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29.11.2008

Moderne Musik jenseits des Elfenbeinturms

Mit drei Neuproduktionen möchte Universal frischen Wind in die deutsche Musik-Landschaft bringen. CDs mit Musik von Golijov, Frommel und vielen weiteren Komponisten sollen helfen, die musikalische Moderne wieder in den Fokus allgemeiner Aufmerksamkeit zu rücken.

Die klassische Musik seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist nicht nur ein weites Feld, sondern auch ein unübersichtliches. Die Vielfalt der Richtungen und Stile kann leicht verwirren. Und so mancher, der sich unbefangen daran macht, dieses Gebiet zu erforschen, mag vielleicht schon nach einigen Anfangserfahrungen resignieren angesichts unverständlicher Geheimsprachen oder ungenießbarer Früchte der neuen Tonkunst. So ist denn auch das Bild der musikalischen Moderne in der Öffentlichkeit, zumal im deutschen Sprachraum, weithin negativ verzerrt. Dabei gab und gibt es immer wieder auch fulminante Erfolge im Bereich der modernen Kunstmusik. Man denke etwa an Ravels Boléro oder Orffs Carmina Burana. Aber weder solche Ausnahmeerfolge noch die durchaus ansehnliche Anzahl allgemein hochgeschätzter Klassiker der Moderne wie Prokofjew, Schostakowitsch oder Copland konnten verhindern, dass pauschale Vorurteile gegenüber "der modernen Musik", gesamtgesellschaftlich gesehen, mit der Zeit ins Kraut geschossen sind. Dabei gibt es viel mehr potentiell mehrheitsfähige moderne Musik als allgemein bekannt und erwartet. Gedacht ist hier an Werke wie die der Universal-Reihe MoMu (Moderne Musik), welche die Grundelemente der Musik - Harmonie, Melodie und Rhythmus - nicht verleugnen und die gleichwohl anspruchsvoll und zeitgemäß sind. Beim Hören vieler dieser Kompositionen fragt man sich, wie es kommen konnte, dass sie so lange unbeachtet blieben. Und warum kann man die meisten der im Rahmen des MoMu-Projekts vorgestellten Meisterwerke nicht oder nur äußerst selten in Konzerten oder im Radio hören?

Erklären lässt sich dies wohl vor allem mit der einseitigen Förderung atonaler, serieller oder sonstwie "avantgardistischer" Musik durch Rundfunkanstalten, Festivalleitungen, Wettbewerbsjurys etc. in Deutschland und Österreich seit Anfang der 50er Jahre. Nach der verheerenden Kulturpolitik des Dritten Reiches wollte man zunächst alles anders machen und schüttete dabei allzu oft das Kind mit dem Bade aus. Hinzu kam - namentlich in den 50er und 60er Jahren - eine allgemein verbreitete Fortschrittsgläubigkeit, die geneigt machte, dem Neuen an sich schon einen hohen Wert auch auf dem Gebiet der Kunst zuzusprechen und gleichzeitig alles, was irgendwie "konventionell" erschien, zu verdammen. Fortschrittsideologen einer exklusiven Avantgarde hatten bedeutenden Einfluss auf das Musikleben, was dazu führte, dass viele wertvolle und lebensfähige zeitgenössische Musik an den Rand gedrängt und schließlich vergessen wurde. Erst seit den 70er Jahren machten sich allmählich hier und da gewisse Aufweichungserscheinungen an der Ideologenfront bemerkbar, was in der Folge u. a. erste Rehabilitierungen ermöglichte - zunächst vorzugsweise jener Komponisten, die schon unter der Nazi-Diktatur gelitten hatten. Doch ist die Neue-Musik-Szene im deutschsprachigen Raum auch heute noch längst nicht frei von ideologischem Denken. Die Vermeidungs- und Materialästhetik der Nachkriegszeit hat sich im Laufe der Jahrzehnte fest etabliert und ist zu einem neuen Akademismus erstarrt. So liest man etwa noch in der Ausschreibung eines Wiener Kompositionswettbewerbs des Jahres 2006: "Gesucht werden neue Kompositionen im zeitgemäßen Stil (freitonal, ametrisch, amorphe Formen u. a. m.)." Der prominente kalifornische Gegenwartskomponist und Dirigent John Adams indes schreibt zu recht, wenn auch überspitzt: "Etwas ungeheuer Kraftvolles ging verloren als Komponisten sich von tonaler Harmonie und regelmäßigen Pulsen entfernten. Unter anderem ging das Publikum verloren." Inzwischen beklagen selbst eingefleischte Avantgarde-Komponisten hierzulande die gesellschaftliche Marginalisierung der Neuen Musik. Und der "gemeine Mann" weiß mitunter noch nicht einmal mehr von der Existenz dieser Kunst.

Das MoMu-Projekt (das auch die neuen CDs mit Werken von Golijov und Frommel umfasst) soll helfen, die musikalische Moderne wieder in den Fokus allgemeiner Aufmerksamkeit zu rücken. Es möchte dazu beitragen, bestehende Vorurteile abzubauen sowie Neugier und Aufgeschlossenheit für die musikalische Moderne zu wecken und zu vergrößern.