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30.11.2008

Ein Stelldichein großer Pianisten

Die Grand Piano - Compilation bietet eine Ahnung der ganzen Größe und Weite des Klaviers, komprimiert und kompiliert auf einer CD. Nun, natürlich ist der Reichtum an Klavierliteratur und großen Künstlern der 88 schwarzen und weißen Tasten so groß, er ließe sich auf 100 CDs nicht fassen - und auf einer schon gar nicht. Was aber möglich ist ist ein Anriß, ein sinnlich-verführerischer Einstieg in die Welt des Pianos, der einen fast unwiderstehlichen Reiz ausüben kann, wenn die wahrhaft großen Meister einige der schönsten Stücke der klassischen Musik darbieten.

Mit Grand Piano wird ein Spagat versucht: Es trifft sich fast ein halbes Jahrhundert Klaviergeschichte, es treffen sich Legenden der Vergangenheit mit Stars von heute und mit Namen, die bisher nur Eingeweihte kennen, die noch als Geheimtip gehandelt werden. Es treffen sich völlig unterschiedliche Anschlagskulturen und Musikauffassungen, aber auch grundverschiedene Techniken der Tonaufzeichnung. Und es treffen sich die wichtigsten Neuveröffentlichungen dieses Jahres mit längst überfälligen Wiederentdeckungen und aufregenden Debuts.

Wie dem von Rafal Blechacz, dem Sensationssieger des Chopinwettbewerbs 2005 in Warschau, wo der junge Pole nicht nur den selten vergebenen Hauptpreis, sondern - zum ersten Mal in der Geschichte - auch sämtliche Nebenpreise mit nach Hause nehmen konnte. Seitdem wartet die Klassikwelt mit einer Spannung wie selten zuvor auf die ersten internationalen Konzerte des 22-jährigen Mannes, dessen erste CD, auf der er - natürlich - Chopin spielt, im Oktober bei Deutsche Grammophon erscheint. Da ist es schon eine große, seltene und höchst willkommene Ausnahme, dass sich der Künstler bereit erklärt hat, vorab zwei Préludes aus dem Zyklus op. 28 für Grand Piano zur Verfügung zu stellen. Hier kommt ein Chopin-Pianist auf uns zu, der in der Welt von sich reden machen wird, denn Blechaczs hingebungsvolle, absolut poetische Musikalität läßt schon jetzt an die größten Vorbilder denken.

Was spektakuläre neue Konzertaufnahmen betrifft, ist 2007 eindeutig ein Beethoven-Jahr. Mikhail Pletnev präsentiert dessen sämtliche Klavierkonzerte in einer Neueinspielung, Lang Lang beginnt seinen Zyklus derselben Werke mit den Konzerten Nr. 1 und Nr. 4 und Hélène Grimauds Aufnahme mit Beethovens 5. Klavierkonzert und der Klaviersonate op. 101 erscheint Anfang September. Alle drei CDs sind mit je einem Satz auf Grand Piano vertreten, alle drei bereichern die traditionellen Werkauffassungen um neue Impulse und überraschende Ideen.

Von der breiten Öffentlichkeit wiederentdeckt werden kann und sollte in diesem Herbst der große russische Pianist Svjatoslav Richter, um den es seit seinem Tod sehr still geworden ist. Am ersten August jährte sich sein Todestag zum zehnten Mal, was die mittlerweile zusammen gehörenden Labels DECCA und Philips, bei denen Richter den Löwenanteil seines Repertoires aufgenommen hat, endlich veranlaßt hat, sein Vermächtnis neu zu remastern und zu editieren. Von Frühjahr bis Oktober 2007 erscheinen insgesamt neun Doppel-CDs, auf denen man in bester Klangqualität nacherleben kann, was für ein radikaler Individualist und was für ein "Philosoph am Klavier" Richter gewesen ist. Mit dem ersten Satz der Sonate D 575 von Franz Schubert enthält Grand Piano eine eindrucksvolle Kostprobe davon.

Arthur Rubinstein sagte einmal, er habe sich angewöhnt, von Wunder zu Wunder zu leben. In Bezug auf den im Jahr 2000 verstorbenen Friedrich Gulda geht es seiner weltweiten Fangemeinde genauso, denn in schöner Regelmäßigkeit werden im Zuge der Aufarbeitung seines Nachlasses für immer verloren geglaubte Schätze zutage gefördert. Guldas im Jahr 1980 privat aufgenommene Mozart-Sonaten waren ohne Frage die wichtigste und die bereicherndste Neuerscheinung zum Mozartjahr 2006, doch der Zyklus umfaßte nur zehn der insgesamt sechzehn Sonaten, der Rest schien damals nicht restaurierbar zu sein. Mittlerweile ist die Technik wieder ein Stück weiter, und mit Hilfe eines kleinen Kunstgriffes, über den Friedrich Gulda sicher geschmunzelt hätte, konnte das Projekt der Gulda Mozart Tapes jetzt doch noch zuende geführt werden: Weil Guldas Sohn Paul, selbst ein Weltklassepianist, mit aller Vorsicht ein paar definitv verlorene Takte neu beisteuerte, kann in diesem September The Gulda Mozart Tapes Vol. II mit den restlichen sechs Sonaten erscheinen. Auch darauf bietet Grand Piano einen kleinen Vorgeschmack: Ein Rondo alla Turca wie es nur von Friedrich Gulda gespielt werden konnte.