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27.01.2010

Magier des Melos

François Couturier, Magier des Melos Dániel Vass Francois Couturier ©Dániel Vass

Andrej Tarkovskys Filme sind Mahnungen. Sie fragen nach Wahrheit hinter der Erscheinung, nach den Grundlagen menschlichen Seins und tun das mit einer optischen Strenge, die Menschen in ihren Bann ziehen kann. Einer der Bewunderer von Tarkovskys Kunst ist der französischen Pianist und Komponist François Couturier. Bereits vor vier Jahren eröffnete er einen musikalischen Zyklus, der sich ästhetisch und assoziativ mit den Bilderwelten des 1986 im Pariser Exil verstorbenen russischen Regisseurs beschäftigt. „Un jour si blanc“ setzt diese Auseinandersetzung nun fort, solistisch mit einem Album, das einen weiten Bogen vom Barock bis zur zeitgenössisch minimalistischen Gegenwart spannt.

Ausgangspunkt von „Un jour si blanc“ war ein Gedicht, das der Vater von Andrej Tarkovsky verfasst hatte, einen poetische Meditation über die Flüchtigkeit des Augenblicks. François Couturier verstand es als Inspiration, über die eigenen künstlerischen Urgründe nachzudenken und daraus letztlich ein Recital mit übergreifendem thematischem Charakter zu gestalten. „Un jour si blanc ist ein ruhiger Spaziergang von der Morgendämmerung bis zum Abendrot in einer idealen Welt, wo 'Gerüche, Farben und Klänge miteinander korrespondieren' (Baudelaire)“, meint der Künstler selbst in seinen Anmerkungen zu der Aufnahme. „Es sind siebzehn intime Impressionen, viele davon improvisiert, in verschiedenen Farben, ruhig oder vehement (Clair-Obscure), melodisch oder abstrakt. Eine Welt, die von großartigen Künstlern bevölkert ist, die mir am nächsten stehen: Rimbaud, Miró, Kandinsky, Klee, Schubert, Bach natürlich, und Andrei Tarkovsky, dem ich eine zweite Hommage widme über ein Gedicht seines Vaters, das er zunächst als Titel für seinen Film 'Der Spiegel' gewählt hatte. Die Solo-Improvisation ist selbst eine Art Spiegel, eine Form, etwas aus dem 'kollektiven Gedächtnis' zu extrahieren, um daraus ein eigenes, persönliches Universum zu schaffen“.

Für François Couturier ist dieser Schritt nur konsequent, gehört der französische Pianist doch zu den Künstlern, die im Laufe ihrer Karriere ihre Musik immer mehr verdichtet haben. Angefangen hatte er in den frühen Achtzigern in der einheimischen Avantgarde-Szene, machte Abstecher in die Tourband von John McLaughlin, fand seine eigentlich Berufung jedoch in den Neunzigern in verhalteneren Projekten etwa an der Seite des Geigers Dominique Pifarély oder in Formationen von Michel Portal, François Jeanneau und Daniel Humair. Als besonders inspirierend stellte sich die Zusammenarbeit mit dem Oud-Meister Anouar Brahem heraus, den er bereits in den Achtzigern kennen gelernt hatte. François Couturier war erstmals auf dessen Album „Khomsa“ (1994) an seiner Seite zu erleben und half auf „Le pas du chat noir“ (2001) und „Le voyage de Sahar“ (2005) dabei, aus Brahems Klangvorstellungen einen kammermusikalisch stimmigen Kosmos zu machen. Unter seinem Name erschien zuletzt „Nostalghia: Song for Tarkovsky“ (2006) im Quartett mit Anja Lechner, Jean-Marc Larché und Jean-Louis Matinier. „Un jour si blanc“ setzt die damit begonnene Trilogie nun mit einer künstlerischen Stellungnahme fort, die François Couturier als Magier des Melos präsentiert, als Klangfarbenmaler mit dem Gespür für die Feinheiten des intuitiven Gestaltens.