartet, änderten ihn aber bereits 1948 in Amadeus Quartet. Die Zusammenarbeit funktionierte, innerhalb kurzer Zeit wirkten sie bereits wie ein symbiotisches Ensemble, dass vor allem mit Mozart und Haydn sich einen Namen machte. Im März 1949 entstanden die ersten Aufnahmen für die Decca, das “Streichquartett No. 1” des zeitgenössischen Komponisten Priaulx Rainier. Bald darauf folgten frühe Versionen von Mozart und Haydn, mal für die EMI, mal für Westminster Records. Es war eine Epoche des Übergangs, die von der Schellack-Ära der 78 Ump in die Langspielplattengeschichte mündete. Noch war nicht klar, wohin die Entwicklung führte, und so nahm das Amadeus Quartet im Februar 1951 Haydns “Kaiserquartett” noch in der alten schnelldrehenden Technik auf. Bald aber wurde klar, dass der Epochenwechsel vollzogen war. Es wurden zahlreiche Einspielungen gemacht, bis sich um 1957 der nächste Umschwung mit der Markteinführung der Stereophonie ankündigte. Für viele Musiker bot sich damit eine zweite Chance, im zeitlichen Abstand von rund einem Jahrzehnt noch einmal ins Studio zu gehen und unter den neuen akustischen Bedingungen frühere Interpretationen zu revidieren und zu perfektionieren.
 
Auch das Amadeus Quartet nützte diese Chance und archivierte während seiner vierzigjährigen Laufbahn einige seiner Lieblingswerke sogar dreimal. Im Unterschied zu manchen Kollegen hatte es aber kein Problem damit, an die früheren Versionen erinnert zu werden. Und das hatte auch seine Gründe. Denn wie die Original Master-Box “Amadeus Quartet — Haydn, Schubert, Brahms — 1951–57” belegt, hatte das Ensemble bereits früh zu einem markanten Stil gefunden. Die überwiegend mono aufgenommenen Werke zeugen von einer musikalischen Harmonie der vier Beteiligten, wie sie nur selten zwischen Künstlern gelingt. Sie dokumentieren ein hörbar junges Ensemble mit enorm kompaktem Klangvermögen, das die Vorzüge der Studioaufnahmen durchaus für sich zu verwenden verstand. Denn in der Abgeschlossenheit wie in den Londoner Abbey-Road-Studios entstanden energetische und präsente Interpretationen von Schuberts “Der Tod und das Mädchen” oder auch von Brahms “Streichquartett in a-moll, op.51 Nr.2”, wie sie trotz Stereophonie in späteren Jahren kaum zu übertreffen waren. Die 7 CDs der Original Masters-Box sind daher eine Entdeckungsreise in die Vergangenheit eines Ensembles, aber auch einer Darstellungskultur, die noch offen war für tatkräftige, experimentierfreudige Musiker.