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16.10.2005

Biografie Matthias Goerne

Manchmal hilft das Glück ein wenig nach, damit sich die richtigen Partner zum passenden Zeitpunkt begegnen. Irgendwann Ende der Neunziger bei einem der vielen Konzerten, die Matthias Goerne gab, saß ein Pianist im Publikum, der zu den strengsten Autoritäten seines Fachs gehört. Der ältere Herr war von dem so angetan, was er auf der Bühne hörte, dass es ein positives Nachspiel dieses denkwürdigen Abends gab: "Alfred Brendel hat mich angerufen und gefragt: Wollen wir ein paar Konzerte machen? Er hatte zwei meiner Programme gehört und sprach mich eben an. Das kann nur so laufen. Sicher habe ich mir gewünscht, mit ihm zu arbeiten. Aber das tun noch Tausend andere. Daher kann man letztlich nur darauf vertrauen, dass man irgendwann zusammen kommt."

Der folgenreiche Telefonanruf war der Schlusspunkt der Lehrjahre für den 1967 in Leipzig geborenen Bariton, der noch zu DDR-Zeiten seine Laufbahn als Lied-Sänger begann. Nach den Jugendzeiten im Kinderchor des Städtischen Theaters von Chemnitz, hatte er 1985 sein Studium bei Hans-Joachim Beyer (Leipzig) begonnen. Da er sich als ungewöhnlich begabt herausstellte, wurde er bald an Kapazitäten wie Dietrich Fischer-Dieskau und Elisabeth Schwarzkopf als Lehrmeister vermittelte.

Nach der Wende gewann er 1990 den Hugo Wolf Wettbewerb, arbeitete sich über regionale Jobs in die Szene hinein und wurde seit Mitte der Neunziger auch an größere Häuser eingeladen. Sein Salzburg-Debüt gab er 1997 als bunt gefederter Papageno (auch 1998/2004, Met), die erste Hauptrolle in einer Oper wurde ihm 1999 in Zürich mit Bergs "Wozzeck" angetragen (auch 2002, Covent Garden; 2004, Japan). Bei den Salzburger Festspielen 2003 sang er gar eine Hauptrolle in der Welturaufführung von Hans Werner Henzes Oper "L´Upupa und der Triumph der Sohnesliebe".

Goernes Hauptinteresse lag jedoch von Anfang an auf dem Kunstlied: "Ich habe gespürt, dass das Lied für mich gesangsphysiologisch der richtige Weg ist, die Stimme höchst individuell belasten zu können. Dazu kamen Stoffe, die mich interessierten, und ein Form von Musik, die viel feiner als bei einem großen Orchester sein kann. Das Lied ermöglicht es, Programme zusammenzustellen, die individuell auf mich abgestimmt sind. So kann ich viel genauer meine Neigungen und Möglichkeiten abschätzen. Bei der Oper habe ich gespürt, dass ich es später machen musste. Denn einer der zentralen Unterschiede besteht in der Geschlossenheit der Handlung, auf die man wenig Einfluss hat. Ein Lied ist nach drei Minuten aus. Daran kann man dann mit dem nächsten an einem ähnlichen Punkt fortfahren. So entsteht eine Dramaturgie, die man selbst lenken kann."

Und die auf andere Musiker Eindruck machte. Bald fanden sich illustre Begleiter wie Eric Schneider, Leif Ove Andsnes, Vladimir Ashkenazy und zunehmend Alfred Brendel, die dafür sorgten, dass Goernes Gesang den passenden hochqualitativen Rahmen bekam. Sein Ansehen stieg stetig und so ist auch die Liste der Kooperationen lang. Matthias Goerne konzertiert inzwischen mit vielen führenden europäischen und amerikanischen Orchestern, arbeitet mit berühmten Dirigenten wie Claudio Abbado, Riccardo Chailly, Christoph Eschenbach, Bernard Haitink, Nicolaus Harnoncourt, James Levine, Lorin Maazel, Ingo Metzmacher oder auch Kent Nagano zusammen. Renommierte Festivals wie die Salzburger Festspielen, die Festivals in Edinburgh, Luzern, Schleswig-Holstein, Tanglewood und Saito Kinen in Japan buchen ihn gerne, so dass sein Terminkalender im Schnitt weit mehr als 70 große Konzert pro Jahr zu verzeichnen hat. Goernes erfolgreiche Tätigkeit ist in zahlreichen Aufnahmen auf CD dokumentiert und allein bei seinem Exklusivlabel Decca sind mehr als ein Dutzend Beispiele dafür erschienen. Dazu gehören Schuberts Liedzyklus "Die schöne Müllerin" (Eric Schneider, Klavier), veröffentlicht im September 2002, und Gustav Mahlers "Des Knaben Wunderhorn" mit Barbara Bonney und dem Concertgebouorkest unter der Leitung von Riccardo Chailly, das im März 2003 vorgestellt wurde. Durch seine Mitarbeit an Nikolaus Harnoncourts Einspielung der Bachschen "Matthäus-Passion" 2001 bekam er seinen ersten, wenn auch dem gesamten Ensemble verliehenen Grammy zugesprochen. Die neuesten Produktionen entstanden wie die Live-Aufnahme von Schuberts "Winterreise" (2004) und die Fortsetzung mit Schuberts "Schwanengesang" (2005) gemeinsam mit Alfred Brendel in der Wigmore Hall in London. Matthias Goerne ist außerdem Ehrenmitglied der Royal Academy of Music in London und unterrichtet neben seiner umfangreichen Konzerttätigkeit seit November 2001 als Honorarprofessor für Liedinterpretation an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf.

06/2005