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08.04.2009

Andy Sheppard - Movements In Colour

Andy Sheppard, Andy Sheppard - Movements In Colour Andy Sheppard © Bill Butt / ECM Andy Sheppard © Bill Butt / ECM

Nachdem der britische Saxophonist Andy Sheppard ECM-Fans bislang nur durch das runde Dutzend Alben bekannt ist, die er an der Seite von Carla Bley für deren (über ECM vertriebenes) Label WATT aufgenommen hat, tritt er nun endlich mit seinem ECM-Debütalbum so richtig ins Rampenlicht. Seine musikalische Visitenkarte "Movements In Colour" präsentiert Andy Sheppard als Musiker mit einem Faible für melodische Intensität  und federnde Rhythmen. Der Titel des Albums ist dabei zugleich Programm, denn die Musik ist ausgesprochen vielfarbig und ständig in Bewegung. Den Rahmen des Jazz sprengt sie dabei immer wieder. Sheppards besondere Vorliebe für Klänge und Rhythmen aus Indien, Afrika und Lateinamerika ist in den von ihm komponierten Stücken, die dem Leader und seinen Mitmusikern viel Bewegungsfreiheit lassen, stets evident.

"Manchmal wird Musik durch ein Glücksspiel zum Leben erweckt", meint Andy Sheppard. "Wenn man das erste Mal mit neuen Musikern zusammenspielt, kann das ein sehr lohnendes und kreatives Erlebnis sein. Manchmal werden Musiker handverlesen und zusammengebracht, um eine ganz bestimmte Substanz zu erschaffen, um einen Traum in Klang umzusetzen - und genau das ist hier der Fall."

Für die Verwirklichung dieses Traums scharte Sheppard Musiker um sich, mit denen er teils schon seit längerer Zeit Beziehungen unterhielt, teils erst in der jüngeren Vergangenheit in Kontakt getreten war. Mit dem Jazzgitarristen John Parricelli und dem Tablaspieler Kuljit Bhamra (die beide auch Mitgliedere in Sheppards aktuellem Quartett sind), spielt der britische Saxophonist schon seit geraumer Zeit im Duo zusammen. Bhamra übernahm beim "Movements In Colour"-Projekt eine zentrale Rolle. "Ich wollte, daß er mit seiner Tabla nicht nur einfach zusätzliche Klangfarbe zum Ensemble beisteuert", erläutert Andy Sheppard. "Also ermunterte ich ihn dazu, die Tabla mit einer Snare-Drum und Becken und einer Reihe anderer Perkussionsinstrumente zu kombinieren."

John Parricelli ist, so Sheppard, "ein unglaublicher Musiker. Und es ist immer eine Freude, mit ihm zu spielen. Leider hat er nur zwei Hände - und in meiner Vorstellung sollte die Gitarre sowohl Akkorde und klare Melodielinien spielen als auch Klangfarben beisteuern. Weshalb es mir nur logisch erschien, mich nach einem zweiten Gitarristen umzuschauen, um so die Möglichkeiten einer gigantischen Gitarre zu erschaffen. Während ich als Gastsolist mit Ketil Bjørnstads Band tourte, hatte ich die Gelegenheit mit Eivind Aarset zu spielen - und er schien mir die perfekte Wahl für die Klangwelt zu sein, die ich kreieren wollte."

Als Sheppard Bjørnstad auf einer Tournee durch Großbritannien begleitete, lernte er auch Bassist Arild Andersen persönlich kennen. Und als er nun die Musik für das vorliegende Album komponierte, hörte er im Kopf "Melodien, die für einen Kontrabaß prädestiniert waren. Mir war klar, daß Arilds Klang und Lyrizismus diese Melodien zum Singen bringen könnte, aber er zugleich auch die notwendige Energie einbringen konnte."

