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03.12.2008
Johann Sebastian Bach

Gegensätze voller Ähnlichkeiten

Johann Sebastian Bach, Gegensätze voller Ähnlichkeiten

Zeitgenossen bezeichneten Carl Seemann gerne als typisch deutschen Pianisten und wussten oft selbst nicht so wirklich, was sie damit meinten. Zumeist waren es Anspielungen auf die Klarheit seines Spiels, die eine besondere Disziplin des Denkens nahe legte. Aber das war nur eine der vielen besonderen Eigenschaften, die die Klavierkunst dieses Interpretationsmeisters prägte. Ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod feiert ihn die Deutschen Grammophon nun mit zwei Erstveröffentlichungen auf CD, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten. Denn das eine Album widmet sich Carl Seemanns musikalischer Vorstellung von Johann Sebastian Bach, das andere einigen Wegmarken aus dem Schaffen von Igor Stravinsky.

Bach lag nahe. Carl Seemann wurde 1910 in Bremen geboren und zog zur musikalischen Ausbildung nach Leipzig. Denn zunächst hatte er vor, Organist und Kirchenmusiker zu werden, ließ sich daher an der Thomaskantorei von Karl Straube und Günther Ramin unterweisen, außerdem bei Carl Adolf Martienssen, einem der führenden Klavierpädagogen der zwanziger Jahre. Der Unterricht hatte Erfolg, Seemann erhielt eine Anstellung als Organist in Flensburg und entschloss sich erst im Alter von 25 Jahren, sein Glück auch als Konzertpianist zu versuchen. So war Bach in der frühen kirchenmusikalisch protestantischen Ausbildung des jungen Mannes ein wesentlicher Faktor und er blieb es Zeit seines Lebens. Dabei pflegte Seemann ein eigenwilliges Verhältnis zu dessen Werk, indem er zugleich sich um möglichst hohe Klarheit der Darstellung bemühte, ohne darüber aber die emotionale Note des Interpreten zu vergessen. Das Resultat hört sich daher ungemein modern an. "Carl Seemann Plays Bach" widmet sich Präludien, kleinen Stücken aus dem "Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach" ebenso wie monumentalen Werken wie der "Chromatischen Fantasie und Fuge in d-moll, BWV 903" und dokumentiert einen Musiker, dessen vermeintliche Nüchternheit der Darstellung dazu führt, die Kompositionen jenseits der Abstraktion und tonalen Architektur mit einem Puls zu spielen, die deren gestalterische Schönheit nur umso klarer hervor treten lässt.

Bach war daher die eine Seite des Carl Seemann, der sich den Bauformen des protestantischen Barocks mit Begeisterung nährte. Dann gab es den Pianisten der deutschen Klassik und Romantik, dessen Mozart oder Beethoven weltweit geschätzt wurde. Und Seemann, den Modernisten, der sich vor allem der tonalen Moderne seiner Ära zuwandte, die zwischenzeitlich angesichts der Serialisten und Zwölftöner ein schweren Stand hatte. Gutes Beispiel dafür ist "Carl Seemann plays Stravinsy", ein Album mit dem schwermütigen "Konzert für Klavier und Bläser" von 1923/24, der ebenfalls strengen, von Verweisen auf Scarlatti und Debussy durchsetzten "Serenade in A" und dem "Duo concertant", das der Komponist 1931/32 geschrieben hatte und nun den Pianisten mit seinem damaligen bevorzugten Konzertpartner Wolfgang Schneiderhan an der Geige zusammenbrachte. Dabei hörte man eindeutig die Nähe wieder zu Bachs Ausgewogenheit, zu den moderaten Tempi, die sich vordergründiger Virtuosität verweigerten, überhaupt zur wohl durchdachten Transparenz des klanglichen Erscheinungsbildes. Für die Erstausgabe auf CD wurde außerdem eine bislang unveröffentlichte Duo-Aufnahme von Claude Debussys "Violinsonate g-Moll" hinzugefügt, die wiederum im Verbund mit Stravinskys kaum weniger modern erscheint als das neoklassizistische Pendant. So oder so sind beide Aufnahmen, Bach wie Stravinsky, Musterstücke für die Kunst, Intensität und Intellektualität in aufregender Form zur Einheit zu verschmelzen.