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08.04.2009

Fly - Sky & Country

Fly Trio, Fly - Sky & Country Fly Trio © Robert Lewis ECM Fly Trio © Robert Lewis ECM

"Sky & Country" ist das ECM-Debüt eines in Musiker- und Kritikerkreisen hochangesehenen Trios, das der Schlagzeuger Jeff Ballard einmal sehr schön als eine "intime Band mit Biß" bezeichnet hat. Die moderne Jazzgeschichte ist an Trios mit der Besetzung Saxophon, Baß und Schlagzeug nicht gerade arm: prominente Beispiele dafür sind u.a. jene von Sonny Rollins, Albert Ayler, Sam Rivers und Odean Pope sowie Henry Threadgills Air. Doch Fly unterscheidet sich in einer Hinsicht deutlich von all diesen Trios: Ein Ziel der Band ist nämlich die vollkommene Gleichberechtigung aller Instrumente. Das Saxophon strebt die Gleichstellung mit Baß und Schlagzeug an, und seine Weigerung, alle Freiräume mit Klang zu füllen, verleiht dem Zusammenspiel eine andere Art von innerer Spannung.

"Dies ist Musik, die sich unangestrengt, aber auf dramatische Weise ausdehnt und verdichtet", schrieb Nate Chinen in einem Artikel für die Jazz Times. "Es ist Musik, die die zerebralen Komponenten der Grupenimprovisation mit dem eher aus dem Bauch kommenden Groove-Element ausbalanciert." Der Pianist Brad Mehldau, der in seinem eigenen Trio regelmäßig mit Larry Grenadier und Jeff Ballard zusammenspielt, meinte über die Band: "Fly vereint in seinem Spiel Elemente, die oftmals im Gegensatz zueinander zu stehen scheinen: Die Musik dieses Trios kann einerseits intellektuell sehr anspruchsvoll sein - insbesondere die Kompositionen können rhythmisch und harmonisch sehr dicht sein. Aber ihre Musik entfaltet trotzdem eine starke emotionale Wirkung: durch den fesselnden rhythmischen Groove und durch die organische Weise, wie diese drei Musiker zusammen eine Geschichte erzählen."

Erstmals in Erscheinung trat die Band im Jahr 2000, als sie unter dem Namen Jeff Ballard Trio ein Stück für die von Chick Corea produzierte Anthologie "Originations" einspielte. Diese CD enthielt Aufnahmen der Musiker, die einst zur Besetzung von Coreas Band Origin gehört hatten und mittlerweile eigene Bands unterhielten. Jeff Ballard war zu diesem Zeitpunkt Chick Coreas etatmäßiger Schlagzeuger. Als das Trio dann 2004 auf dem Savoy-Label sein erstes Album veröffentlichte, hatte es sich schon den Bandnamen Fly zugelegt. Kennengelernt hatten sich die drei Musiker allerdings schon sehr viel früher. Grenadier und Ballard machten bereits als Teenager zusammen Musik. Sie freundeten sich in den frühen 80ern in Kalifornien an und spielten seitdem oft zusammen. Beide zogen 1990 an die Ostküste, wo sie kurze Zeit später auf Mark Turner trafen. Seither haben die drei in unterschiedlichen Konstellationen und Kontexten immer wieder zusammengearbeitet.

Zum Repertoire von Fly steuerten alle drei Musiker Material bei. "Manchmal ist es das Saxophon, das die Melodieführung übernimmt", erläutert Mark Turner, "dann wieder der Baß oder das Schlagzeug. Wir haben die Führungsaufgaben untereinander aufgeteilt." "Sky & Country" bietet drei Stücke aus der Feder von Jeff Ballard, vier von Mark Turner und zwei von Larry Grenadier.

Mark Turner kam 1965 in Fairborn/Ohio zur Welt und zog mit seiner Familie nach Kalifornien, als er vier Jahre alt war. Mit neun Jahren begann er Klarinette zu lernen, wechselte dann zunächst zum Alt- und als Teenager schließlich zum Tenorsaxophon. An der California State University in Long Beach und am California College of Arts and Crafts studierte er erst Kunst, wechselte dann aber ans Berklee College of Music, wo er 1990 seinen Abschluß machte. Seit seiner Ankunft in New York hat er live und im Studio u.a. mit Kurt Rosenwinkel, Dave Holland, Paul Motian, Brad Mehldau, John Patitucci, Dave Douglas, Billy Hart, Lee Konitz und James Moody gearbeitet. Als Sideman wirkte er an Dutzenden von Einspielungen mit, machte unter seinem eigenen Namen aber auch schon fünf Alben ("Yam Yam" bei Criss Cross, "Mark Turner", "In This World", "Ballad Session" und "Dharma Days" bei Warner Brothers). Zusammen mit der Schlagzeug-Legende Paul Motian begleiteten Mark Turner und Larry Grenadier den italienischen Trompeter Enrico Rava bei der Einspielung seines jüngsten ECM-Albums "New York Days". 

