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03.06.2009

Evan Parker Electro-Acoustic Ensemble - The Moment’s Energy

Evan Parker, Evan Parker Electro-Acoustic Ensemble - The Moment’s Energy Evan Parker © Caroline Forbes

Sein neuestes Werk “The Moment’s Energy” komponierte der britische Saxophonist Evan Parker vor zwei Jahren im Auftrag der Veranstaltern des Huddersfield Contemporary Music Festival. Aufgenommen wurde das Material für das gleichnamige ECM-Album im November 2007 im Lawrence Batley Theatre in Huddersfield. Für “The Moment’s Energy” wurde Parker 2008 als Komponist mit dem Paul Hamlyn Award ausgezeichnet.

Obwohl die CD “The Moment’s Energy” auch einige “Live”-Aufnahmen enthält, ist sie kein wirkliches Live-Album. Parkers Electro-Acoustic Ensemble hat, seit es 1992 gegründet wurde, die Wahrnehmung dessen, was Live-Musik ist, immer wieder neu auf die Probe gestellt. Bei der Aufnahme des ersten Albums “Toward The Margins” fütterten die Elektroniker des Ensembles ihre Sampling-Maschinen beispielsweise mit dem Material der akustischen Spieler, um es dann entweder direkt oder mit Verzögerung einzusetzen. Und auf dem zweiten Studioalbum “Drawn Inward” wurde das im Studio eingespielte neue Material teilweise mit Aufnahmen kombiniert, die ein Jahr zuvor bei einem Konzert mitgeschnitten worden waren.

“The Moment’s Energy” ist nun nach “Toward The Margins” (1996), “Drawn Inward” (1998), “Memory/Vision” (2002) und “The Eleventh Hour” (2004) schon das fünfte Album, das Evan Parker mit seinem bahnbrechenden Electro-Acoustic Ensemble für ECM aufgenommen hat. Alle bereits erschienenen Alben wurden von der internationalen Kritik mit höchstem Lob überhäuft: die Times schwärmte von der “fesselnden, innovativen und vollkommen originellen Musik” dieser Band und in der Süddeutschen Zeitung schrieb Karl Bruckmaier 2004 über “The Eleventh Hour”: “Hier entsteht etwas völlig Neues, ein ungemein kompaktes, raffiniertes Tonkunstwerke von höchster Komplexität, das geradezu eine klangliche Körperqualität, wie sie vor der Miteinbeziehung von Elektronik in die Musik schlicht nicht denkbar gewesen ist. [...] Dies ist die erste Zukunftsmusik, die ich seit langem gehört habe. Daß das Electro-Acoustic Ensemble das Zeug zu dieser Pioniermusik hat, deutete sich schon auf den ebenso unaufgeregten wie souveränen Vorgängeralben an; jetzt sind die Versprechen eingelöst.”

Durch die Integration von Improvisation und den interaktiven Einsatz der Elektronik hat die Band nicht nur neue Klangfarben kreiert, sondern zunehmend die Grenze zu den Extremen des Jazz (der einst Parkers Ausgangspunkt war) und abenteuerlicher moderner Kompositionsmusik überschritten.

Das Electro-Acoustic Ensemble ist im Laufe der Jahre immer größer geworden. Die gegenwärtige 14köpfige Besetzung ist zudem auch die bislang internationalste Besetzung der Band. Die Mitglieder stammen aus Großbritannien, den USA, Japan, Spanien und Italien. Unter ihnen gibt es sowohl Improvisationsmusiker als auch Komponisten und elektronische Klangforscher.

Evan Parker ist in der internationalen Jazzszene als einer der bedeutendsten Saxophonisten der Post-Coltrane-Ära bekannt. Er war 1970 einer der ersten europäischen Saxophonisten, die bei ECM ein eigenes Album  (“Music Improvisation Company”) veröffentlichten. Darüber hinaus wirkte er auch an ECM-Einspielungen von Kenny Wheeler (“Around 6”, 1979, und “Music For Large & Small Ensembles”, 1990), Gavin Bryars (“After The Requiem”, 1990) und Roscoe Mitchell (“Composition/Improvisation Nos. 1, 2 & 3”, 2004) mit und machte zwei Alben im Trio mit Pianist Paul Bley und Bassist Barre Phillips (“Time Will Tell”, 1994, und “Sankt Gerold”, 1996).

Violinist Philipp Wachsmann und Schlagzeuger Paul Lytton nahmen für ECM 1997 das Duo-Album “Some Other Season” (1997) auf, während Bassist Barry Guy für das Münchner Label sowohl schon als Instrumentalist als auch als Komponist tätig war. Zu hören ist er unter anderem mit dem Hilliard Ensemble auf “A Hilliard Songbook” (1995/96) und auf seinem eigenen Album “Folio”, das er 2005 mit dem Münchner Kammerorchester unter der Leitung Christoph Poppen einspielte.

Die amerikanischen Ensemblemitglieder Peter Evans und Ned Rothenberg, die beide ihr ECM-Debüt geben, sind in der internationalen Improvisationsszene bestens bekannt. Evans, der u.a. Mitglied der Kultband Mostly Other People Do The Killing ist, gilt als einer der aufregendsten neuen Trompeter. Über Rothenberg schrieb der Berliner Tagespiegel unlängst: “Er ist absolut phänomenal. Er eröffnete den Holzblasinstrumenten neue und noch nie zuvor gehörte Ausdrucksmöglichkeiten.” Mit seinen Klarinetten und seiner Shakuhachiflöte bringt Rothenberg ebenso frische Klangfarben ins Spiel, wie es Ko Ishikawa mit seiner Shō - eine Art hölzerne Mundorgel - tut. Der japanische Improvisationsmusiker spielt das älteste Instrument der japanischen Gagaku-Musik (diese Musik wird ca. seit dem 7. Jahrhundert am japanischen Kaiserhof gespielt) sowohl in traditioneller als auch in moderner Weise.

Der aus Barcelona kommende Pianist Agustí Fernández studierte bei Iannis Xenakis und Herbert Henck und trat kürzlich im Rahmen einer von ECM in Barcelona veranstalteten Konzertserie zusammen mit Marilyn Crispell und Barry Guy auf.

Richard Barrett ist einer der herausragenden zeitgenössischen britischen Komponisten (in seiner umfangreichen Trophäensammlung befindet sich u.a. ein British Composer Award für Kammermusik) und bildet mit Paul Obermayer seit über 20 Jahren das elektronische Improvisationsduo FURT. Das Duo wurde 2004 in Parkers Electro-Acoustic Ensemble integriert und stellt gewissermaßen eine Band innerhalb der Band dar.

Lawrence Casserley war einer der Pioniere der elektro-akustischen Musik in Großbritannien. Die Italiener Walter Prati und Marco Vecchi arbeiten häufig bei verschiedensten Projekten in Mailand zusammen. Pratis eigene Kompositionen wurden schon in der berühmten Mailänder Scala aufgeführt. Aufsehen erregte er auch durch die Zusammenarbeit mit Sonic-Youth-Gitarrist Thurston Moore.

Der amerikanische Komponist und Improvisierer Joe Ryan, ein Erneuerer der in Echtzeit gespielten elektronischen Musik, arbeitete u.a. schon mit Frances Marie Uitti sowie dem Frankfurter Ballett zusammen und ist als Forscher am STEIM-Institut tätig.

Im Sommer werden Evan Parker und sein Electro-Acoustic Ensemble auf Tournee durch Europa gehen, um das neue Projekt “The Moment’s Energy” dort auch live vorzustellen.