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10.09.2008

Leichte Größe, große Leichtigkeit

Michail Vasil’evič Pletnëv, Leichte Größe, große Leichtigkeit

Erst jubelten die Menschen beim Beethovenfest in Bonn 2006. Dann schloss sich die Presse den Elogen an und auch die Preise ließen nicht lange auf sich warten. Die Geschichte von Mikhail Pletnevs Neudeutung der Klavierkonzerte ist eine Abfolge der Erfolge und daher bot es sich an, die bislang einzeln in drei folgen erschienenen Meisterstücke nun auch in einer edel edierten Box zu präsentieren, damit jeder, der schon immer eine aktuelle und zeitgemäße Referenz-Aufnahme dieser Monumente der Konzertkultur haben wollte, nicht mehr lange zögern muss. 

Das Es-Dur-Konzert op. 73 trägt den Beinamen "L'Empereur". Es entstand 1809, ist das letzte seiner Art, das der inzwischen nahezu vollständig ertaubte Komponist schrieb. Es wird mit Blick auf die Zeit der Napoleonischen Kriege gerne als akustisches Schlachtengetümmel mit Pferdegetrappel et cetera gedeutet und doch ist es weit mehr als das. Denn gemeinsam mit dem vierten Klavierkonzert markiert es für Ludwig van Beethoven eine Öffnung gegenüber neuen Sphären des Ausdrucks. Der Komponist selbst hatte bis zu seiner Entstehung einen Wandlungsprozess vom virtuosen Parvenü mit Bedürfnis nach Akzeptanz in der Szene seiner Zeit zum umfassend geschätzten Mitglied der Wiener Gesellschaft vollzogen. Dementsprechend hatten sich auch seine Werke verändert. Waren die ersten zwei Klavierkonzerte noch eng am mozartesken Geschmack des Publikums orientiert, so begann er bereits mit der Nummer 3, im finsteren c-moll gehalten und weit weniger an Geläufigkeitsprotz interessiert wie andere zeitgenössische Elaborate, die Ansprüche auf seine eigene Vorstellung von Intensität zu konzentrieren. Mit der Nummer 4 in D-Dur löste sich Beethoven deutlich von der Konvention und ließ er ein lyrisches Klangganzes entstehen, bei dem in bislang unüblicher Weise Solist und Orchester harmonisierend ineinander griffen.
 
Sein letztes Klavierkonzert schließlich fiel nach Wiener Maßstäben völlig aus dem Rahmen. Schon der erste Satz war mit 600 Takten ungewohnt lang. Im Jahr 1809 entstanden und im Folgejahr im Leipziger Gewandhaus uraufgeführt, stellte das op.73 den Übergang vom bisherigen kammermusikalischen Rahmen zum großen sinfonischen Konzert der Romantik dar, das schließlich die Klangvorstellungen der kommenden Jahrzehnte bestimmen sollte. So waren die Klavierkonzerte zwar für die stilistische Entwicklung Beethovens nicht von gleicher Bedeutung wie die noch weitaus konzentrierte Laborform der Sonate, denn sie orientierten sich an der für das Publikum wichtigen Virtuosität der solistischen Partien. Außerdem entfernten sie sich trotz beispielsweise des unkonventionellen Anfangs des vierten Klavierkonzerts - hier beginnt das Klavier allein den ersten Satz und stellt die Themen vor, anstatt sich vom Orchester einführen zu lassen - nie vollständig von den Vorlagen Mozarts, die als konzeptionelles Schema die Ausgestaltung der Werke bestimmten. Beethoven beschäftigte sich während seiner späten Jahre kaum noch mit dieser Form (ein 1815 angefangener Versuch blieb mit 60 Partiturseiten unvollendet).
 
Für den Interpreten ist das eine besondere Aufgabe, denn es gilt, diese besondere Balance zwischen Leichtigkeit und Bedeutung zu treffen. Da ist Mikhail Pletnev genau der richtige Mann. Der russische Klaviermeister etablierte sich seit der Öffnung der Eisernen Vorhangs als einer der versiertesten Virtuosen seines Fachs in der internationalen Klavierszene. Er spielte seitdem regelmäßig in den großen Konzertsälen von der Carnegie Hall bis Peking, auch wenn ihn weiterhin eine besondere Beziehung mit dem Russian National Orchestra verbindet. Und so wundert es wenig, dass sich Pletnev für seine Einspielung von Beethovens Klavierkonzerten eben jenes Ensemble, in diesem Fall unter der Leitung von Christian Gansch, aussuchte. So konnten Einspielungen entstehen, die auf einem profunden Miteinander von Solist und Orchester aufbauen, das solistischen Eigenheiten wie dem Hang zum Pathos ebenso folgen wie die faszinierende Brillanz der russischen Klavierschule unterstreichen kann. Pletnevs Beethoven hat Wucht und Kraft ebenso wie Zartheit und Humor und reiht sich auf diese Weise nahtlos in die Riege der erstklassigen Deutungen dieser subtil hintergründigen Meisterwerke ein.

Weitere Informationen zu Mikhail Pletnev erhalten Sie hier.