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17.09.2008

Bohème total

Bohème total

Sternstunden lassen sich nicht erzwingen. Aber sie lassen sich gut vorbereiten. Als anno 1972 Herbert von Karajan sich an seine Studioversion von Giacomo Puccinis "La Bohème" machte, hatte er das Beste vom Besten auf der Zutatenlisten: die famosen Berliner Philharmoniker, herausragende Solisten wie Luciano Pavarotti, Mirella Freni und Elisabeth Harwood, außerdem das Decca-Team in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin, einem akustisch erprobt herausragenden Raum. Doch er hatte auch noch etwas mehr, denn seine Chuzpe riss alle Beteiligten mit, an das Limit ihrer Interpretationskraft zu gehen, mit dem Ergebnis einer historischen Aufnahme, die bis heute als Maßstab überhaupt für die berühmte Oper gilt. Anlässlich des 150.Geburtstages des Komponisten und des 100.Geburtstages des Dirigenten ist daher nun einer einmalige, exklusive Edition erschienen, die mit 332 Seiten starkem Booklet und einer Bonus-CD mit einem ausführlichen Gespräch mit Mirella Freni quasi die ultimative "Bohème" bietet.

Luciano Pavarotti musste man nur auf Puccini ansprechen und schon begann er zu schwärmen: "Rodolfo in 'La Bohème' war meine erste Liebe - und die vergisst man nie. Jedes Mal, wenn ich zum ersten Mal in einem Theater aufgetreten bin, habe ich versucht, Rodolfo zu singen ... in Covent Garden, an der Met und in vielen, vielen anderen Häusern auf der Welt. Die 'Bohème' war ein Wunder, eine unglaubliche Darstellung junger Leute jener Generation, ja eigentlich jeder Generation - der meines Vaters, der Gegenwart, der meiner Töchter, der zukünftigen. Sie ist wunderschön - ein Meisterwerk  - phantastisch": Und auch für Mirella Freni wurde die Mimi die Eintrittskarte zum Erfolg. Zwar war die Sopranistin aus Modena als junge Frau auch durch andere Rollen wie Bizets "Carmen" aufgefallen, doch erst Puccinis zerbrechlich-charmante Frauengestalt machte sie international berühmt. Mit ihr gewann sie 1957 den Viotti-Wettbewerb in Vercelli, mit ihr feierte sie Anfang der Sechziger Erfolge an den Scala und 1965 an der Met. Und so ging es vielen anderen Kollegen, auch wenn Puccini selbst am Anfang beinahe dafür gesorgt hätte, dass die Oper auf den Bühne scheiterte.

Denn als "La Bohème" im Januar 1896 im Teatro Regio von Turin uraufgeführt wurde, konnte es sich ein Kritiker vor Ort nicht verkneifen, das Werk genüsslich zu verreißen. Tatsächlich hatte es schon vor der Premiere einige Probleme gegeben. Der größte Hemmschuh war Giacomo Puccini selbst. Erfolgreich und unsicher zugleich, schikanierte er seine Librettisten Giuseppe Giacosa und Luigi Illica, die aus der Vorlage Henry Murgers "Scènes de la vie de Bohème" eine Oper zu schnitzen versuchten, bis sie zeitweilig das Handtuch warfen. Immerhin schaffte er es, die Partitur sechs Wochen vor der Uraufführung fertig zu stellen (für Puccini durchaus frühzeitig), wollte aber zunächst nicht in Turin damit an die Öffentlichkeit gehen. Schließlich musste er nachgeben, mit dem jungen, eigentlich nicht favorisierten Arturo Toscanini als Dirigent Vorlieb nehmen und die Oper wurde ein Erfolg, erst in Rom, dann in Neapel, Palermo, Manchester, an Covent Garden, schließlich in der ganzen Welt, bis hin zu den legendären Aufnahmen von Sir Thomas Beecham von 1956 und Herbert von Karajans Deutung vom Oktober 1972.

Und die wiederum standen unter einem guten Stern. Einer der beteiligten Tontechniker, James Lock, erinnert sich an die Herbsttage in der Jesus-Christus-Kirche: "Die Berliner Philharmoniker waren kein Opernorchester, und Karajan, der lange Proben verabscheute ('Ich bin ein Mann für Premieren') widmete in diesem Fall gut die Hälfte jeder Aufnahmesitzung alleine den Orchesterproben. Unterdessen probten die Sänger in einem anderen Raum mit Maestro Tonini am Klavier. Selbst wenn sie dann gebeten wurden, die Proben zusammen mit dem Orchester fortzusetzen, ließ Karajan sie erst dann vor dem Mikrofon singen, wenn er soweit war. Er bestand auch darauf, dass alle ihre Rollen vollständig aus dem Gedächtnis singen konnten. Ich erinnere mich an eine Situation, in der jemand die Partitur offen vor sich hatte. Karajan nahm sie an sich und erklärte: 'Wenn sie die Partie nicht kennen, haben sie hier nichts zu suchen!'. Wenn er dann soweit war, rief er: 'Aufnahme!' und wir ließen die Geräte laufen. Wir nahmen ganze Szenen auf einmal auf, mit kaum einer Unterbrechung. Als echtem Theatermann gelang es ihm, mit seinen Forderungen im Studio das ganze Drama, die Emotionen und die Atmosphäre einer Live-Aufführung zu vermitteln" - und damit eine Referenzeinspielung zu schaffen, deren Luzidität bis heute kaum zu übertreffen ist.

Mehr Informationen zu Herbert von Karajan finden Sie hier
Mehr Informationen zu Luciano Pavarotti finden Sie hier