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18.03.2009

Jon Hassell - Last Night The Moon Came Dropping Its Clothes In The Street

Jon Hassell, Jon Hassell - Last Night The Moon Came Dropping Its Clothes In The Street Jon Hassell © Jenafer Gillingham Jon Hassell © Jenafer Gillingham

25 Jahre nach seiner letzten ECM-Einspielung, dem überaus einflußreichen Album "Power Spot" (das er 1983/84 aufnahm), kehrt Jon Hassell mit einem neuen Album zu Manfred Eichers Label zurück. Parallel zur Veröffentlichung von "Last Night The Moon Came Dropping Its Clothes In The Street" ist der Trompeter außerdem zum ersten Mal seit rund zwanzig Jahren wieder auf eine wirkliche Tournee durch die USA gegangen. Das neue Album verdankt seinen Titel einer Zeile aus einem Gedicht, das der Poet Jalaluddin Rumi im 13. Jahrhundert schrieb:

"Last night the moon came dropping its clothes in the street.

I took it as a sign to start singing.

Falling up into the bowl of sky."

Das eindrucksvolle, auf fast surreale Weise lebendige Bild (hier wiedergegeben in Coleman Barks' zeitgenössischer englischer Übersetzung) scheint Hassells musikalische Phantasie adäquat beflügelt zu haben. Mit seinen eigenen sehr vokalen Trompetenklängen eröffnet Hassell einem neue Blickwinkel. In seinen musikalischen Werken kontrastiert, kombiniert und verschmilzt Hassell seit jeher Elemente von alten und hypermodernen Idiomen und formt aus ihnen eine musikalische Metasprache, die mit offenen Armen Klänge aus allen vier Himmelsrichtungen empfängt, urbane Klänge ebenso wie Klänge der Naturwelt. Hassell gab dem von ihm kreierten Genre einst den Namen "Fourth World": mit seinen Aufnahmen hat er unzählige Pop-, Rap- und Jazzkünstler beeinflußt, aber auch klassische Kammermusiker und Filmemacher. Zu den Trompetern, die Hassell unverkennbar inspirierte, zählen unter anderem Nils Petter Molvær, Arve Henriksen und Paolo Fresu.

Jon Hassell beschreibt die Musik von "Last Night The Moon Came Dropping Its Clothes In The Street" als "ein durchgehendes, beinahe symphonisches Stück mit einem filmischen Aufbau" und treibenden "Wolken, die aus vielen Motiven bestehen". Das Kernmaterial wurde im April 2008 bei einer Session in den Studios La Buisonne in der Nähe von Avignon aufgezeichnet. Ein paar Details wurden dann im November und Dezember 2008 in Los Angeles hinzugefügt. Live-Aufnahmen aus dem belgischen Courtrais und aus London sowie der Remix eines Stücks, das ursprünglich für einen Wim-Wenders-Film entstanden war, wurden ebenso in den atmosphärischen, filmischen Fluß integriert wie kurze Samples, die Hassell im Laufe des vergangenen Jahres aufgezeichnet hatte.

"Da kommt mir spontan das Wort ‘Montage' wieder in den Sinn", meint Jon Hassell. "Es beschreibt nicht nur die kleinen Montagen, die als Übergänge zwischen den längeren Stücken dienen (die wiederum selbst Montagen von Motiven sind, die in neuen Kontexten wieder auftauchen). Die ganze hier präsentierte Musik ist eine Montage der Konzerte der letzten Jahre und der wechselnden Besetzungen jener Band, die ich Maarifa Street genannt habe. Alle Musiker haben - so wie es Schauspieler in einem Film tun - ihre Persönlichkeit in diesen lebendigen, sich ständig ändernden Prozess eingebracht, von dem man dann gelegentlich eine Momentaufnahme auf eine ‘Platte' bringt."

