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20.05.2009

Egberto Gismonti - Saudações

Egberto Gismonti, Egberto Gismonti - Saudações Egberto Gismonti

Mehr als ein Jahrzehnt ist seit der Veröffentlichung der letzten ECM-Alben des Brasilianers Egberto Gismonti verstrichen: gleich zweimal war er 1995 ins Studio gegangen, um erst im April mit seinem Trio “ZigZag” (ECM 1582, erschienen noch im selben Jahr) und dann im Juni mit dem Litauischen Staatssinfonieorchester unter Leitung von Gintaras Rinkevicius “Meeting Point” (ECM 1586, herausgekommen 1997) einzuspielen. Jetzt meldet er sich also endlich mit dem Doppelalbum “Saudações” bei ECM zurück; und erneut stehen hier zwei sehr unterschiedliche Aspekte der künstlerischen Kreativität des Brasilianers im Scheinwerferlicht: einmal präsentiert er sich als Komponist für ein Kammerorchester und dann als virtuoser Gitarrist im Duett mit seinem Sohn Alexandre.

Für die Aufnahmen der ersten CD flog Gismonti im August 2006 nach Kuba, wo er seine neue, siebenteilige Suite “Sertões Veredas: Tribute To Miscegenation” mit einem ebenso ungewöhnlichen wie schillernden Ensemble aufnahm: dem weiblichen Streichorchester Camerata Romeu unter der Leitung von Zenaida Romeu. Das 1993 gegründete Orchester ist auf die Aufführung von Werken mittel- und südamerikanischer Komponisten (u.a. Leo Brouwer, Esteban Salas, Ernesto Lecuona, Astor Piazzola & Antonio María Romeu) spezialisiert und wurde schon zweimal für einen Latin Grammy nominiert.

Ein Jahr nach der Aufnahme der Suite ging Egberto Gismonti dann in Rio de Janeiro mit seinem Sohn Alexandre ins Studio, um eine Serie von Gitarren-Duetten einzuspielen: “Duetos De Violões”. Im Repertoire tauchten dabei auch einige neuarrangierte Nummern auf, die man bereits von früheren Alben Gismontis kennt: “Lundú”, “ZigZag” und “Dança dos escravos”.

Egberto Gismonti kam 1947 in Carmo, einer Kleinstadt rund 190 nordöstlich von Rio de Janeiro, zur Welt und studierte ab seinem fünften Lebenjahr klassisches Piano. Zur Gitarre, die er autodidaktisch spielen lernte, fand er erst mit 21 Jahren. Doch schon bald entwickelte er seine innovative, beidhändige Technik, die ihm ermöglichte auf dem Instrument simultan Melodielinien und Kontrapunkt zu spielen. 1970 reiste Gismonti nach Paris, um bei zwei bedeutenden Lehrern Unterricht zu nehmen: der bekannten Musikpädagogin Nadja Boulanger (zu deren “Schülern” auch Astor Piazzolla, Quincy Jones und Philip Glass gehörten) und Jean Barraqué, einem französischen Komponisten Serieller Musik, der Anton Weberns gelehrigster Gefolgsmann gewesen war. Von seinen Pariser Lehrern wurden Gismonti nachhaltig ermuntert, sich intensiv mit der Musik seines Heimatlandes Brasilien auseinanderzusetzen. In der brasilianischen Volksmusik fand er daraufhin eine schier unerschöpfliche Inspirationsquelle. In Brasilien überlappten sich schon damals - lange Zeit vor der Entstehung des Begriffs “Weltmusik” - musikalische Traditionen aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt. “Sämtliche europäische und viele andere Kulturen haben Eingang in die brasilianische Kultur gefunden”, sagt Gismonti.

