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09.01.2009

Nymans Höhenflüge

Michael Nyman, Nymans Höhenflüge Michael Nyman 1999

Das staunte die Welt. Philippe Petit hatte es geschafft, unbemerkt vom Wachpersonal ein Stahlseil zwischen den beiden Türmen des New Yorker World Trade Centers zu spannen. Und nun, am 7. August 1974, balancierte der französischen Hochseilartist vor den Augen der Weltöffentlichkeit eine  Stunde lang in luftigen 400 Metern Höhe, bestaunt von Passanten und Kameras - und mit Musik im Ohr, wie Michael Nyman sie geschaffen hat. Mehr als drei Jahrzehnte später widmet James Marsh diesem Event seinen Dokumentarfilm „Man On Wire", der am 22.Januar in die deutschen Kinos kommt, mit unglaublichen Bildern und fantastischen Klängen von Nyman, J. Ralph und Erik Satie. Der im vergangenen Jahr bereits mehrfach prämierte Streifen steht inzwischen auch auf der Shortlist für die Oscar-Nominierungen und wird am Tag nach der Premiere in Freiburg von einem besonderen Event begleitet. Denn unter der Glaskuppel der Harmonie-Kinos balanciert Petits Kollege Falko Traber  in 10 Metern Höhe über den Köpfen des Publikums (23. Januar, jeweils 17:00, 19:00 und 23:00). Und an einem Probeseil können sich auch kommende Artisten versuchen.

Sechs Jahre Träume und Planung steckten hinter der Aktion, davon acht Monate vor Ort in New York. Philippe Petit, der schon als Kind auf alles kletterte, was ihm in den Weg kam, war wie besessen von der Idee, auf einem Seil vom einen zum anderen Turm der Twin Towers zu balancieren. In der Nachbereitung durch den Dokumentarfilmspezialisten James Marsh wird klar, dass es auch nur so ging, die vielen Widerstände zu umgehen, die der verrückten Idee im Weg stand. Petit musste die Wachposten täuschen, er musste ein tonnenschweres Stahlseil auf das Dach schmuggeln und so verankern, dass es den Windkräften standhielt. Das meiste gelang ihm in einer Nachtaktion und so konnte er am 7.August 1974 pünktlich zum morgendlichen Berufsverkehr in New York auf sein Seil steigen und Geschichte machen. Es war Wahnsinn, irgendwie, und als man Petit später fragte, was ihm während dieser Stunde durch den Kopf ging, antwortete er, neben den Ängsten um sein Leben und dem Hochgefühl, etwas Außergewöhnliches geschafft zu haben, war es vor allem Musik, fließende, intensive Klänge wie etwa von Erik Satie und Michael Nyman, die daher auch den Soundtrack von „Man On Wire" („Der Drahtseilakt") prägen.

Auch Michael Nyman war jemand, der damals schon nach unmittelbaren Erfahrungen suchte und sie in den Reduktionismen des Minimalimus fand. Dass er Komponist wurde, hängt mit einer Reihe von Zufällen zusammen. Geboren 1944 in London, studierte es zwar sechs Jahre lang an der Royal Academy of Music und dem King's College. Von seinem Lehrer Thurston Dart wurde er jedoch eher in das musikwissenschaftliche, als in das praktisch ausübende Fach geleitet. So reiste Nyman beispielsweise 1965 nach Rumänien, um in Zusammenarbeit mit dem British Council die dortige Volksmusik zu untersuchen. Es schrieb über ein Jahrzehnt hinweg Musikkritiken für verschiedene englische Medien und soll in diesem Zusammenhang den Begriff „Minimalismus" als stilistischer Beschreibungskriterium erfunden haben. Jedenfalls war es eher Zufall, dass 1976 Harrison Birtwistle, für den Nyman 1968 mal ein Libretto erdacht hatte, ihn nun in der Funktion des Musikalischen Leiters des National Theatre in London damit beauftragte, ein paar Arrangements für eine Goldoni-Adaption zu schreiben. Aus diesem Engagement entstand die „Il Campiello Band". Sie wurde wiederum zur Urzelle der Michael Nyman Band, die dem Komponisten fortan als Basiszelle der Kreativität diente.

Im selben Jahr begann außerdem die intensive Zusammenarbeit mit dem Regisseur Peter Greenaway. Nyman wurde zu dessen Haustonsetzer, gestaltete die Soundtracks zu immerhin elf Filmen (1976-91), die wiederum zu anderen Aufträgen wie „Das Piano" (1992), „Der Unhold" (1996) oder „Wonderland" (1999) führten. Und für „Man On Wire" wurden nun ein Dutzend Melodien und Werke aus seiner Feder ausgewählt, die die eindrucksvollen Bilder des Drahtseilaktes begleiten. „Hören sie 'Memorial' von Michael Nyman. Genau das passiert in meinem Kopf: ein Sturm, eine Sinfonie, ein Erforschen", meinte Petit im Interview. Das Stück steht daher im Zentrum des Soundtracks, zusammen mit Klassikern wie „Time Lapse" oder „Drowning By Numbers 2", ergänzt um J. Ralphs „Leaving Home" und zwei Klavierminiaturen von Erik Satie, gespielt von Pascal Rogé. So ist „Man On Wire" mehr als nur Filmmusik. Es ist Musik, die Bilder hervorruft, in Eventkünstlern wie Philippe Petit und in allen Zuhörern, die sich von ihrer Kraft packen lassen. Musik zu einem Film, von dem der Spiegel in einer euphorischen Besprechung meint, dass er ganz romantisch und frech und poetisch geraten ist, Favorit auf den Oscar seiner Klasse".

Weitere Informationen zum Kinofilm unter www.manonwire.de