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01.09.2009

Aus der neuen Renaissance-Welt

Liebe ist eine Kunst. Ein Gedanke, der heutzutage ein wenig verwundern mag angesichts der Omnipräsenz des Körperlichen. Vor 700 Jahren allerdings musste, wer wirklich Liebe ernten wollte, wirklich dafür arbeiten. Ganze Literaturgattungen kannte das Hochmittelalter, die sich mit Minne, Troubadouren und Frauendienst beschäftigten. Und auch an der Schwelle zur Neuzeit hatte sich daran noch wenig geändert. Der Komponist und Dichter Guillaume des Machaut gehörte zu denen, der dem Gedanken der Liebe als Kunst im Wechselspiel mit dem Intellekt und philosophischen Gedankengängen seinen Platz einräumte. Die Musik, die daraus erwuchs, faszinierte schon seine Zeitgenossen und zieht bis heute Künstler in ihren Bann. Einer davon ist Robert Sadin, Dirigent und Produzent, Querdenker und Visionär, der sich nun mit „Art Of Love“ aus ungewohnter Sicht dem Komponisten der Frührenaissance widmet. Denn er hat Jazz-Kollegen von Brad Mehldau bis Madeleine Peyroux und Milton Nascimento bis Romero Lubambo gebeten, bei dieser Hommage mitzuwirken.

Es ist ein Projekt vieler Ebenen. Da sind zum einen bereits die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten der Texte. „Alle Gedichte von Machaut folgen dem Konzept der 'Höfischen Liebe'“, erläutert Robert Sadin den Hintergrund der poetischen Vorlagen. „Gemäß dieser Tradition entwickelte ein Ritter ein idealisiertes Bild einer Dame am Hofe, die bereits verheiratet war. Sie wurde für ihn zur Obsession, die gerade durch die Unerreichbarkeit die Verehrung unterstützte“. Die Kunst bestand nun darin, sich genau dieses Idealbild zu erhalten, obwohl die Realität vollkommen anders aussah. Dadurch entstand aber ein Geflecht von Widersprüchen und Anknüpfungspunkten, das Robert Sadin reizte. Für jemanden seiner Erfahrung, der mit Kathleen Battle schon genauso gearbeitet hat wie mit Wynton Marsalis, der als Produzent von Herbie Hancocks Album „Gershwin's World“ mit drei Grammys bedacht wurde und der auch als Leiter des Lincoln Center Jazz Orchestras sich als Souverän der Klanggestaltung bewiesen hat, sind Grenzüberschreitungen gerade die besondere Würze des musikalischen Alltags. „Am meisten fasziniert es mich, wie sich diese Melodien quasi von selbst in mein Gedächtnis und meine Psyche eingegraben haben. Wie ist es möglich, dass diese Sequenzen von Noten mehr als 700 Jahre nach ihrer Entstehung noch so eine große Wirkung haben können? Für mich ist das ein Mysterium“.

Und ebenso unglaublich ist es, wen Robert Sadin für „Art Of Love“ alles gewinnen konnte. Am Klavier hört man Brad Mehldau, den führenden Neoromantiker des Jazzklaviers der Gegenwart. Für viele Gitarrenpassagen ist Lionel Loueke zuständig, der sonst bei Herbie Hancock seine Brötchen verdient. Sängerin Madeleine Peyroux empfiehlt sich mit einigen gesprochenen Versen, einer der Saxofon-heroen der jungen New Yorker Szene Seamus Blake fügt pointierte Bläser-Töne hinzu, weitere Stars des Business wie der brasilianische Sänger Milton Nascimento, der Percussionist Cyro Baptista, die Sängerin Celena Shafer und der Geiger Mark Feldman komplettieren das Line-Up der stilistischen Weltenwanderer. So konnte ein Album entstehen, das in jeder Hinsicht aus dem Rahmen fällt und selbst den Spiritus Rector des Projektes immer wieder überrascht. Denn „Art Of Love“ bleibt für Robert Sadin ein kleines Wunder: „Obwohl die originalen Verse oft überholt wirken, ist die Musik doch außerordentlich frisch. Die Melodien und Harmonien sind weit von heutigen klassischen Konventionen entfernt, sie sprechen sogar direkter und profunder zu uns als manches andere.“

 

 

Machaut in unserer Zeit - Ein Gespräch mit Robert Sadin

DB: Wie entstand die Idee zu diesem Album?

RS: Kurz nachdem ich zwei große Projekte abgeschlossen hatte –  Gershwin’s World mit Herbie Hancock und Alegría mit Wayne Shorter – unterhielt ich mich mit Chris Roberts. Wir kamen auf David Munrow zu sprechen, dessen früher Tod für uns alle einen großen Verlust bedeutete. Munrow hatte eine ungeheure Schaffenskraft – er beherrschte eine erstaunliche Zahl von Instrumenten und es war ihm ein Herzensbedürfnis, seinem Publikum die Schätze der Musik des Mittelalters und der Renaissance nahe zu bringen. Seine Aufnahmen sprühen vor Lebendigkeit und Abenteuerlust; wer sie gehört hat, wird sie nie vergessen.