Internationale Anerkennung gewann Gismonti 1977 mit seinem ECM-Debütalbum “Dança Das Cabeças”, für das er gleich den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik erhielt. In den USA wurde “Dança Das Cabeças” (ECM 1089) im Magazin Stereo Review zum Album des Jahres gekürt. Kurze Zeit später bildete Gismonti mit dem amerikanischen Bassisten Charlie Haden und dem norwegischen Saxophonisten Jan Garbarek ein damals extrem populäres Trio, das 1979 zwei wegweisende Alben für ECM aufnahm: “Magico” (ECM 1151) und “Folk Songs” (ECM 1170).

Zu den weiteren Einspielungen, die Egberto Gismonti für ECM machte, gehören die Alben “Sol Do Meio Dia” (ECM 1116 / 1977), “Solo” (ECM 1136 / 1978), “Sanfona” (ECM 1203/04 / 1980/81), “Duas Vozes” (ECM 1279 / 1984), “Dança Dos Escravos” (ECM 1387 / 1988), “Infância” (ECM 1428 / 1990) und “Música De Sobrevivência” (ECM 1509 / 1993).

In den letzten beiden Jahrzehnten brachte Gismonti über die Vertriebskanäle von ECM außerdem noch 15 CDs heraus, die er für sein eigenes Label Carmo in Brasilien produziert hatte. Das nun erscheinende Doppelalbum “Saudações” ist die erste wirkliche Koproduktion zwischen ECM und Carmo, bei der Egberto Gismonti höchstpersönlich die Aufnahmen überwachte.

Gismontis neue Orchestersuite wird im Begleitext folgendermaßen beschrieben: “eine musikalische Reise durch Brasilien, in deren Verlauf auf indirekte Weise die verschiedenen Aspekte der Menschen, der Kultur und der Geschichte dieses Lands offenbart werden. Es ist eine Reise durch Zeit und Raum, ständig wechselnd zwischen Musik, Literatur und Kino, wobei nichts unberührt bleibt und alles eine tiefe Transformation erfährt.” Die Musik zitiert gelegentlich u.a. Werke von Villa-Lobos, Strawinsky und Bach sowie die Tanzrituale der Xingu-Indianer.

Die Dirigentin Zenaida Romeu entstammt einer der distinguiertesten Musikerfamilien Kubas. Sowohl ihr Großvater als auch ihr Großonkel waren überaus bekannte Dirigenten und Komponisten. Die Camerata Romeu gründete Zenaida 1993, um “nationale und lateinamerikanische Werte wiederzubeleben”. Das nur mit Frauen besetzte Orchester hat seitdem schon die ganze Welt bereist und überall glänzende Kritiken geerntet. “Cuba Mia: Retrato De Una Orquesta De Mujeres”, ein 2002 von Cecilia Domeyko gedrehter Dokumentarfilm über die Camerata Romeu, wurde international mit vierzehn Preisen ausgezeichnet.

Alexandre Gismonti, 1981 geboren, studierte im Centro Musical Antônio Adolfo in Rio de Janeiro ab seinem zwölften Lebensjahr Gitarre und Musiktheorie. 2002 repräsentierte er Brasilien beim internationalen Gitarrenfestival “Entre Cuerdas” in Chile. Im Jahr darauf trat er als Solist beim 41. Festival Villa-Lobos in Rio de Janeiro auf. 2004 gewann der Gitarrist  den Prêmio Visa de Música Brasileira. Obwohl er sich natürlich besonders intensiv mit dem musikalischen Œuvre seines Vaters auseinandersetzt und mit Egberto schon bei einigen großen Festivals in Südamerika und Europa auftrat, sammelte Alexandre Gismonti in seiner jungen Karriere auch schon andere Spielerfahrungen: etwa an der Seite der MPB-Sängerin Jane Duboc, in seinem eigenen Trio mit Kontrabassist Mayo Pamplona und Perkussionist Felipe Cotta (das Klassiker der brasilianischen Musik und Eigenkompositionen miteinander kombiniert) oder in einem weiteren Trio, das er mit dem Saxophonisten und Komponisten Eli Joory sowie Cellist Michel Maciel formierte.