Keith Jarrett | News | Endlich auf Vinyl - Keith Jarretts "The Melody At Night, With You"

Endlich auf Vinyl — Keith Jarretts “The Melody At Night, With You”

Keith Jarrett
© Henry Leutwyler/ECM Records
18.07.2019
Das Album brach 1999 in mancher Hinsicht mit der Tradition seiner Vorgänger. Erstens wurde es nicht bei einem Konzert, sondern im Heimstudio des Pianisten in New Jersey aufgenommen. Zweitens geht es hier nicht um Improvisation als kompositorischer Prozess wie bei Jarretts Solokonzerten, sondern um die Interpretation auskomponierter Melodien. Das Repertoire setzt sich aus Love-Songs von Duke Ellington, George und Ira Gershwin, Oscar Hammerstein II, Jerome Kern und Oscar Levant sowie Folkliedern wie “My Wild Irish Rose” und “Shenandoah” zusammen. Es ist also ein Standards-Soloalbum, doch von ganz anderem Charakter als die Aufnahmen von Jarretts häufig so tituliertem “Standards”-Trios mit Gary Peacock und Jack DeJohnette. Dies ermöglicht interessante Vergleiche, da Keith Jarrett die Stücke oft gespielt und manche mit dem Trio auch schon aufgenommen hatte, zum Beispiel “Blame It On My Youth” 1990 für"The Cure" und “Don’t Ever Leave Me” 1994 live für “At The Blue Note”.
Auf “The Melody At Night, With You” setzt er nicht — wie viele Interpreten von Standards — auf Brillanz und virtuose Fingerfertigkeit. Es geht ihm um die melodische Essenz dieser Songs, ihren emotionalen Gehalt. Einzig bei Ellingtons “I’ve Got It Bad And That Ain’t Good” findet sich eine Solokaskade von perlender Eleganz; sonst herrscht eine eher lyrische Stimmung vor — vielleicht am ehesten vergleichbar mit jenen Momenten am Ende seiner Solokonzerte, wenn Jarrett nach langen Improvisationen als Zugabe noch eine gelöste, ungezwungene Interpretation eines Standards spielt. Jarretts Arbeit mit Standards hat ihn oft auf neue eigene Ideen gebracht, und hier ist es Oscar Levants “Blame It On My Youth”, aus dem sich eine “Meditation” genannte Improvisation entwickelt.
Als Keith Jarrett Anfang der achtziger Jahre seine sorgfältige Neuerforschung des “Great American Songbook” begann, betonte er: “Es läuft auf dasselbe hinaus, ob man Samuel Barber oder ‘All The Things You Are’ spielt. Das Problem ist nicht, dass das eine einfacher und das andere schwieriger wäre. Das Problem ist, wie man hineinfindet. Ist ein Standard gut geschrieben, so ist das die Tür. Doch man geht nicht einfach hinein und setzt sich hin. Man muss den Raum mit Leben füllen.” Die Vielfalt der Mittel, mit denen Jarrett diesen Raum neu belebt hat, gehört zu den faszinierendsten Aspekten seiner Interpretationen dieser Songs. Immer wieder macht er uns auf die Struktur dieser Kompositionen aufmerksam und zeigt auf, welche Bedeutungen Melodien (und ihre Texte) erhalten können, wenn sie überzeugend gespielt werden.
"Ich hatte im Dezember 1997 damit begonnen, dieses Album als Weihnachtsgeschenk für meine Frau [Rose Anne, die beiden waren von 1980 bis 2010 verheiratet (Anmerk. d. Verf.)] aufzunehmen", erläuterte Keith Jarrett im November 1999 in einem Interview mit dem Time Magazine. “Ich hatte gerade meinen Hamburger Steinway-Flügel überholen lassen und wollte ihn ausprobieren. Mein Studio liegt direkt neben dem Haus. Wenn ich aufwachte und einen halbwegs anständigen Tag hatte [der Pianist litt damals unter dem chronischen Erschöpfungssyndrom], habe ich das Tonbandgerät angeworfen und für ein paar Minuten gespielt. Mehr war nicht drin, da ich zu erschöpft war. Durch die Platzierung des Mikrophons und die neue Mechanik des Instruments gelang es mir, sehr sanft zu spielen, die innere Dynamik der Melodien, der Lieder besser auszukosten… Es war eines dieser kleinen Wunder, auf das man vorbereitet sein muss, obwohl es teilweise eben auch daran lag, dass ich einfach nicht die Energie hatte, ausgefuchst zu spielen.”

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