Jon Hassell kam 1937 in Memphis/Tennessee zur Welt und interessierte sich schon in jungen Jahren für die verschiedensten Aspekte der Jazztradition. Ein früher Einfluß war Maynard Fergusons "stratosphärisches" Trompetenspiel im Stan Kenton Orchestra. Während seines Studiums an der Eastman School of Music begann sich Hassell immer mehr für serielle Musik und die experimentelleren Stilmittel der Avantgardisten der Neuen Musik zu interessieren. Mitte der 60er Jahre reiste er nach Köln, um bei Karlheinz Stockhausen zu studieren. Als er 1967 nach New York zurückkehrte, lernte er Terry Riley kennen und freundete sich mit ihm an. Hassell war an der Einspielung von Rileys bahnbrechendem Album "In C" beteiligt und wurde von dem Komponisten auch mit La Monte Young bekanntgemacht, mit dessen Projekt-Band Dream House er in den 70er Jahren durch die Welt tourte. Von großer Bedeutung für Hassells weitere Entwicklung war auch eine Begegnung mit der Musik des indischen Sängers Pandit Pran Nath. Der Trompeter ließ sich von Pran Nath in die Geheimnisse der indischen Musik einweihen und integrierte dann die vokalen Flexionen der indischen Ragas in sein Trompetenspiel. Auf diese Weise schuf er nicht nur einen neuen Spielstil für sein Instrument, sondern gab auch seiner Musik als Ganzem eine neue Form. Auf dem Album "Vernal Equinox" offenbarte Jon Hassell 1977 die Matrix für sein idiosynkratisches, aber weit offenes Idiom, das er in den seither verstrichenen drei Jahrzehnten kontinuierlich weiterentwickelte und immer wieder neu definierte: "Mein Ziel war es, eine Musik zu schaffen, die auf eine solche Weise vertikal integriert war, daß man in keinem Augenblick ein einzelnes Element herauspicken und einem speziellen Herkunftsland und musikalischen Genre zuordnen könnte."

1986 merkte Brian Eno, der oft mit dem Trompeter zusammenarbeitete, an, daß Jon Hassell "ein Erfinder von neuen Musikformen ist - von neuen Ideen, was Musik sein könnte und wie sie gemacht werden könnte. Sein Werk speist sich aus einer umfassenden kulturellen Erfahrung, in der für Furcht und Vorurteile kein Platz ist. Er hat eine optimistische, globale Vision, die nicht nur mögliche Musiken anbietet, sondern auch mögliche Zukünfte." Ein verlockendes Angebot für die unterschiedlichsten Musiker: im Laufe seiner Karriere arbeitete Hassell u.a. schon mit Peter Gabriel, dem Kronos Quartet, Ry Cooder und U2s Bono zusammen. Sein Trompetenspiel kann man außerdem auf Aufnahmen von Björk, Baaba Maal, Ibrahim Ferrer, Ani di Franco, David Sylvian, den Talking Heads und vielen anderen Künstlern hören. Als Musiker und Komponist war er darüber hinaus in zahlreiche Filmprojekte involviert: etwa "The Last Temptation of Christ", "Trespass", "Wild Side", "Greenwich Mean Time", "Angel Eyes", "Owning Mahowny" und "Million Dollar Hotel".

Als Leader nahm Jon Hassell im Laufe von etwas mehr als 30 Jahren lediglich 15 Alben auf: "Vernal Equinox" (1977), "Earthquake Island" (1978), "Fourth World Vol 1: Possible Musics" (1980), "Fourth World Vol. 2 : Dream Theory In Malaya" (1981), "Aka-Darbari-Java / Magic Realism" (1983), "Power Spot" (1986), "The Surgeon Of The Nightsky Restores Dead Things By The Power Of Sound" (1987), "Flash Of The Spirit" (1988), "City: Works Of Fiction" (1990), "Dressing For Pleasure" (1994), "Sulla Strada" (1995), "The Vertical Collection" (1997), "Fascinoma" (1999), "Maarifa Street / Magic Realism 2" (2005) und nun eben "Last Night The Moon Came Dropping Its Clothes In The Street" (2009).

Seit 2005 tritt er mit dem Kollektiv Maarifa Street auf, dessen Besetzung sich immer wieder ändert. An den Aufnahmen für  "Last Night The Moon Came Dropping Its Clothes In The Street" wirkten Peter Freeman (Baß & Laptop), Jan Bang (Live-Sampling), Jamie Muhoberac (Keyboards & Laptop) Rick Cox (Gitarre & Loops), Kheir Eddine M'Kachiche (Violine), Eivind Aarset (Gitarre) sowie Helge Norbakken und Pete Lockett (Schlagzeug) mit.

Im April werden Jon Hassell und Brian Eno ihr gemeinsam geschriebenes "Conversation Piece" in der Londoner Queen Elizabeth Hall aufführen. Dieser "conversational remix", eine angeregte  Nebeneinanderstellung von Lebens-, Kunst- und Musikphilosophien, wurde letztes Jahr beim Punkt Festval in Norwegen uraufgeführt.