Chris hatte die bestechende Idee, sich auf Munrows großartiges Album The Art of Courtly Love, das der Musik Machauts, Dufays und anderen gewidmet ist, zurück zu besinnen. Und ich war fasziniert. Etwa zur gleichen Zeit verbrachte mein langjähriger Freund und Kollege Charles Curtis den Sommer in New York. Charles ist ein außergewöhnlicher Musiker, dessen Intensität einer ungeheuren Konzentration entspringt. Wir beschäftigten uns mit der Musik des Mittelalters, vor allem mit der Machauts, und befanden uns schon bald auf einer Entdeckungsreise. 

Erzählen Sie uns etwas über Guillaume de Machaut.

Bekannt ist, dass Machaut 1377 starb und dass er um 1300 geboren wurde. Er lebte zur Zeit der Pest und des Hundertjährigen Krieges und war als Sekretär und Berater für verschiedene Vertreter des Adels tätig, darunter der französische König. Eine Anstellung als Musiker hatte er jedoch nie. Als Dichter und Komponist war Machaut sehr bekannt, er schrieb die Texte zu sämtlichen seiner Lieder selbst und seine Dichtkunst hatte einen großen Einfluss auf folgende Generationen.

Was wissen wir darüber, wie seine Werke ursprünglich aufgeführt wurden?  

Nicht viel. Wenn man diese Musik in einer historischen Praxis interpretieren will, muss man auf indirekte Hinweise zurückgreifen, wie etwa das Gemälde eines Sängers, dessen Halsmuskeln darauf verweisen könnten, was für eine Art von Ton er erzeugt. Neuere Studien suggerieren, dass der Aufführungsstil der Zeit nicht so lupenrein und »klassisch« war wie einst angenommen. Auf jeden Fall suchten wir nach einem möglichst weit gefächerten, offenen Zugang zu dieser Musik.

Die Musik von Art of Love klingt sehr aktuell – wie viel Machaut steckt noch im Endergebnis?

Wir haben jede Zeile der Musik von Machaut bewahrt. Nur hier und da haben wir eine kleine Verzierung hinzugefügt, das war es dann aber auch schon.

Und worin bestehen dann die Abweichungen vom originalen Manuskript?

Die Lieder von Machaut bestehen aus einer Melodie und dem dazugehörigen Text. Weder ist eine Begleitung vorgeschrieben, noch gibt es Hinweise auf mögliche zusätzliche Stimmen oder die Instrumentierung. Wir sind mit diesen Lieder umgegangen als wären sie gerade geschrieben worden, und haben Harmonien unterlegt, Gegenlinien und Instrumentalsoli hinzugefügt.

Auch zu Rhythmusinstrumenten gibt es in Machauts Manuskripten keine Hinweise, daher ist das rhythmische Gerüst hier ebenfalls ein neues Element. In den dreistimmigen Liedern sind alle begleitenden Elemente – Cyros mitreißende Percussionunterstützung, Lionels Gitarrenbegleitung und Hassans vokale Einwürfe – ganz eigene Bestandteile dieses Albums.

Sie haben erwähnt, dass für die Sololieder keine Harmonien vorgeschrieben sind. Wie sind Sie bei der Ergänzung vorgegangen?

Die harmonische Gestalt haben wir im Vorwege festgelegt, doch die fließenden Durchgangstöne und die Details in den Voicings wurden von Brad Mehldau und Romero Lubambo improvisiert.

Bei einem Lied habe ich gar keine Harmonien hinzugefügt. »Force of Love« ist ein Trio für Charles, Brad und Cyro. Brad hat so eine herrliche Bandbreite im harmonischen Ausdruck, dass ich ihm einfach die Noten der Melodie in die Hand drückte und ihn nach Gehör machen ließ.

Welches Lied sind Sie zuerst angegangen?

»Tu, meu sonho vivo«. Dieses Lied hat eine wunderbar trauervolle Melodie. Charles und ich waren in meinem Studio und wir begannen damit, ein Bett aus Sinustönen zu kreieren – das ist ganz Charles’ Metier. Dann nahm Charles seinen Cellopart auf. Als wir hörten, wie sich die Melodie mit den Sinustönen verstrickte, wussten wir, das galt es weiterzuführen.

Und wie kam Milton Nascimento dazu?

Milton ist ein unvergleichlicher Sänger und ein abenteuerlustiger Geist. Als wir mit der Produktion des Albums begannen, hatte ich sofort seine Stimme im Ohr und spürte seine Präsenz.

Die Aufnahmen mit ihm machten wir in Rio. Die Intensität, die im Studio herrschte, lässt sich kaum beschreiben: Milton bat um »noch einen Take« und dann »noch einen«, und seine Stimme floss mit solch vollkommener Schönheit, solchem Gefühl, dass ich wünschte, wir könnten ein Album nur mit all seinen verschiedenen Interpretationen machen.

Der portugiesische Text, den Milton schrieb, fängt die Stimmung von Machauts Poesie ein – und ist gleichzeitig doch ganz Nascimento.

Wie sind Sie die Texte angegangen?

