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Dust of Time

Eleni Karaindrou
Pepi Loulalaki
11.02.2009
Seit einem Vierteljahrhundert schreibt die griechische Komponistin Eleni Karaindrou Musiken zu den Filmen ihres Landsmanns Theo Angelopoulos. „Dust of Time" heißt das neueste Produkt dieser kreativen Freundschaft. Das Melodram mit Starbesetzung (Willem Dafoe, Michel Piccoli, Irène Jacob, Bruno Ganz) wird dieser Tage bei der Berlinale dem internationalen Publikum präsentiert. Und mehr noch als früher kommt der Musik, die gleichzeitig bei ECM New Series erscheint, eine zentrale Bedeutung für Verlauf und Wirkung der Geschichte zu.
„Dust of Time" ist ein Film über Erinnerung. Er umspannt einen Zeitraum eines halben Menschenlebens, beginnend im Jahr von Stalins Tod 1953, und reicht bis 1989, als der Fall der Berliner Mauer die Weltgeschichte veränderte. Den Rahmen bildet das griechische Flüchtlingspaar Eleni und Spyros, dessen Familie in den Tagend es Zweiten Weltkriegs in Berlin auseinander gerissen worden war, und das nun nach Jahrzehnten im New Yorker Exil auf dem Weg in die alte Heimat in der im Umbruch sich befindenden Stadt Station macht. Die beiden Alten wollen vor allem ihren Sohn besuchen, einen Regisseur in den Mittfünfzigern , der nur „A" genannt und von William Dafoe gespielt wird. Die Reise und die Begegnung entwickeln sich jedoch anders, als es ursprünglich geplant war, und so nimmt die eigentliche Handlung ihren Lauf, die auf vielfachen Ebenen den Zuschauer nach Usbekistan und Sibirien, Kanada und in die USA, nach Deutschland und Griechenland führt.
Im Kern geht es um „A", das spielerische Gegenüber des echten Regisseurs Angelopoulos, und um dessen innere und reale Kämpfe mit der Fallschlingen der Kunst, der Kreativität, der Wirklichkeit. Einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung der Story hat in diesem Fall die Musik. Sie erscheint sogar in Form einer Filmorchesterprobe innerhalb des Leinwandgeschehens und bekommt die Funktion eines Leitmotivs, die das Drehbuch kunstvoll fortspinnt. Eleni Karaindrou (“Ulysses' Gaze”, “Trojan Women”, “Eternity And A Day”, “Elegy Of The Uprooting”) stand daher vor der faszinierenden Aufgabe, auch Musik für einen Film im Film zu schreiben, und im Ganzen mit einer Dramaturgie zu agieren, die weit über das passende Begleiten von Situationen hinaus geht. „Um die Musik zu schreiben," meinte die Komponisten im Gespräch, „musste ich nach den geheimen Codes des Filmes suchen. Ich musste die Essenz der Dinge an die Oberfläche bringen und ein intensives Licht auf die Klangfarben werfen, die die Zeitlosigkeit der Nostalgie unterstreichen".
Eleni Karaindrou gelang dieses Meisterstück, indem sie sich unter anderem auf die Kraft der Musik hinter den Musiken konzentrierte: „Die Farben der Geige, des Cellos und der Harfe traten in den Vordergrund, nicht nur wegen ihren speziellen Charakteristik, sondern auch wegen der inneren Qualitäten der beteiligten Musiker, die zwar in Griechenland leben, aber in Rumänien und Albanien geboren wurden (Sergiu Nastasa, Renato Ripo, Maria Bildea). Die Ahnung ihrer eigenen musikalischen Tradition (‘tsiganiko’) und die daran anknüpfenden besonders intensiven Emotionen beeinflussten ihr Spiel. Ich stellte fest, dass das Akkordeon spezielle Momente mit seiner Klangfarbe prägen musste und dass die Oboe meiner Musik wiederum eigene emotionale Facetten hinzufügte."
Die Aufnahmen entstanden im Januar und März vergangenen Jahres im Megaron in Athen und brachten die Komponistin und Pianistin Eleni Karaindrou mit dem Hellenic Radio Television Orchestra unter der Leitung von Alexandros Myrat zusammen, der mit seinem Ensemble auch im Film selbst in besagter Orchesterszene vorkommt. Insgesamt wurden rund 100 Minuten Musik produziert, weniger als die Hälfte davon hat schließlich den Weg auf das Album „Dust Of Time" gefunden. Denn über die Leinwandwirkung hinaus ging es Eleni Karaindrou und dem Produzenten Manfred Eicher darum, die Musik in ihrer bewegenden Wirkung auch unabhängig von den Bildern wirken zu lassen. So entstand ein außergewöhnliches Album, das als Soundtrack, aber ebenso als Musik zum und über den Film verstanden werden kann.

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