Wilhelm Furtwängler | News | Edler Ernst

Edler Ernst

07.02.2003
Was müssen sie gelitten haben. Schumann wie auch Furtwängler. Denn in ihren Symphonien wächst die Dramatik zur Tragik heran, zum emphatischen Erleben großen Klangs, das stellenweise ins Erleiden kippt. Hier formuliert sich eine vergangenen Epoche der Schreib- und Interpretationskultur, der die Ironie und Lakonik der Gegenwart fremd war. Ernste Grüße aus der Vergangenheit.
Wilhelm Furtwängler kannte man als Dirigenten, nicht als Komponisten. Er selbst hatte in seiner Jugend eine vorläufige Zäsur vorgenommen und sich auf die Deutung von Musik konzentriert, weil ihm die eigenen Klangideen den Schlaf raubten. Sporadisch kehrte er dennoch an den Schreibtisch zurück und widmete sich seiner individuellen musikalischen Tonsprache, beeinflusst vor allem von Bruckner und Mahler. Sie wurde ihm sogar zur Rettung in künstlerisch schwerer Zeit, als er im Rahmen der Entnazifizierungsbemühungen der Alliierten nach Ende des Zweiten Weltkrieges zeitweise nicht mehr ans Pult treten durfte. In den mittleren und späten Jahren etwa entstehen sein “Symphonisches Konzert für Klavier und Orchester” (1937), die “Sonaten in d-moll (1937) und e-moll (1940) für Klavier und Violine” und schließlich auch seine “2.Symphonie” (1948) und Fragmente einer “3.Symphonie”, die jedoch erst mit dem Nachlass nach seinem Tod bekannt wurden. Wie auch immer, Furtwängler war nicht nur ein großer Interpret orchestraler Werke, er horchte ihnen auch mit eigenen Kommentaren hinterher, deren Kunstfertigkeit den Originalen kaum nachstand. So bekam er etwa von Kollege Honegger für seine “2.Symphonie” ein euphorisches Lob, das bis heute zitierfähig ist: “Ein Mann, der eine so vielschichtige Partitur schreiben kann, ist über jede Diskussion erhaben und ohne Zweifel einer der ganz Großen der Zunft”.
 
Furtwänglers späte Jahre waren geprägt von Gegensätzen. Auf der einen Seite ging der Kelch der Entnazifizierung an ihm vorüber und ermöglichte es ihm, von 1947 an wieder die Leitung der Berliner Philharmoniker zu übernehmen. Für den rehabilitierten Maestro war das eine große Chance, denn es galt aller Welt zu beweisen, dass Deutschland mit der braunen Schreckensherrschaft nicht jegliche kulturelle Basis verloren hatte. Furtwängler schaffte es, etwa bei der Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele 1951 mit einer ergreifenden Aufführung von Beethovens “9.Symphonie” die Musikwelt zu verblüffen. Und es gelangen ihm mit der Aufnahme seines eigenen Orchesterwerkes (1951) und der “4.Sinfonie d-moll” (1953) von Robert Schumann auch auf dem aufblühenden Medium Langspielplatte Maßstäbe zu setzen – und das, obwohl sein Gehör nach einer Medikamentenbehandlung anno 1952 erheblich nachließ. Als Kind einer Epoche, in der Pathos noch ohne schalen Beigeschmack der Funktionalisierung inszeniert werden durfte, gelang es ihm, die geballte Monumentalität des großen Klangkörpers authentisch darzustellen und umzusetzen. Als er im November 1954 starb, endete zugleich eine musikalische Ära des edlen Ernstes, dessen Ehrlichkeit kein Karajan jemals hat erreichen können. Anhand von Schumanns Nr.4 lässt sich diese Vorstellungswelt noch einmal exemplarisch nachvollziehen.
 
Die Referenz:
“…die beste Schallplattenaufnahme dieses Werkes aller Zeiten, die bei allem Gefühlsüberschwang nie die organische Struktur aus dem Auge verliert.” (Gramophone 1986)