Machauts Texte drehen sich sämtlich um das mittelalterliche Ideal der »höfischen Liebe«. Dieser Tradition folgend, idealisierte ein Ritter seine Liebe zu einer verheirateten Dame des Hofes. Sie wurde für ihn zu einer Obsession, und ihre Unerreichbarkeit schürte seine Hingabe nur. Obwohl nach diesem Brauch die idealisierte, nicht die körperliche Liebe das Ziel war, wurde der werbende Ritter dann und wann doch erhört – was ein ganz neues Licht auf diese Vorstellung wirft. Machauts Texte drehen sich um die hoffnungslose, unerfüllte Liebe, in der die Vollkommenheit der Geliebten alle Vorstellungskraft übersteigt.

Ist das Ihr erstes Projekt mit Natalie Merchant?

Ja. Ich habe ihren Gesang und ihre Lieder immer schon gemocht. Wir haben in ihrem Haus im Wald geprobt. Ihre Großzügigkeit, ihre Warmherzigkeit, ihr Humor - unvergesslich. Bei einer der Proben legte sie den Text beiseite und fing an, die Melodie  zu summen. Romero und ich tauschten einen Blick aus - und kehrten nie mehr zum Text zurück, nur zu Natalies Stimme.

Es war überraschend, Madeleine Peyroux in einer Sprechrolle zu erleben.

Ich kenne Madeleine schon seit etlichen Jahren, seit der Zeit, als sie zum ersten Mal nach New York kam. Als ich sie bat, den Text von »Amour me fait désirer« zu lesen, nahm sie sich die Zeit, obwohl sie kurz vor einer langen Europatournee stand. So ist sie eben. Ihre Rezitation des Gedichts hat die gleiche rhythmische Nuancierung, die gleiche subtile Schattierung der Klangfarben, die auch ihren Gesang kennzeichnen.

Der Name Jasmine Thomas ist mir neu.

Jasmine ist eine junge amerikanische Sängerin. Sie hat sich einen Sinn für das Unmittelbare und das Schlichte bewahrt. Wenn sie singt, fangen die Worte an zu leben. Ich denke, dass sie eine brillante Zukunft vor sich hat. 

Es gibt viele afrikanische Klänge auf diesem Album. Wie wurde dieses Element zum Teil des Projekts?

Jeder weiß, wie sehr die afrikanische Musik die amerikanische geprägt hat, sie hatte aber auch einen enormen Einfluss auf die europäische Musik. Ist es denn ein Zufall, dass die virtuosen vokalen Verzierungen und Koloraturen Europas in Italien ein Zuhause gefunden haben, so nahe an Nordafrika? Ich denke nicht.

Historiker sind einige Zeit lang davon ausgegangen, dass es einen wichtigen arabischen Einfluss auf die Musik des Mittelalters gab. Darüber wird jetzt viel debattiert, aber die Idee hat eine gewisse Attraktion. Ich bin auf diesem Gebiet kein Experte, doch ich nehme an, dass die arabische Präsenz auf der iberischen Halbinsel ihre Wirkung auch auf das französische Europa hatte.

Was verbindet diese Musiker mit ihren so unterschiedlichen Wurzeln?

Natürlich ihre Kunstfertigkeit – doch gibt es ein weiteres verbindendes Element bei der Auswahl der Musiker. Obwohl viele von ihnen großen Erfolg haben und anerkannt sind, haben sie den Verführungen des Ruhms widerstanden. Sie sind entschieden, ja sogar stur, ihrer persönlichen Vision gefolgt. Schönberg rät seinen Studenten, den Weg des größten Widerstands zu gehen. Ich denke, das trifft auch auf alle an diesem Projekt beteiligten Künstler zu.

Cyro hätte sich leicht als reisender Percussionist etablieren können. Charles hätte sich mit dem Leben eines Solocellisten in einem Orchester arrangieren können. Mark Feldman wäre vielleicht mit Aufnahmesessions in Nashville zufrieden gewesen, oder mit Jazzgigs in New York.

Doch die Musiker und Sänger dieses Albums haben ein berufliches und künstlerisches Profil, das scheinbar gegensätzliche Elemente miteinander vereint. Sie lassen sich nicht auf eine bestimmte Linie festlegen und entziehen sich konventionellen Kategorien.

Wie ist ihr Verhältnis zu Machauts Musik jetzt, nachdem Sie Ihr Verhältnis dazu vertieft haben? 

Was für mich am erstaunlichsten war, ist wie sich seine Melodien ins Gedächtnis und in die Psyche eingraben. Wie kann es sein, dass diese Tonfolgen auch nach mehr als 700 Jahren eine derartige Wirkung haben? Das ist mir ein Rätsel.

Obwohl die originalen Texte oft etwas überladen erscheinen, besitzt die Musik doch eine große Frische. Die Melodien und Harmonien sind von den heutigen Konventionen der klassischen Musik weit entfernt – und sind dabei doch noch unmittelbarer und tiefgründiger.

Das Gespräch führte David Butchart von der Deutschen Grammophon

 

Übersetzung: Robert Sadin