Anja Lechner | News | Friedliche Aura der Nacht – Anja Lechner und Pablo Márquez spielen Schubert

Friedliche Aura der Nacht – Anja Lechner und Pablo Márquez spielen Schubert

Anja Lechner, Pablo Márquez
Nanni Schiffl-Deiler / ECM Records
01.11.2018
Ob Tango Nuevo, byzantinische Klangschöpfungen oder romantisches Repertoire: Anja Lechner hat stets weit ausgegriffen und wollte sich nicht auf das klassische europäische Musikerbe festlegen. Genauso wenig hat sie sich indes von der hiesigen Tradition distanziert.
Feine Muster: Anja Lechner
Selbst ihren Reisen in improvisatorische, jazzige und kulturell entlegene Klangsphären merkt man ihre klassische Ausbildung an: ihre außerordentliche Virtuosität, ihr Geschick, wohlproportionierte Muster zu weben und fein aufeinander abgestimmte Klangfarben differenziert abzubilden. Umgekehrt kann einem bei ihren klassischen Interpretationen auch nicht ihre weite musikalische Reise entgehen.
So spürt man auch auf ihrem neuen Schubert-Album Lechners immensen Erfahrungsreichtum und ein starkes Freiheitsgefühl. Schubert erfordert sehnsuchtsgetriebene, neugierige, für Stimmungsnuancen empfängliche Interpreten. Dabei geht es um romantische Phantasien des Wanderers oder des Nachtschwärmers, der vom Faszinosum der Dunkelheit angezogen wird.
Entdeckung der Stille: Schuberts Lieder
Es bleibt ein besonderes Charakteristikum von Lechners neuestem Projekt, dass sie aus den Gefilden des Tango Nuevo, der Improvisationsmusik und der internationalen kompositorischen Avantgarde zu Schubert, einer ihrer frühesten klassischen Leidenschaften, zurückkehrt. Bekanntschaft mit dem eigenwilligen Frühromantiker machte sie bereits im Elternhaus, wo sie in den Genuss der Klavierwerke und der Lieder Franz Schuberts kam.
Als junge Solistin widmete sie sich dann in dem von ihr mitgegründeten Rosamunde-Quartett der hochgespannten Kammermusik des österreichischen Komponisten. Besaßen bereits diese Interpretationen eine erstaunliche Modernität, so geht Anja Lechner in puncto Unkonventionalität mit ihrem neuen Schubert-Album noch einen Schritt weiter. Gemeinsam mit dem argentinischen Gitarristen Pablo Márquez verleiht sie dem oft tragischen und schmerzerfüllten Ton von Schuberts Liedern eine eigentümlich friedliche, versöhnliche Note.
Dialogische Verflechtungen: Violoncello und Gitarre
“Die Nacht”, so der von dem gleichnamigen Schubert-Lied inspirierte Titel des jetzt bei ECM New Series erscheinenden Albums, tritt bei Lechner und Márquez nicht so sehr in ihrer unheimlichen Gestalt in Erscheinung, sondern als friedlicher Zufluchtsort der Stille. Ein Grund hierfür ist die Instrumentierung der Aufnahme. Die Arrangements für Gitarre und Cello machen aus Schuberts singbaren Liedern Lieder ohne Worte. An die Stelle der oft aufgewühlten menschlichen Stimme tritt der gleichmäßig fließende Ton des Cellos.
Sind die Sängerinnen und Sänger gehalten, sich auch um die beunruhigenden Botschaften der Texte zu bemühen, so kann sich die Cellistin dem puren Atem der Melodie überlassen. Dass Schubert im melodischen Komponieren zu sich selbst fand und dort offenbar Momente inneren Friedens erlebte, kann als eine der zentralen Botschaften des neuen Albums von Anja Lechner gelten. Reizvolle Spannungen entstehen auf dem Album immer dann, wenn das Cello und die von Pablo Márquez überaus selbstbewusst intonierte Gitarre in einen Dialog treten.
In dem von Lechner und Márquez eigens transkribierten Lied “Der Leiermann” aus Schuberts “Winterreise” geschieht dies in einer melancholisch eindringlichen, meditative Züge tragenden Weise. Tänzerischen Furor lässt das Duo in der Arpeggione-Sonate aufkommen, von Schubert ursprünglich komponiert für die gleichnamige 6-saitige Streichgitarre. Sanfte Stille wiederum verströmen die “Trois Nocturnes” von Friedrich Burgmüller, einem stark unterschätzten Zeitgenossen Schuberts, den man auf Lechners neuem Album kennenlernen darf.

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