András Schiff | News | Der Klangschönheit huldigen – András Schiff mit den Klavierkonzerten von Johannes Brahms

Der Klangschönheit huldigen – András Schiff mit den Klavierkonzerten von Johannes Brahms

András Schiff
Belinda Lawley / ECM Records
03.06.2021
Mit seinen beiden Klavierkonzerten schuf Brahms Werke von geheimnisvoller, ja hermetischer Qualität. Es ist, als hätte er der Nachwelt damit eine Aufgabe gestellt: Enthüllt die Schönheit dieser Musik! Macht sie transparent! Dass dies nicht einfach werden würde, zeigte sich bereits bei der Uraufführung des ersten Klavierkonzerts im Jahr 1859 im Gewandhaus Leipzig. Die Reaktionen auf die Darbietung, bei der Brahms selbst am Klavier saß, fielen vernichtend aus. So beklagte die Zeitschrift Signale für die Musikalische Welt Klangexzesse “von schreiendsten Dissonanzen”. Was damaligen Ohren schräg vorkam, könnte indes für das heutige Publikum von besonderem Interesse sein. Jedenfalls zählte Schönberg Brahms nicht ohne Grund zu den fortschrittlichen Komponisten. Seine Musik ist, bei aller Klassizität, oft visionär. Ein passendes Beispiel hierfür ist das zweite Klavierkonzert, das in seiner vorwärtsdrängenden Art fesselnde Wirkungen entfaltet. Und doch scheint auch dieses Werk aus dem Jahre 1881, mit dem der bereits Weltruhm genießende Komponist durchschlagende Publikumserfolge erzielte, in einer harten Hülle zu stecken. 
Verdeckte Poesie
Der Pianist András Schiff macht für den poetisch entkernten Brahms der Gegenwart die opulent besetzten Orchester und das mächtige Klangvolumen moderner Flügel verantwortlich. Brahms sei “nicht schwerfällig, grob, dick und laut”, so der für seine empfindsame Klavierkunst bekannte Pianist, der in seinem neuen ECM-Album der verborgenen Poesie der Brahmsschen Klavierkonzerte nachspürt. Heute ginge es darum, so Schiff, “die Brahms-Klavierkonzerte neu zu deuten, sie quasi zu restaurieren, die Musik zu ‚entschlacken‘”. Um diesem Anspruch zu genügen, beschreitet der Pianist einen historischen Weg. Gemeinsam mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment begibt er sich auf eine Klangreise ins 19. Jahrhundert. Was dabei herauskommt, ist indes alles andere als ein nostalgischer Trip. Im Gegenteil: Der historische Flügel, den Schiff spielt, und der schlanke Klang des ihn begleitenden Ensembles verleihen den beiden Klavierkonzerten eine Dynamik und einen Farbenreichtum, der von elekrisierender Modernität ist. 
Brahms entschlackt
Die Aufnahmen mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment wurden 2019 in den Abbey Road Studios in London vorgenommen. Schiff spielt einen Flügel der Firma Julius Blüthner, der um 1859 in Leipzig gefertigt wurde. Das Instrument hat einen leichten Anschlag und eine hohe sangliche Qualität. Zwar verfügt es nicht über die klangliche Ausgewogenheit eines modernen Flügels. Dafür besitzt es eine breitere Farbpalette. Der diskrete Klang des Instruments bewirkt vor allem in dem massiven Kopfsatz des Klavierkonzerts Nr. 1 in d-Moll einen wohltuenden Ausgleich. Die sanglichen Möglichkeiten des Blüthner-Flügels demonstriert Schiff in langsamen Sätzen, besonders eindringlich im großen Andante des Klavierkonzerts Nr. 2 in B-Dur, elegant harmonierend mit Luise Buchberger am Cello.   
András Schiff schwärmt seit frühester Jugend für Brahms. Der polnische Pianist Artur Rubinstein weckte Mitte der 1960er Jahre mit einer Aufführung in Budapest seine Begeisterung für die lyrische Noblesse des romantischen Komponisten. Mit seinem neuen Album setzt Schiff dem Klangpoeten Brahms in ganz eigener Manier ein Denkmal.

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