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12.11.2008

Schönheit zuerst

Wilhelm Kempff, Schönheit zuerst

Im Falle von Beethoven hatte Wilhelm Kempff etwas Ursprüngliches. Seine Interpretationen wirkten zuweilen wie vom Komponisten selbst durch die Finger des Nachgeborenen fantasiert, jedenfalls sahen das viele Zeitgenossen des 1991 verstorbenen Pianisten so. Er galt als einer der wichtigsten Interpreten der deutschen Klavierklassik überhaupt und widmete sich dem gesamten Sonaten-Zyklus Beethovens im Laufe seiner Karriere immerhin drei Mal auf Platte: Seit den späten Zwanzigern auf Schellack, dann Mitte der Fünfziger mono auf der frisch erfundenen Langspielplatte, schließlich ein Jahrzehnt später noch einmal in der endgültigen Version für Stereo-Mikrofone. Dieser legendäre Zyklus wurde nun in einer Box auf acht CDs zusammengefasst wieder veröffentlicht. Ein Klassiker der Beethoven-Diskografie.

Ludwig van Beethoven war kein einfacher Schüler. Joseph Haydn hatte zugesagt, den Wunderknaben zu unterrichten, kam aber mit dem Eigensinn des Novizen nicht zurecht. Der junge Mann landete bei anderen Lehrern, bei Albrechtsberger, Salieri und Emanuel Aloys Förster. Die Empfehlungen des Grafen Waldsteins führten ihn in die höheren Gesellschaftsschichten ein, in deren Salons er wiederum als Klaviervirtuose reüssierte. Mit Bedacht wählte er die ersten Veröffentlichungen, um sich in diesem Rahmen passend zu präsentieren. Opus eins war eine Sammlung mit Klaviertrios, salonkompatibel. Opus zwei mit Klaviersonaten wiederum passte zu seinem Ruf als Klavierprofi und dokumentierte den aufsteigenden Genius am Pianohimmel. Es war die Zeit, als Beethoven sich mit eigenen Kompositionen einen Namen machte, von den einstigen Vorbildern Bach, Haydn und Mozart frei schrieb und versuchte, eine an Bach geschulte Stimmführung mit der Motivfülle eines Händel, der Transparenz eines Gluck und der melodischen Vielfalt eines Mozart zu verbinden. Beethoven komponierte seine Sonaten während er sich selbst vom gefeierten Jungstar der Wiener Szene zum ertaubenden Titan der musikalischen Klassik veränderte.
 
Die Klaviersonaten gehören dabei zu Beethovens künstlerischem Lebensweg über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg, von den erfolgreichen bis zu den eigenbrötlerischen Phasen. Sie waren zum einen Spielwiese seiner gestalterischen Fähigkeiten, wo er im Kleinen mit Form und Struktur experimentieren konnte. Sie entwickelten sich darüber hinaus zu einem der Höhepunkte von Beethovens Klavierwerk überhaupt, denn mit ihnen perfektionierte er sowohl den Sonatenhauptsatz als auch den Sonatenzyklus als übergeordnetes Schema und beeindruckte damit nicht nur sein Publikum, sondern auch zahlreiche nachfolgende Musikkollegen. Von Franz Liszt etwa stammt die Einteilung der 32 Werke in drei Phasen - "l'adolescent" (op.2 - op. 22), "l'homme" (op. 26 - op. 90) und "le dieu" (op. 101 - op. 111) -, die sich bis heute als gängige Gliederung erhalten hat. Und von Wilhelm Kempf wiederum stammen die herausragenden Einspielungen dieser Meisterwerke, die sie mit pointierter Finesse aus dem Kontext pathosüberladener Innerlichkeit in den Kontext moderner, klarer und schöner Interpretation holten. "Ich bin dazu gelangt einzusehen, dass Musik rund und sozusagen schwerelos klingen muss. Ich bin strikt dagegen, dass Musik hässlich ist, dass die Töne abgehackt hervortreten, dass sich verkrampfte Anstrengung einmischt ... Ich denke immer an Wilhelm Furtwängler, der einmal zu mir gesagt hat, er könne nur dirigieren, wenn die Musik schön klingt". Das Konzentrat dieser Einsicht gibt es nun am Beispiel Beethoven in einer Box zu erleben.