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04.09.2008
Pierre Boulez

Der zweite Weg

Pierre Boulez, Der zweite Weg

Das Oeuvre von Béla Bartók begleitet Pierre Boulez seit seinen eigenen musikalischen Anfängen. Bereits in den Fünfzigern beschäftigte sich der Dirigent und Komponist ausführlich mit den Werken des genialischen Ungarn und mit der Aufnahme der "Concertos" führt er nun diese Auseinandersetzung zu einem furiosen Ende. Denn Boulez kann sich nicht nur auf seine eigene Meisterschaft verlassen, sondern hat mit dem Pianisten Pierre-Laurent Aimard, dem Bratschisten Yuri Bashmet und dem Geiger Gidon Kremer drei der besten Solisten der Gegenwart im Team, um Bartók zu seinem künstlerischen Recht kommen zu lassen.

Die Entwicklung der modernen Musik des 20.Jahrhunderts gliedert sich in der Vorstellungswelt von Pierre Boulez in zwei Hauptstränge, ausgehend von der grundlegenden Relativierung des musikalischen Materials durch Claude Debussy und den Impressionismus. Auf der einen Seite stehen der Expressionismus und die Neue Wiener Schule, die sich mit Schönberg, Webern und Berg der analytischen, zwölftönenden Beschäftigung mit der Klangwelt zuwendet, die wiederum in das serielle Denken mündete. Die andere Seite wird von Igor Stravinsky und Béla Bartók eingenommen, die sich wiederum, zum Teil unter Rückgriff auf Archaisches und Folkloristisches der Erweiterung des musikalischen und vor allem rhythmischen Vokabulars widmeten. Damit steht fest, dass die Musik von Bartók nicht nur für (vor allem den jungen) Boulez als Komponisten von essentieller, normgebender Kraft war, sondern ihn weiterhin ein Leben lang zur Interpretation reizte, wobei vor allem die späteren Werke im Mittelpunkt stehen, die sich vom Einfluss von Vorläufern und Zeitgenossen wie Liszt und Strauss frei gemacht hatten und daher die klanglichen Eigenheiten hervor heben konnten.

Die drei Konzerte, die Boulez für seine während der vergangenen fünf Jahre entstandene Zusammenstellung auswählte, sind dabei von sehr unterschiedlichem Ursprung. Das zweisätzige "Violinkonzert" beispielsweise entstand ursprünglich bereits 1903 und war Bartóks damaliger Liebe, der Geigerin Stefi Geyer, zugeeignet, die allerdings sich von dem Komponisten abwandte und damit auch das Konzert in Vergessenheit geraten ließ. Erst ein Jahr nach Geyers Tod 1957 wurde es schließlich uraufgeführt und posthum als famoses Meisterstück anerkannt. Das "Konzert für zwei Klaviere, Perkussion und Orchester" hingegen entstand auf dem Höhepunkt von Bartóks Kreativität, und war ursprünglich aus einer Sonate und einem Orchesterwerk für Streicher, Perkussion und Celeste hervorgegangen, das der Komponist aus Geldmangel anno 1940 kurz nach der Emigration in die USA für Orchester umarbeitet. Die Amerika-Premiere anno 1943, die Bartók gemeinsam mit seiner Ditta selbst als Solist bestritt, war übrigens der letzte öffentliche Auftritt des Komponisten.

Das Viola-Konzert wiederum ist umstritten. Beauftragt von dem Bratschisten William Primrose konnte es Bartók nicht mehr vor seinem Tod im September 1945 fertig stellen, eine Aufgabe die sein Freund und Kollege Tibor Serly schließlich übernahm. Trotzdem brilliert es durch große musikalische Kraft und gibt dem Solisten Yuri Bashmet die Möglichkeit, in der 2004 in der Berliner Philharmonie entstandenen Aufnahme die Register seines farbenreichen Könnens zu ziehen. Bei der selben Gelegenheit dirigierte Pierre Boulez auch das Violin-Konzert und schuf gemeinsam mit Gidon Kremer und den Berliner Philharmonikern eine vorbildlich ausgewogene Darstellung des selten gespielten Werks. Das dritte Konzert für zwei Klaviere schließlich entstand im Mai 2008 mit den Londoner Symphonikern, Pierre-Laurent Aimard und Tamara Stefanovich als Kalvier-Solisten und Neil Percy und Nigel Thomas an den verschiedenen Perkussionsinstrumenten. Unterm Strich also komplettiert einer der bemerkenswertesten Dirigenten der musikalischen Gegenwart mit den "Concertos" seine lebenslange Auseinandersetzung mit Bartók und dokumentiert, dass er wie kaum ein anderer dessen Klangsystem verstanden hat.

Weitere Informationen zu Pierre Boulez finden sie hier