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18.03.2009

Ezio, Alcina und die Orgel

Alan Curtis, Ezio, Alcina und die Orgel © private collection / DG Alan Curtis © private collection / D G

Ein Jubiläumsjahr schafft Möglichkeiten, denn es bündelt die Interessen des Publikums. Musiker und Musikwissenschaftler wie Alan Curtis und Ottavio Dantone, die als ausgewiesene Spezialisten der Klangwelt des Barocks gelten, nützen daher die Chance und präsentieren sich mit neuen Einspielungen zum Thema Georg Friedrich Händel. Der eine stellt zwei der mittleren Opern des Komponisten, „Ezio" und „Alcina", in einer aktuellen Interpretation vor, der andere hat sich gemeinsam mit der Accademia Bizantina der „Orgelkonzerte op.4" angenommen. Beiden Künstlern gemeinsam ist die profunde Kompetenz im Umgang mit einer Musik, die sie auch mehr als 250 Jahre nach ihrer Erschaffung in opulentem Glanz erstrahlen lassen.

Sowohl „Ezio" als auch „Alcina" waren für Georg Friedrich Händel Opern in einer Zeit des Übergangs. Denn sie entstanden zwischen Anfang und Mitte der 1730er Jahre, als der gefeierte Komponist gerade seine Arbeit am Haymarket Theater hatte aufgeben müssen, um dann allerdings am neu gebauten Covert Garden Theatre mit großem Erfolg zu reüssieren. „Ezio" war ein Liebesmelodram mit antikem Handlungsort. Im Kern stand der integre römische Feldherr Ezio, der sich nach der Heimkehr aus einer gewonnenen Schlacht mit einem Mal als Opfer einer Mordintrige gegen den Kaiser Valentiniano wieder fand, die der ehrgeizige Höfling Massimo eingefädelt hatte. Nach mehraktigem Hin und Her aber löst sich die Verschwörung, die außerdem durch die Liebe sowohl des Feldherrn wie des Kaisers zu Massimos Tochter Fulvia verkompliziert wurde, in Wohlgefallen auf, nachdem der reuige Intrigant entlarvt worden war. „Ezio" gehörte noch zu Haymarket-Opern, wurde dort im Januar 1732 uraufgeführt und war ein beachtlicher Publikumserfolg.

„Alcina" wiederum hatte andere inhaltliche Wurzeln. Die Oper stand erstmals am 16.April 1735 am Londoner Covent Garden Theatre auf dem Spielplan und war das Nachfolgewerks des bereits gefeierten „Ariodante". Als Vorlagen dienten Händel Riccardo Broschis Oper „L'Isola di Alcina" von 1728, deren Stoff er mit Ludovico Ariosts „Orlando Furiosa" (1516) verschnitt. Heraus kam eine barocke Zauberoper um die Titelheldin, deren Liebes-Machenschaften zwar am Ende enthüllt werden, zuvor aber die Möglichkeiten gaben, ein buntes Spektakel der damals beliebten Bühneneffekte und vor allem ein musikalisch herausragendes Libretto zu präsentieren. Der amerikanische Dirigent und Musikwissenschaftler Alan Curtis, der sich während der vergangenen Jahre bereits für Archiv Produktion Händels „Rodelinda" (2005), „Floridante" (2007) und „Tolomeo" (2008) angenommen hatte, verwirklichte nun zusammen mit dem von ihm 1992 gegründeten Ensemble Il Complesso Barocco und herausragenden Solisten wie Joyce DiDonato (Alcina) und Ann Hallenberg (Ezio) die Neueinspielungen der Meisterwerke. „Alcina" entstand im September 2007 in der Chiesa di Sant'Agostiono in Kooperation mit dem Festival Barocco di Viterbo, „Ezio" ein Jahr später im Teatro Communale von Lonigo. Beide Aufnahme profitieren nicht nur von den akustisch sensiblen Räumen, sondern auch von der umfangreichen und erhellenden Erfahrung, mit der Alan Curtis seine Künstler in die Klangwelt Georg Friedrich Händel zu führen weiß.

Im gleichen Jahr, als die Londoner die Oper „Alcina" genossen, entstanden auch die „6 Orgelkonzerte op.4". Georg Friedrich Händel muss ein großer Improvisator an der Orgel gewesen sein, jedenfalls hatte er sich eigens ein Instrument ohne Pedal und mit speziellen Registern bauen lassen, auf dem er selbst zu spielen pflegte. Die Orgelkonzerte nun stellen das Konzentrat solcher Improvisationen dar, die der Komponist anno 1735 zu Papier brachte. Diese sechs Konzerte für Orgel und Streicher mit Generalbass, erschienen dann 1738 im Druck und dienen auch Ottavio Dantone und der Accademia Bizantina als Grundlage für die Neueinspielung, die Anfang April bei den Alte Musik-Profis von „L'Oiseau-Lyre" erscheinen. Dabei knüpft der international renommierte Organist und Orchesterleiter unmittelbar und in ungewöhnlicher Form an Händels musikalische Leidenschaft an. Denn zwei der in Händels Geburtsstadt Halle aufgenommenen Orgelkonzerte leitet Dantone ebenfalls mit einer Solo-Improvisation ein. So oder ganz ähnlich könnte es auch geklungen haben, als der Meister selbst sich vor rund 280 Jahren an sein Instrument setzte.