Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

10.07.2009

Lyrik und Jazz: Gottfried Benn

Gottfried Benn, Lyrik und Jazz: Gottfried Benn Lyrik und Jazz Gottfried Benn CD Cover

Text und Musik, diese Kombination hat schon immer fasziniert. Davon lebt der Gesang, ganz gleich ob im einfachen Lied oder großartigen Bühnenwerken.  Auch das Rezitativ, der Sprechgesang in Opern, der bei Richard Wagner seinen Höhepunkt fand, ist eine Möglichkeit, beide Ausdrucksformen genial miteinander zu verbinden. Das waren aber immer homogen entstandene Werke, bei denen zu einem vorhandenen Text eine Musik komponiert wurde.

Etwas ganz anderes sind aber die Collagen aus fertigen Texten und vorhandener Musik, wie es schon die Dadaisten Anfang des zwanzigsten Jahrhundert ausprobierten und die im Jazz der 1950/60er Jahre durch Produktionen von ‚Lyrik und Jazz’ einen Höhepunkt fanden. Es gab zwar auch Lesungen und Studio-Einspielungen, bei denen spontan zu den Texten improvisiert wurde, aber das waren die Ausnahmen. In der Regel wurden rezitierte Gedichte und bereits auf Schallplatte existierende Musik im Studio zu etwas Neuem verschmolzen. Dazu braucht man natürlich Texte, die in sich schon musikalisch sind und die durch Musik nur noch intensiver werden. Besonders geeignet dafür zeigten sich die emotionalen Dichtungen von Heinrich Heine (Universal 987 6629)

Aber auch die kühle Sprache Gottfried Benns wurde durch geschickt ausgewählte Musik und dem genialen Vortrag von Gert Westphal noch eindringlicher. Hinzu kommt, dass Benn der Jazz nicht fremd war. Er hat sich schon sehr früh für diese amerikanische Kunstform der Musik interessiert und viele der hier verwendeten Texte wirken wie Chorusse einer Improvisation. Sie verschmelzen förmlich mit der eingespielten Musik. Bezeichnend, dass nicht nur der Jazz von den Machthabern des Dritten Reiches abgelehnt wurde, auch die Dichtungen Gottfried Benns waren bei den Nazis verpönt, obwohl er in dessen Anfängen durchaus mit dem Nationalsozialismus sympathisierte. Das wurde ihm später immer wieder vorgeworfen. Aber seine klare Sprache passte nicht in den schwülstigen Partei-Jargon und die Blut- und Boden-Literatur des Dritten Reiches. Er bekam bald darauf Schreibverbot, seine Gedichte wurden nicht mehr im Rundfunk gesendet und in den Partei-Organen wurde er wüst beschimpft.
 
Benn war mit Unterbrechungen praktizierender Arzt, einige Zeit sogar Militärarzt. Das erklärt vielleicht die ungeschminkte Klarheit seiner Formulierungen. Manche Texte klingen so lakonisch, wie ein medizinischer Bericht. Seine analytische Art die Dinge des Lebens zu sehen ist auch in seinen Gedichten zu spüren. Seine Sprache ist expressiv, er ist ein genauer Beobachter seiner Zeit und beschreibt seine Welt kühl und sachlich. Viele seiner Gedichte wirken wie Protokolle, die Form ist revolutionär. Er begeistert oder verstört, dazwischen gibt es nichts. Gottfried Benn bricht mit klassischen, festgefahrenen Normen und seine Lyrik wird Vorbild für ganze Generationen.

Das alles ist wie geschaffen für eine Kombination mit Jazz-Aufnahmen die ebenfalls mit Traditionen brechen. Der Bebop hatte seinen Höhepunkt hinter sich und der darauf folgende Cool- oder West-Coast-Jazz wird auch schon wieder emotionaler. Während das Dave Brubeck-Quartet noch etwas unterkühlten College-Jazz macht, kündigen J.J.Johnson und Kai Winding schon den bluesigen Hardbop an. Die Themen sind geschickt ausgewählt und genial mit den Texten von Gottfried Benn verbunden. Die Stimme von Gert Westphal (5.10.1920 – 10.11.2002), einem der gefragtesten Sprecher seiner Zeit, folgt in allen Nuancen der Sprachmelodie der Gedichte. Ihr Spektrum geht von neutraler Berichterstattung (Es gibt Melodien.../Fragmente) bis zu ironischen-sarkastischen Formulierungen (Fürst Kraft/Eine magnifique Reportage/Nachtcafé ) und manchmal ist auch Resignation zu spüren (Teils-Teils/Tristesse). Es verwundert nicht, dass Joachim Ernst Berendt (geb. 20.7.1922) sich immer wieder für Gert Westphal als Sprecher für seine Lyrik + Jazz Produktionen entschieden hat. Es gibt  auch von anderen Interpreten gute Beispiele für solche Projekte, aber Westphal wurde nie erreicht.

