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06.05.2009

Die andere Perspektive

Alfred Zimmerlin, Die andere Perspektive © ECM Records Alfred Zimmerlin © ECM Records

Ein Blick in die Schweiz. Alfred Zimmerlin, Jahrgang 1955, zählt derzeit zu den wichtigsten Komponisten des Landes. Seine Arbeiten speisen sich aus sehr unterschiedlichen Quellen, von den Ferienkursen in Darmstadt bis hin zu Erfahrungen, die er als Cellist in der frei improvisierenden Szene gesammelt hat. Dementsprechend vielfältig sind seine künstlerischen Ideen. Für „Euridice“ hat er sich der Gattung der Kammermusik aus verschiedenen Perspektiven genähert, zum einen mit einem klanglich unkonventionellen Zugang zu einer der traditionsreichsten Spielformen der europäischen Musikgeschichte, zum anderen mit einem gattungsübergreifenden Werk, das von Stimme und Zuspielungen bis zum fragilen Klang der Oboe reicht.

Seine künstlerische Sozialisation brachte Alfred Zimmerlin im Laufe der Jahre mit vielfältigen Spielformen der gestaltenden Moderne zusammen. Geboren in Zürich, bildete er sich zunächst durch ein Studium der Musikwissenschaft und Musikethnologie an der dortigen Universität weiter, das ihn unter anderem mit Kurt von Fischer und Wolfgang Laade als Lehrer zusammen brachte. Anno 1980 begann Zimmerlin, in der "Werkstatt für improvisierte Musik" (WIM) Zürich mitzuarbeiten. Es folgten Werkjahrstipendien des Aargauischen Kuratoriums, erste Auszeichnungen wie 1986 der Musikpreis der C. F. Meyer-Stiftung und weitere Stipendien, die ihm die konzentrierte Arbeit an seinen Kompositionen bis in die späten 1990er Jahren hinein ermöglichten. Auf Einladung von Pro Helvetia blieb er 2001 für ein Jahr in Kairo und kam dort sowohl mit der umfangreichen arabischen Klangtradition wie auch mit dem Poeten Raphael Urweider in Kontakt, einem der bedeutenden Schweizer Lyriker der jüngeren Generation, der auch als Jazzmusiker und Rapper auftritt und wenig später für das Libretto der Komposition „Euridice singt“ sorgen sollte. Darüber hinaus spielte Zimmerlin als improvisierender Cellist international in verschiedenen Formationen wie etwa dem Trio KARL ein KARL, dem Tony Oxley Celebration Orchestra, Christoph Gallio und The Great Musaurian Songbook.

Alfred Zimmerlin erwies sich als ebenso produktiv wie neugierig neuen Klangerfahrungen gegenüber. Inzwischen umfasst seine Werkliste mehr als siebzig Kompositionen, darunter Klavierstücke, Kammermusik mit oder ohne Live-Elektronik, Vokal- und Orchestermusik, Musiktheater und auch Arbeiten für Rundfunk und Film. Seinen Zugang zur Musik versucht er, sich so intuitiv wie möglich zu erhalten. Zimmerlins Ziel ist es, Dinge zusammenzubringen, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören, sie nebeneinander zu stellen, und abzuwarten, was unter diesen Vorgaben passiert, wie sich Ordnungen finden, die intuitiv funktionieren und die dann sofort wieder relativiert werden und zusammenbrechen können. „Das Ohr steht über System oder Konstruktion. Es gibt bei mir nie nur ein System für ein Stück, ich nehme ganz viele Werkzeuge in die Hand, dreißig oder vierzig, manchmal für jede Schicht etwas Anderes“, meinte er unlängst in einem Interview. „Das Zusammentreffen des Heterogenen lässt sich nicht konstruieren, da muss man ein Netz spannen und die Musik darin halten.“

Im Fall von „Euridice“ bedeutet das, mit den Konventionen der Gestaltung zu spielen, ohne sie letztlich in ihrem Kern zu zerstören. Das gilt vor allem für die Gattung Streichquartett, seit Haydn, Beethoven und der Romantik klar in ihrer Form festgeschrieben und doch offen genug, um aus Zimmerlins Perspektive unerwartete Höreindrücke zu generieren. Es entstanden Kammermusikaufnahmen mit drei Schweizer Ensembles, dem Carmina Quartett, der Formation Æquatuor und dem Aria Quartett, die drei Werke jeweils beauftragt und mit dem Komponisten einstudiert hatten. Im Zentrum des Albums für ECM New Series steht die umfangreiche Szene „Euridice singt“, die 2005 beim Lucerne Festival uraufgeführt wurde. Das für das Ensemble Æquatuor konzipierte Werk mit seiner charakteristischen Kombination von Sopran, Oboe, Cello und Klavier, war thematisch offen und ließ Raum für unterschiedlichste Lösungen, die von den Worten Raphael Urweiders bis hin zu Zuspielungen von CD reichen. Und in diesem Stück kam die Braut des Orpheus endlich zu ihrem Recht, sich als Muse und Katalysator der künstlerischen Arbeit des anderen zu präsentieren. Unterm Strich ist mit den 2006 und 2007 entstandenen Aufnahmen ein markantes Komponistenportait entstanden, das der internationalen Kulturöffentlichkeit endlich die Möglichkeit gibt, in Alfred Zimmerlin eine der zentralen kreativen Gestalten der zeitgenössischen europäischen Musik zu entdecken.