Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

01.01.1970

Zu Beginn seiner Karriere gehörte die Verwunderung der anderen zu seinem Alltag. Denn Andreas Scholl hat eine Stimmlage, an die sich das Publikum erst wieder gewöhnen musste: "Countertenöre waren lange Zeit aus der Mode gekommen. Ihre Parts wurden meistens von Frauen gesungen und es stellte sich niemand die Frage, ob da nicht an einer oder anderer Stelle ein Mann besser passen würde. Erst mit der Barockmusik-Bewegung der vergangenen zwei Jahrzehnte und deren historischer Aufführungspraxis wurde auch das Repertoire für die maskuline Alt-Stimme wiederentdeckt. Inzwischen ist eine neue Generation von Künstlern herangewachsen, die nicht mehr als Exoten gelten, sondern sich mit 'richtigen' Sängern messen können, das heißt vor allem dramatisch etwas mit der Stimme ausdrücken können. Da hat sich viel verändert".

Das ist durchaus auch sein Verdienst. Innerhalb von eineinhalb Jahrzehnten ist es Andreas Scholl gelungen, sich nicht nur an der Spitze der boomenden Gesangs-Nische zu etablieren und die Menschen für die Reinheit und Ausdruckskraft seiner Stimme zu begeistern, sondern auch die Meinung der Fachwelt zu prägen. So konnte man stellvertretend für viele ähnliche Rezensionen im Magazin Fanfare lesen: "Scholls Stimme ist rein und hat einen wunderbaren Klang, sein Geschmack ist erlesen, seine Tonhöhe und Diktion sind makellos. Selbst unter den besten der vielen heutigen Contratenöre findet man keinen Vergleich mit Andreas Scholl - man muss eher an die legendären Meister vergangener Tage denken." Und diese Kompetenz ist nicht vom Himmel gefallen, sondern das Resultat einer sorgfältigen Ausbildung und persönlichen Leidenschaft. Geboren am 10. November 1967 im hessischen Städtchen Eltviller als Sohn eines Obst- und Gemüsehändlers, sammelte Scholl als Sopran bei den "Kiedricher Chorbuben" erste Erfahrungen mit dem klassischen Repertoire. Dort wurde Bach, Schütz, Buxtehude, Lassus gesungen. Die Mischung aus Anlage und Faszination für ungewöhnliche Musik sensibilisierte ihn dafür, die Kopfstimme über den Stimmbruch hinaus zu erhalten.

Scholl wechselte als Gesangsnovize zum Alt und bildete in den folgenden Jahren im Dresdner Kreuzchor und von 1987 bis 1993 an der Schola Cantorum Basiliensis bei Richard Levitt und René Jacobs seine vokalen Qualitäten heraus. Mit klarem Timbre, brillanter Artikulation und der Neugier für noch ungehörtes Repertoire machte er sich daraufhin einen Namen als Motor der Szene, indem er zum Beispiel seltene Kantaten und Motetten von John Dowland bis Antonio Vivaldi wieder vorstellte.Die regelmäßige Arbeit mit angesehenen Ensembles wie dem Freiburger Barockorchester und der Akademie für Alte Musik Berlin, aber auch mit dem Australian Brandenburg Orchestra ließen ein breites Spektrum an Repertoire entstehen, dass von Duetten mit Laute über Besetzungen mit Gambe und Cembalo bis hin zu großen Ensembleeinspielungen reicht. Scholl debüttierte 1998 als Opernsänger in Glyndebourne mit dem Bertarido aus Händels "Rodelinda" unter der Leitung von William Christie, feierte Erfolge mit Pergolesis "Stabat Mater" ebenso wie mit seinen "Folk Songs" der englischen Renaissance.

Er war sieben Jahre lang Mitglied des Studios für elektronische Musik in Basel, komponiert nebenbei Popmusik und istGast vieler renommierter Festivals Europas (Londoner Proms, Utrecht, Saintes, Montreux). Er tritt regelmäßig in der Londoner Wigmore Hall, der Berliner Philharmonie, am Théâtre de la Ville in Paris, dem Théâtre de Poissy, seit 1997 auch zunehmend in den Vereinigten Staaten auf. Die Liste seiner Mitstreiter ist lang und umfasst unter anderem Philippe Herreweghe, René Jacobs, William Christie, John Eliot Gardiner, Paul McCreesh und Ensembles sie den Netherlands Bach Choir, Cantus Cölln, das Orchestra of the Age of Enlightenment, die Musica Antiqua Köln, der Akademie für Alte Musik und oder auch die Accademia Bizantina.

So ließen auch die Preise nicht auf sich warten. Bereits 1996 gewann Andreas Scholl den Baroque Vocal Prize bei den Gramophone Awards für seine Aufnahme von Vivaldis "Stabat Mater" mit dem Ensemble 415. Im Juni 1998 wurde er exklusiv von der Decca unter Vertrag genommen. Seine erste Aufnahme für das Label, die Portrait-CD "Heroes" mit Arien von Mozart, Händel und Hasse erschien noch im selben Jahr. Im Februar 1999 zeichnete er mit Barbara Bonney und Les Talens Lyriques unter Christophe Rousset Leitung die grandiose Einspielung von Pergolesis "Stabat Mater" auf. Es folgten die Sammlung mit Volkslieder "Warfaring Stanger" (2001), die Aufnahme der historischen Zusammenstellung "A Musical Banquet" (2001) von Robert Dowland und das Widmungsalbum "Arcadia" (2003) an die Freuden des idyllischen Barocks, das unter anderem mit dem Vierteljahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik 1/2004 ausgezeichnet wurde.

6/2005