In den USA gab es schon sehr früh eine ‚Jazz and Poetry’ Bewegung. Dichter wie Allen Ginsberg, William S. Burroughs, Gregory Corso, Lawrence Ferlinghetti und andere, machten mit Live-Auftritten und Schallplatten-Einspielungen von sich reden (im wahrsten Sinne des Wortes), aber Joachim Ernst Berendt war der ‚Erfinder’ dieser Kunstform in Deutschland (und fand viele Nachahmer). Zuerst lief seine ‚Jazz + Lyrik’ Reihe als Rundfunk-Sendung beim Süd-West-Funk Baden-Baden und fand großen Anklang bei den Hörern. Es war etwas ganz Neues in der Kombination von Texten und Musik, aber auch die Gedichte wurden in dieser Form aufgewertet und anders gehört als in jeder noch so interessanten Literatur-Sendung. So wurden vermutlich einige neue Lyrik-Liebhaber gewonnen und so manches Interesse für den Jazz geweckt.

Zu diesem Zeitpunkt  war Berendt aber schon der wichtigste Prophet des Jazz für die deutschsprachige Fangemeinde. Er leitete die Jazz-Redaktion (so etwas gab es damals noch), des von ihm mitbegründeten Süd-West-Funk Baden-Baden (SWF). Er   hatte alle Freiheiten   bei der Gestaltung seiner Sendungen und vor allen Dingen viel Sendezeit. Beim SWF gab es lange Zeit täglich eine Sendung, die sich mit Jazz beschäftigte. Seine Aktivitäten begannen gleich nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Deutsche Jazz-Hörer hatten viel nachzuholen und das Schallplatten-Angebot war lange Zeit überschaubar. Trotzdem konnte sich nicht jeder die aktuellen Veröffentlichungen leisten und Importe waren besonders teuer. Es gab im Süddeutschen Raum wohl kaum einen Fan dieser Musik, der nicht mit den Sendungen von Joachim Ernst Berendt aufgewachsen ist. Die wurden zwar für den SWF gemacht, aber  gelegentlich auch von anderen Sendeanstalten übernommen.
 
Bereits 1950 veröffentlichte Berendt bei der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) in der Reihe ‚Der Deutschenspiegel, Schriften zur Erkenntnis und Erneuerung(!)’ das Buch: DER JAZZ Eine zeitkritische Studie. Hierbei handelt es sich um ein nahezu akademisch-philosophisches Werk, das versucht, den Jazz in den Kontext zur europäischen Kultur zu stellen. Das liest sich sehr zäh, ist sehr kopflastig und wenig ‚jazzig’.    Sein ‚Jazzbuch’ dagegen, 1953 zum ersten Mal erschienen, gilt als wegweisendes Standardwerk und wurde in viele Sprachen übersetzt. Es hat diverse Überarbeitungen und Neu-Auflagen (Das Neue Jazzbuch, Das Große Jazzbuch) erlebt und wird auch nach seinem tragischen Tod durch einen Verkehrsunfall (4.2.2000) immer wieder von kompetenten Autoren im Sinne Berendts aktualisiert.  

Seine Betätigungen waren aber sehr viel umfangreicher. Er produzierte Schallplatten (für SABA, MPS und andere Label), leitete Festivals (Berlin, dessen Mitbegründer er war), organisierte Konzerte und Tourneen. Jazztime Baden-Baden und die daraus für das Fernsehen entstandene Reihe ‚Jazz gehört und gesehen’ hatten immer einen hohen Standard. Seine ‚Free-Jazz-Meetings Baden-Baden’ waren legendär und wegweisend für den neuen Jazz in Europa. Sie finden übrigens bis Heute in unregelmäßigen Abständen statt. Er schrieb viele Aufsätze und diverse Bücher (nicht nur über Jazz). Gegen Ende seines Lebens beschäftigte er sich mit dem Phänomen ‚Hören’,  verlor sich aber zu sehr in Esoterik, was jedoch seine Bedeutung für die Akzeptanz des Jazz in Deutschland nicht schmälert. Glücklicherweise sind einige seiner Lyrik + Jazz Collagen auch für die Schallplatte genutzt worden, und nach der Heinrich Heine-Produktion gibt es nun auch die  Gottfried Benn Sendung endlich auf CD.