Mit seinem eleganten, abstrakten und stets wohl durchdachten Spiel hat sich Mark Turner bei zeitgenössischen Kollegen einen hervorragenden Ruf erworben. Brad Mehldau stellte einst fest, daß Turner "keinen Wert auf die theatralischen Effekte legt, die mit seinem Instrument assoziiert werden... Er spielt mit einer ehrlichen Direktheit, die gewöhnlich älteren Spielern vorbehalten ist." Auch bei diesen älteren Spielern erregte Turner schon Aufmerksamkeit. Lee Konitz bemerkte in seinem Buch "Conversations on the Improviser's Art": "Ich glaube, Mark ist ein sehr ernsthafter Kandidat. Er beherrscht wirklich die höchsten Register seines Instruments. Und das ist eine Kunst, die nur wenige Tenorsaxophonisten beherrschen... Er spielt tatsächlich in denselben Tonhöhen, die man von Warne Marsh her kannte - aber Mark spielt in diesem Register sehr viel öfter als Warne es je tat."

Larry Grenadier wurde 1966 in San Francisco geboren. Er spielt seit seinem elften Lebensjahr Baß und begleitete schon als Teenager Größen wie Joe Henderson, Stan Getz und Bobby Hutcherson, wenn diese in der Gegend von San Francisco auftraten. 1989 machte Grenadier an der Stanford University seinen Abschluß in Englischer Literatur. Nach einem Engagement in Gary Burtons Band zog er 1990 nach New York, wo er in der Folge mit Betty Carter, Joshua Redman, Danilo Pérez, Tom Harrell, Joe Henderson, John Scofield, Pat Metheny, Paul Motian, Charles Lloyd und Brad Mehldau arbeitete sowie an der Einspielung von Dutzenden von Alben beteiligt war. Darunter befinden sich auch vier ECM-Alben: neben dem bereits erwähnten von Enrico Rava noch drei von Charles Lloyd ("The Water Is Wide", "Hyperion With Higgins" und "Lift Every Voice"). Enrico Rava beschrieb Grenadier kürzlich als einen "jederzeit aufmerksamen und konzentrierten" Musiker. Genau diese Qualitäten zeigt Larry Grenadier hier auch im Zusammenspiel mit Mark Turner, wenn sich Baß und Saxophon in komplementären Umlaufbahnen bewegen und die beiden Musiker ihre Ideen mal unabhängig voneinander, mal interdependent entwickeln.

Jeff Ballard wurde 1963 in Südkalifornien geboren und wuchs in Santa Cruz auf, wo er mit vierzehn Jahren Schlagzeug zu spielen begann. Von 1988 bis 1990 begleitete er den legendären Ray Charles auf Tourneen durch die ganz Welt. Dann zog Ballard nach New York, wo er seitdem mit Lou Donaldson, Chick Corea, Buddy Montgomery, Mike Stern, Danilo Pérez, Pat Metheny, Kurt Rosenwinkel, Joshua Redman, Enrico Rava und vielen anderen Jazzmusikern von Rang und Namen arbeitete. Zuletzt war er an Einspielungen von Brad Mehldau ("Brad Mehldau Trio Live"), Pat Metheny und Brad Mehldau ("Metheny/ Mehldau") sowie Joshua Redman ("Momentum") beteiligt. "Sky & Country" ist Ballards erste ECM-Aufnahme.

In Interviews weist Jeff Ballard immr wieder darauf hin, daß er stilistisch von den unterschiedlichsten Quellen beeinflußt wurde. Zu seinen großen Vorbildern zählen zwar legendäre Jazzschlagzeuger wie Joe Morello und Tony Williams, aber nicht weniger inspiriert haben ihn auch südamerikanische, afrokubanische, nahöstliche und afrikanische Rhythmen.

"Sky & Country" wurde im Februar und Juni 2008 im New Yorker Avatar Studio aufgenommen. Im April und Mai wird das Trio Fly Konzerte in den USA und Europa geben. Am 20. Mai kann man Fly in der Münchner Unterfahrt sehen und am 21. Mai im Wiener Club Porgy & Bess. Vom 22. bis 24. Mai gastiert das Trio dann drei Tage lang im Sunset in Paris. Am 26. Mai tritt es im La Spirale in Fribourg in der Schweiz auf und am 27. Mai schließlich noch im De Singel im belgischen Antwerpen.