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24.09.2008

Klang der Stille

Alexander Knaifel, Klang der Stille

Es ist auch eine Aufnahme, die die Grenzen einer guten Stereoanlage aufzeigt. Denn bei "Blazhenstva" von Alexander Knaifel wurde mit derart dezenten Lautstärkepegeln gearbeitet, dass jedes Laufgeräusch eines Players, jedes Grundrauschen eines Verstärkers irritiert. Wie nebenbei dokumentiert der russische Komponist damit, dass es keine großen Dynamikschwankungen braucht, um Spannung zu erzeugen. Dass im Gegenteil gerade in der Feinheit, der Fragilität die Kraft liegen kann. Und dass er genau das auch an der Musik von Mstislav Rostropovich so geschätzt hat, dem er die Titel-Komposition zum 70.Geburtstag gewidmet hatte.

Der Komponist Alexander Knaifel (*1943) stammt aus Taschkent in Usbekistan. Ursprünglich Cellist war er gezwungen, wegen einer Nervenentzündung seine Instrumentalkarriere aufzugeben und wechselte zum Komponieren. Er lernte bei Boris Arapow von 1964 bis 1967 in St. Petersburg (Leningrad) und blieb dort als freischaffender Komponist und Musikjournalist. Knaifel machte es sich und der sozialistischen Zensur nicht einfach, denn er zählte sich formal und inhaltlich zur musikalischen Avantgarde, die sich seit den Sechzigern in Moskau (Denissow, Gubaidulina, Schnittke), Kiew (Silvestrov) und Tallin (Pärt)  locker vernetzte.

Er bezog sich zum einen auf die Neue Wiener Schule und Schostakowitsch, aber auch abstraktere Einflüsse bis hin zur Theatralik und zur Philosophie. Im Kern ging es ihm seit den Siebzigern um die Schönheit und deren Manifestation in Klängen, um Existentielles und Mystisches, kurz: um die Grenzen des Menschlichen zum Religiösen, Unfassbaren. In zwei Näherungen hat er sich auf "Amicta Sole" und "Svete Tikhiy" bereits für ECM New Series mit verwandten Themen beschäftigt. Nun schlägt er mit "Blazhenstva" das dritte Kapitel der tief gehenden Zusammenarbeit auf.

Zwei Werke stehen im Mittelpunkt der Aufnahmen. Da ist zum einen das "Lamento für Cello Solo", geschrieben 1967, überarbeitet 1987, das noch deutlich auf die Formensprache der russischen Avantgarde der mittleren Jahre zurückgreift. Vehement werden die Farbspektren des Instrumentes ausgelotet, in formale und gestalterische Beziehungen gesetzt, kommentiert und dann wieder in die Vorgabe des Klagegesangs überführt. Für den Cellisten Ivan Monighetti bedeutet das eine immense Emotionskontrolle jenseits der grundlegenden technischen Ansprüche und er meistert sie mit Bravour, wie man es vom letzten Schüler Mstislav Rostropovichs erwarten kann.

Und er ist daher auch der richtige Mann, um durch die Chor- und Orchesterphantasie "Blazhenstva" (Die Seligpreisungen) zu leiten, die Alexander Knaifel vor einem guten Jahrzehnt zum 70.Geburtstag des im April 2007 verstorbenen Meistercellisten geschrieben hatte. Auch hier geht es um die Bedeutung, um Schönheit, um Feinheit, letztlich also um Basisqualitäten von Klang im Allgemeinen und Musik im Speziellen. Monighetti erscheint dabei in drei Funktionen, als Cellist, Pianist und Leiter der State Hermitage Orchestra Lege Artis Choir, mit dem er die ästhetische Herausforderung von "Blazhenstva" anzunehmen und in bestmöglicher Form einzulösen versteht.