Der 1957 in Warminster geborene Andy Sheppard hat einen ungewöhnlichen musikalischen Werdegang hinter sich. Denn Saxophon begann er erst mit 19 Jahren zu spielen, nachdem er die Musik von John Coltrane entdeckt hatte. Von Coltrane inspiriert legte er sich so sein erstes Saxophon zu und trat kaum drei Wochen danach mit dem aus Bristol stammenden Jazzquartett Sphere in der Öffentlichkeit auf. Später ging er nach Paris, wo er unter anderem mit dem Ensemble Urban Sax zusammenarbeitete. Mitte der 80er Jahre kehrte Sheppard nach Großbritannien zurück und nahm 1987 u.a. mit Trompeter Randy Brecker für Antilles/Island sein titelloses Debütalbum auf. Produziert wurde das Album von dem Bassisten Steve Swallow, mit dem Sheppard seither immer wieder zusammenarbeitete. Mittlerweile hat Andy Sheppard für Labels wie Blue Note, Verve, Label Bleu und Provocateur fünfzehn Alben unter eigenem Namen aufgenommen und zahllose genreüberschreitende Kompositionen für kleine, große und übergroße Ensembles (ein jüngeres Werk schuf er für 200 Saxophonisten und Elektronik!), aber auch für Theater, Film, Tanzensembles und Multimedia-Aufführungen geschrieben. Im Laufe der Jahre arbeitete er mit so unterschiedlichen Muusikern wie Naná Vasconcelos, Han Bennink, Joanna MacGregor, Keith Tippett, L. Shankar und Kathryn Tickell zusammen. Besonders hervorzuheben sind auch Sheppards Kollaborationen mit so bedeutenden modernen Jazzkomponisten wie George Russell, Gil Evans und Carla Bley

Wie Sheppard spielte auch der norwegische Bassist Arild Andersen ziemlich am Anfang seiner Karriere schon in der Band von George Russell. Andersen ist ein ECM-Musiker der ersten Stunde. Und viele seiner besten Einspielungen machte er an der Seite von Saxophonisten: so etwa in den frühen 70ern als Mitglied von Jan Garbareks Bands oder mit seinem eigenen Trio, mit dem er im September 2007 für ECM das vielgepriesene Album "Live At Belleville" aufnahm. In diesem Trio ist mit Tommy Smith ein weiterer exzellenter britischer Saxophonist zu hören.

John Parricelli spielte 1997 auf Kenny Wheelers ECM-Album "A Long Time Ago" mit. Der Gitarrist war in den frühen 80er Jahren einer der Gründer der populären Bigband Loose Tubes und arbeitete darüber hinaus mit Norma Winstone, Lee Konitz, Paul Motian und Annie Whitehead. Mit Andy Sheppard nahm er u.a. schon das Duo-Album "P.S." (Provocateur Records, 2003) auf.

Eivind Aarset konnte man bereits auf ECM-Produktionen von Nils Petter Molvær, Marilyn Mazur und Arild Andersen hören. Beteiligt war er zuletzt auch an den neuen ECM-Alben von Jon Hassell ("Last Night The Moon Came Dropping Its Clothes In The Street") und Arve Henriksen ("Cartography"). Für Bugge Wesseltofts Label Jazz Recordings nahm der Gitarrist bislang die vier Soloalben "Électronique Noire" (1998), "Light Extracts" (2001), "Connected" (2004) und "Sonic Codex" (2007) auf, die zu den Schlüsselwerken des Electro-Jazz zählen.

Der indischstämmige Tablaspieler Kuljit Bhamra kam in Kenia zur Welt, zog mit seiner Familie aber schon 1961 nach London. Er ist seit geraumer Zeit einer der am meisten gefeierten Musiker der britisch-asiatischen Szene. Gleichermaßen zuhause in der indischen wie westlichen Musik, war er einer der Initiatoren der Bhangra-Bewegung. Er gründete sein eigenes Label Keda, um  mit den darauf vorgelegten Produktionen transkulturelle Synthesen in alle Richtungen anzustoßen. Bhamra hat außerdem schon Musik für Filmen geschrieben und sich auch einen Namen als Produzent gemacht.

"Movements In Colour" wurde im Februar 2008 in den Studios la Buisonne bei Avignon aufgenommen - im selben Studio, in dem Sheppard ein Jahr zuvor mit Carla Bley das Album "The Lost Chords Find Paolo Fresu" eingespielt hatte.