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22.04.2009
Goran Bregovic

Der Geist aus der Flasche

Goran Bregovic, Der Geist aus der Flasche © Nebojsa Babic Goran Bregovic

Erlebt man Goran Bregovic auf der Bühne, passiert etwas mit dem Publikum. „Seine Musik hat Macht und Herz, Pathos und Nähe. Sie triff die Zuhörer am wunden Punkt der Gleichgültigkeit und erinnert sie an die Kraft der Klänge, die stärker ist als der Kleingeist des Alltags", konnte man über ihn in einer Konzertbesprechung der Süddeutschen Zeitung lesen und tatsächlich gelingt es dem Charismatiker aus Sarajevo bereits seit Jahrzehnten, die Menschen in seinen Bann zu ziehen. Dabei schafft seine Kunst diesen besonderen Brückenschlag zwischen dem Ernst der Tradition und dem Witz des Intellektuellen, der die Virtuosität der Musik des Balkans mit einem Augenzwinkern relativiert. Und der sein neues Album „Alkohol - Sljivovica & Champagne" dem Andenken seiner Eltern widmet.

Keine Musik ohne Geschichte. „Meine Mutter ließ sich von meinem Vater scheiden, weil er, wie die meisten Offiziere, zu viel Slibowitz trank", meint Goran Bregovic in den Liner Notes. „Nachdem sie ihn verlassen hatte, unterzog er sich einer medizinischen Behandlung, um mit dem Trinken aufzuhören. In den folgenden 15 Jahren trank er keinen Tropfen mehr. Und meine Mutter starb an Leukämie. Die zweite Frau meines Vaters erzählte mir einmal, dass sie ihm heimlich hie und da gefolgt ist. Jedes Mal fand sie ihn rauchend bis zum Morgengrauen am Fenster des Militärhospitals in Split sitzen, wo drei Stockwerke höher meine Mutter starb. Nach ihrem Tod zog er zurück in sein Heimatdorf unweit der ungarischen Grenze. Er pflanzte einen Weinberg an, der ihm rund 1000 Liter im Jahr einbrachte. Mein Vater überlebte meine Mutter um zwei Jahrzehnte und trank diese 1000 Liter überwiegend selbst. Ich widme 'Alkohol' meinen Eltern".

Und das durchaus mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Auf dem Cover von „Alkohol" sieht man den Star der Popmusik des Balkans fröhlich mit zwei Gläsern in den Händen, eine Art Variation zum Thema Carpe Diem. Tatsächlich hat Goran Bregovic selbst einiges erreicht. Als Spross eines kroatischen Vaters und einer serbischen Mutter mit christlichen und muslimischen Verwandten war Bregovic ein opulentes Spektrum klangkultureller Perspektiven in die Wiege gelegt worden. Er nützte sie auf seine Weise. Jahrgang 1950, lernte er als Jugendlicher, mit der Gitarre umzugehen und hatte es seit den siebziger Jahren mit seiner Combo „Bijelo Dugme" zu einiger Berühmtheit in Titos Jugoslawien und darüber hinaus gebracht. Nach einem Dutzend Schallplatten, die in einigen Millionen Exemplaren über den Ladentisch gingen, wollte er sich eigentlich vorerst zur Ruhe setzen. Er kaufte ein Haus auf einer Insel, doch kaum zog er dorthin, änderte der Bürgerkrieg alle Vorzeichen.

Goran Bregovic wagte einen zweiten Anfang und baute auf die Beziehungen auf, die er bereits geknüpft hatte. Im Laufe der Jahre arbeitet er mit Iggy Pop und Cesaria Evora, David Byrne und Ofra Haza, George Dalares und Sezen Aksu, schrieb zahlreiche Filmmusiken wie zu „Les Temps des Gitans" (1991), „La Reine Margot" (1994), „Underground" (1995) und „Ederlezi"(1998), zum Teil in Zusammenarbeit mit seinem Landsmann Emir Kusturica, und baute mit der Wedding And Funeral Band ein Ensemble auf, das die musikalischen Überlieferungen des Balkan produktiv in eine zeitgemäße Sprache übersetzt. Die Konzerte mit dem stellenweise auf Orchestergröße ausgeweiteten Ensemble zählen inzwischen zu den Highlights der internationalen Festivalbühnen und auch den Aufnahmen aus Guca, Skopje und Belgrad, die die Basis für das Album „Alkohol" bilden, hört man diese Begeisterung der Menschen an. Immer wieder unterstützen die Zuhörer in den Sälen singend ihren Star. „Jeder, der hier nicht verrückt wird, kann nicht normal sein", steht als weiteres Zitat im Beiheft zu lesen. Bregovic, der Schelm und Kultursynoptiker, der die Brass Bands seiner Heimat mit den Beats von Shantel, die Attitude der Rockmusik mit dem Spaß der Folklore zusammenbringt, der Alltagsphilosoph mit dem ernsten Kern, hat ein weiteres Meisterwerk seiner burlesken Kunst zustande gebracht. Ergo bibamus!

Mehr Informationen zu Goran Bregovic gibt es unter www.klassikakzente.de/goranbregovic