Biographie von Gottfried Benn

Gottfried Benn wurde am 2. Mai 1886 in Mansfeld (Westprignitz) als Sohn eines lutherischen Pfarrers geboren. Er studierte ab 1903 Theologie- und Philosophie in Marburg, begann ab 1905 ein Studium der Medizin in Berlin und arbeitete danach zunächst als Militärarzt. Aus gesundheitlichen Gründen nahm er jedoch Abschied vom Militär und war dann als Schiffsarzt bei der Hapag sowie als Pathologe und Serologe an verschiedenen Berliner Krankenhäusern tätig.
Benn entwickelte schon bald eine starke Beziehung zur Kunst, namentlich zur Dichtkunst. Seine erste bahnbrechende Veröffentlichung erschien 1912 bei Alfred Richard Meyer: Morgue und andere Gedichte. Dieser Gedichtband sorgte aufgrund seiner Radikalität in avantgardistischen Kreisen für großes Aufsehen. Er stellt die bis dahin herrschenden Vorstellungen von Lyrik in Frage, sowohl inhaltlich als auch durch einen geradezu gewagten neuartigen Umgang mit der Sprache, was nicht ohne Wirkung auf die expressionistische Lyrik blieb.
Bereits ein Jahr später folgte eine nächste Gedichtsammlung aus der Feder Benns mit dem Titel Söhne. Sie ist seiner damaligen Liebe, der Dichterin Else Lasker-Schüler gewidmet.
Jedoch heiratet er ein Jahr später in München die Schauspielerin Edith Osterloh, die ihm 1915 Tochter Nele zur Welt brachte.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde Benn Oberarzt in Brüssel, dort entstanden die sogenannten Rönne-Novellen. Nach Ende des Krieges ließ er sich schließlich als Dermatologe und Venerologe in Berlin nieder, die Praxis dort führte er bis 1935. Und schon bald folgte die Veröffentlichung seiner nächsten Dichterwerke, der Prosasammlung Gehirne sowie der Gedichtsammlung Fleisch, mit der er auf die Grausamkeit des Krieges reagierte. Alle diese Werke lassen sich zur „expressionistischen Phase“ Benns zählen, die schließlich 1922 (das Jahr, in dem seine Ehefrau Edith verstarb) mit der Publikation der Gesammelten Schriften endete.
Danach wandte er sich der essayhaften Dichtung zu, mit Konzentration auf geschichtsphilosophische Zeitkritik und Nihilismus. Am 21. November 1931 fand die Uraufführung des Oratoriums Das Unaufhörliche (Text von Benn, Musik von Paul Hindemith) unter Otto Klemperer statt.
Im Jahre 1932 erhielt Benn dann die größte Ehrung, die einem Schriftsteller im deutschsprachigen Raum zuteil werden konnte: Er wurde Mitglied der Preußischen Akademie der Künste. Nach der Machtergreifung Hitlers verließen zahlreiche Künstler die Akademie, Benn jedoch blieb. Er erhoffte sich vom Nationalsozialismus eine Wiedergeburt der Deutschen Nation, verfasste 1933 seine Essays Der neue Staat und die Intellektuellen sowie 1934 Kunst und Macht und trat auch in Rundfunkvorträgen (z.B. „Antwort an die literarischen Emigranten“) für die neue Regierung ein.
Doch schon bald erkannte er deren Willkür und die wahren Inhalte des nationalsozialistischen Programms, wandte sich von den Nazis ab und "verstummte aus freien Stücken".
Benn gab 1935 seine Berliner Praxis auf und ging als Oberstabsarzt nach Hannover.
Im Jahre 1936 wurde zu seinem 50. Geburtstag der Band Ausgewählte Gedichte 1911-1936 herausgegeben (DVA Stuttgart), woraufhin die SS-Zeitschrift "Das Schwarze Korps" von "widernatürlichen Schweinereien" und „Perversion“ sprach.
Benn schrieb am 22.1.1937 an Elinor Büller: „Die finsterste Epoche meines Lebens. Ich habe das Leben satt, da ich keine äußere Form mehr finde, in der ich es zu leben u. zu führen mag.“
1938 wurde Benn schließlich aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und erhielt Schreibverbot. Im selben Jahr heiratete er Herta von Wedemeyer.
1941 verfasste er die Schrift Kunst und Drittes Reich, die allerdings erst 1949 veröffentlicht werden konnte. Illegal ließ er von 1943-1945 seine Zweiundzwanzig Gedichte 1936-1943 drucken und arbeitete am Roman Phänotyp sowie an den Statischen Gedichten.
Nach dem Krieg beging seine zweite Frau im Jahre 1945 Suizid, da sie von ihrem Mann kein Lebenszeichen erhalten hatte. Benn kehrte nach Berlin zurück und praktizierte wieder als Arzt. 1948 erschienen die Statischen Gedichte in der Schweiz (Arche-Verlag, Zürich). Sie sollten eine Grundlage für Benns späteren Ruhm werden.
1949 wurde ein wichtiges Jahr für den Dichter, er feierte quasi sein Comeback mit drei neuen Publikationen (Lyrik, Essays, Prosa) und rückte wieder in das Rampenlicht der Öffentlichkeit. Von nun an prägte Benn stark das Bild der deutschen Nachkriegslyrik mit. Im Jahre 1951 erhielt er den Georg-Büchner-Preis, konnte zu seinem 70. Geburtstag noch zahlreiche Ehrungen entgegen nehmen, starb jedoch nicht lange danach an den Folgen von Krebs am 7. Juli des Jahres 1956.

Informationen zur Jazz und Lyrik: Heinrich Heine mit Gert Westphal hier klicken