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04.03.2009

Schnittkes Vermächtnis

Alfred Schnittke, Schnittkes Vermächtnis © Yngvild Sorbye / ECM Records Alfred Schnittke © Yngvild Sorbye / ECM Records

Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Tod des Pioniers der Klangmoderne erscheint Alfred Schnittkes „Symphony No.9" erstmals auf CD. Dem wichtigen Anlass angemessen haben sich Koryphäen der Gestaltung wie der Dirigent Dennis Russell Davies mit der Dresdner Philharmonie der Verwirklichung des Projektes angenommen. Ergänzt wird das Schlüsselwerk durch den musikalischen Epilog „Nunc dimittis" von Alexander Raskatov, den Schnittke selbst einst „einen der interessantesten Komponisten seiner Generation" genannt hatte. Neben der Solistin Elena Vassilieva wirkt unter anderem das Hilliard Ensemble an der Umsetzung mit und rundet die Aufnahme durch seine vielfach preisgekrönte Vokalkompetenz ab.

Seit Ludwig van Beethoven hat eine neunte Sinfonie den Charakter eines endgültigen Statements. Nun war Alfred Schnittke niemand, der sich in die Klischees der klassischen Musikgeschichte hatte pressen lassen. In Gegenteil: Sein Leben lang nahm er zu den Konventionen Stellung, indem er sich intensiv mit den Wurzeln der Tradition auseinander setzte. Alfred Schnittke ließ sich durchaus auf den Kampf mit der überlieferten Form ein. Das hing mit einer Sozialisation zusammen, die ihn als Wolgadeutschen jüdisch-christlicher Herkunft im Sowjetrussland der Nachkriegszeit die Überlieferung unter anderem Gesichtspunkt rezipieren ließ als viele Zeitgenossen. Seine „Concerti grossi" beispielsweise sind Auseinandersetzungen mit Vivaldi und Bach, mit Strawinsky und der sinfonischen Form an sich. Und seine „Symphony No.9" ist ein Resümee orchestraler Klangsprachen, die Schnittke mit großer spiritueller Kraft zusammenführte.

Dabei war deren Entstehung vom Leiden gezeichnet. Mehrere Schlaganfälle hatten den Komponisten körperlich schwer mitgenommen. Er notierte das knapp 40-minütige Werk mit zittriger Hand, die vollständige Orchestrierung konnte er vor seinem Tod 1998 nicht mehr persönlich vollenden. Schnittkes Witwe Irina zögerte lange, die Fertigstellung des Werkes in fremde Hände zu geben, beauftragte aber schließlich Alexander Raskatov damit, von dem sie wusste, dass ihr Mann dessen Fähigkeiten der empathischen Klanggestaltung sehr geschätzt hatte. Im Juni 2007 kam es dann zur posthumen Uraufführung der „Symphony No.9" in der Dresdner Frauenkirche, der nun die Aufnahme durch ECM New Series folgt und das beeindruckend kompakte, luzide Werke der Weltöffentlichkeit auf CD zugänglich macht.

Alexander Raskatovs Vollendung von Schnittkes Sinfonie ist zum einen geprägt von einer möglichst werksnahen Herausarbeitung der zahlreichen Motivströme, die sein Vorgänger angelegt hatte. Er wäre aber kein eigenständiger Komponist, hätte ihn diese Arbeit nicht auch zu einem Kommentar gereizt. So konzipierte der in Moskau geborene Raskatov mit „Nunc Dimittis" ein freies musikalisches Nachwort zu Schnittkes Sinfonie, das aus der Perspektive der Nachwelt mit Hilfe der Stimmen der Mezzo-Sopranistin Elena Vassilieva, des Hilliard Ensembles und eines instrumental komplementär gewichteten Orchesters die spirituelle Atmosphäre des originalen Werks aufnimmt und weiterführt. Die Textgrundlagen von „Nunc Dimittis" stammen von dem orthodoxen Mönch Starets Siluan und dem Dichter Joseph Brodsky, die Verwirklichung des ganzen Projektes geschah im Auftrag der Dresdner Philharmonie, des Bruckner Orchester Linz und der New Yorker Juilliard School. So kann ein Licht erstrahlen, von Ferne und zugleich mit der ganzen Intensität zeitgenössischer Ausdruckskraft.