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24.06.2009

Steve Kuhn Trio & Joe Lovano - Mostly Coltrane

Steve Kuhn Trio, Steve Kuhn Trio & Joe Lovano - Mostly Coltrane Steven Kuhn © Robert Lewis / ECM Records

Auf seinem neuen Album “Mostly Coltrane” präsentiert Steve Kuhn eine facettenreiche Würdigung der eindringlichen Musik des Saxophonisten John Coltrane. Als sich Coltrane Ende 1959 darauf vorbereitete, die Band von Miles Davis zu verlassen und ein eigenes Ensemble zu gründen, wählte er als Partner für seine ersten Live-Auftritte den jungen Pianisten Steve Kuhn, Bassist Steve Davis und Schlagzeuger Pete La Roca aus. “Im Januar, Februar und März 1960 hatte ich die Ehre mit John Coltrane in der Jazz Gallery in New York zu arbeiten”, merkt Kuhn in seinem Vorwort zu “Mostly Coltrane” an. “Die Musik dieses Albums spiegelt meinen tiefen Respekt für ihn wider.”

In hohem Maße originell ist das Repertoire, das Kuhn für diesen Coltrane-Tribut zusammenstellte. Die sogenannten Paradestücke des Saxophonisten (etwa “Giant Steps”, “Impressions”, “My Favorite Things”, “Naima”, “Africa”, “Ascension”, “My One And Only Love”, “Chasin’ The Trane” und “Greensleeves”) sucht man auf dieser CD vergeblich. Stattdessen greift der Pianist hier einige weniger geläufige Nummern auf, die entweder von Coltrane selbst geschrieben oder aber mit ihm assoziiert wurden. Darunter sind auch drei Stücke, die er einst selbst mit Coltrane gespielt hatte (“Central Park West”, “The Night Has A Thousand Eyes” und “I Want To Talk About You”). Außerdem interpretiert er zwei Titel (“Jimmy’s Mode” und “Configuration”), die erst 1995, nahezu 30 Jahre nach Coltranes Tod, auf dem von seiner Witwe Alice Coltrane herausgegebenen Impulse!-Album “Stellar Regions” an die Öffentlichkeit gelangten. Das Album beginnt mit dem Stück “Welcome” (von der 1965 erschienenen Platte “Kulu Sé Mama”), zu dem Coltrane einst anmerkte: “‘Welcome’ ist dieses Gefühl, das man hat, wenn man nach vielen Mühen schließlich ein Bewußtsein, ein Verständnis erreicht... ein willkommenes Gefühl des Friedens.”

Tenorsaxophonist Lovano, für den diese Coltrane-Hommage natürlich eine ganz besondere Herausforderung war, präsentiert sich in absolut bestechender Form, während Schlagzeuger Joey Baron den Einfluß von Elvin Jones in seine eigene Spielweise übersetzt. Steve Kuhn selbst klingt so anders als all die Pianisten (von Alice Coltrane bis McCoy Tyner), die am engsten mit Coltrane assoziiert werden, daß man versucht ist zu spekulieren, was wohl dabei herausgekommen wäre, wenn er noch länger mit dem Saxophonisten zusammengearbeitet hätte. Aber damals, mit nicht einmal 22 Jahren, suchte der hochtalentierte Pianist noch nach seiner eigenen musikalischen Richtung, seinem künstlerischen Fokus. Nun konnte Kuhn mit dem Erfahrungsschatz, den er in den seit damals verstrichenen fünfzig Jahren erworben hat, an dieses Material herangehen. Und das Resultat ist fesselnd, bei den balladesken Stücken ebenso wie bei den freieren Momenten.

Wie hervorragend das Verständis innerhalb der Band ist, zeigt sich in den Beiträgen der einzelnen Mitglieder. Obwohl Joe Lovano hier zu einem bereits eingespielten Trio gestoßen ist (Kuhn nahm mit Bassist David Finck und Joey Baron vor vierzehn Jahren schon das Album “Remembering Tomorrow” für ECM auf), gewinnt man nie den Eindruck, daß es sich um die Kollaboration eines Solisten mit einer Rhythmusgruppe handelt: alle Musiker sind fest in dieses Quartett integriert. Nicht anders war es seinerzeit beim John Coltrane Quartet, das eines der ersten Ensembles der Post-Bop-Ära war, das seine Musik nicht nur als Summe einer Abfolge von Soli verstand.

Diese Lektion ist dem jungen Joe Lovano, der 1952 geboren wurde und mit der Musik von Coltrane aufwuchs, nicht verborgen geblieben. Sein Vater, Saxophonist Tony Lovano, hatte in den frühen 50er Jahren mit Coltrane in Cleveland gejammt. Und Joe lernte spielen, indem er alle weiteren Stationen von Coltranes musikalischer Reise detailliert studierte. Seine Auseinandersetzung mit Coltranes Musik verfolgt er seither mit aller Leidenschaft. In den Mittsiebzigern, kurz nach seinem Umzug nach New York, spielte Joe Lovano mit Rashid Ali. 1997 nahm er mit Elvin Jones und Dave Holland für Blue Note das Album “Trio Fascination - Edition One” auf, das Lovanos eigene Coltrane-Hommage enthielt. Und in den letzten Jahren war er auch Mitglied des McCoy Tyner Quartet, mit dem er 2006 ein titelloses Live-Album einspielte.

“Mostly Coltrane” wurde im Dezember 2008 in den New Yorker Avatar Studios aufgenommen und von Manfred Eicher produziert.