Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

08.10.2008

Der klassische Insider

Joachim Kaiser, Der klassische Insider

Schreiben über Musik, die andere machen, ist ein eigenartiges Geschäft. Denn nur selten kann man einem Künstler in allen Facetten seiner Interpretation gerecht werden. Fundierte Urteile brauchen Zeit und Raum zur Darstellung, Erfahrung und ein umfangreiches Wissen. Das aber sind Faktoren, die in einer schnelllebigen und konsumorientierten Kulturumgebung wie der heutigen nur mehr wenigen Autoren zugestanden werden. Kompetenz ist vielerorts auf dem Rückzug und so freute es umso mehr, dass es noch "letzte Mohikaner" wie Joachim Kaiser gibt, der als einer der wenigen Universalgelehrten seines Fachs die Fahne der Qualität hochhält. Und der die Menschen an seinen Erfahrungen teilhaben lässt, indem er ihnen zu seinem eigenen 80.Geburtstag in diesem Jahr ein besonderes Geschenk macht. Denn auf vier CDs präsentiert Joachim Kaiser einen Querschnitt durch seine persönliche Musiksammlung, ergo eine gut begründete Zusammenstellung der Höhepunkte der Schallplattengeschichte.

Eine weitere grundlegende Eigenschaft eines guten Musikkritikers ist Leidenschaft. Nur wer liebt, was er bespricht, kann auch mit Worten andere dafür begeistern: "Zunächst bin ich weder bereit noch fähig, große Musik nebenher, wie eine Nebensache zu hören", meint Joachim Kaiser im Vorwort zu "Ich bin der letzte Mohikaner" und geht sogar noch weiter: "Beklommen sei gestanden, dass ich mich durchaus lebhafter und genauer daran erinnern kann, wann ich diesem Violinkonzert, jener Oper, zum ersten Mal begegnete, als an so manche menschlichen Ereignisse, wie Umzüge, Geburtstage, Todesfälle. Das wirkt wahrscheinlich monströs. Doch stellen Lieblingsstücke für mich höchst lebendige Wesen dar, charakteristisch, unverwechselbar. Und weiter: Da mir die Sprache der Musik, ihre Fülle der Nuancen, Gestimmtheiten, Traurigkeiten unvergleichlich reicher scheint, als alle verfügbaren Adjektive, dergleichen zu benennen, fesseln mich auch beseelte Wiederholungen in hohem Maß. Unendlich viel ist in anscheinend so Bekanntem neu zu entdecken". 

Insofern ist es schon ein kleines Wunder für sich, dass es Joachim Kaiser überhaupt gelungen ist, sich auf vier CDs zu beschränken. Die einzelnen Abschnitte umfassen die Rubriken "Soloinstrumente und Kammermusik", "Sinfonien, Konzerte, Chorwerke", "Chor und Lied" sowie "Historische Aufnahmen" und reichen von Claudio Arraus hinreißend vitaler Deutung von Robert Schumann Klavierminiaturen "Carnaval op.9" bis zum "Allegro moderato" aus Franz Schuberts "Klaviertrio Nr.1 B-Dur" in der für die Geschichte der Kammermusik grundlegenden Aufnahme mit Alfred Cortot, Jacques Thibaud und Pablo Casals. Dazwischen öffnet sich ein Universum der Klänge, der Persönlichkeiten und Musikauffassungen, das getrost als Ausgangspunkt jeder ernst zu nehmenden Plattensammlung dienen kann.

Die Auswahl von "Ich bin der letzte Mohikaner" ist die eine Seite. Kaum weniger wichtig für diese Zusammenstellung aber sind die Begründungen, die der Meister der emphatischen, empathischen Worte im ausführlichen Booklet beifügt. Sie dokumentieren einen Überzeugungstäter der Vermittlung klassischer Musik, der nicht nur viele Visionäre ein Künstlerleben lang begleitet hat, sondern mit seinen Formulierungen deren Schaffen für den Hörer verständlicher, zuweilen sogar lebendiger zu machen vermag. Hier ein Auszug aus dem höchst aufschlussreichen Begleitheft zu Joachim Kaisers Lieblingsaufnahmen: "Leonard Bernstein war der Reinheit fähig, der schlackenlosen Direktheit des Empfindens. Er liebte die Ekstase, übte aber manchmal auch bewusste Zurückhaltung, die ausdrucksvoller sein kann als wildester Ausdruck. Bei ihm erfuhr die Welt, was flammende Begeisterung vermag. Dafür liebte sie ihn. Er musizierte hingerissen - und darum auch hinreißend. Denn er ist immer ein Schenkender gewesen. Das 'Umarmen' war sein Gestus, während des Dirigierens, aber auch danach, beim Bedanken". Kompakter und zugleich pointierter kann man die Grundlagen von Leonard Bernsteins Kunst kaum auf den Punkt bringen.