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27.08.2008

Einem Wunder auf der Spur

Einem Wunder auf der Spur

Es ist ungemein faszinierend, diesen jungen Menschen zuzusehen, wie sie sich den großen Werken der Musikgeschichte nähern, intuitiv zum einen aus dem Innersten ihrer Empfindung heraus und zugleich hoch professionell. Das war auch einer der Punkte, der den Regisseur Enrique Sánchez Lansch beeindruckte, als er während der Arbeiten zu seiner inzwischen preisgekrönten Dokumentation "Rhythm Is It!" mit der Orchesterbewegung von Venezuela in Berührung kam. Resultat dieser Begeisterung ist nun eine weitere Doku unter seiner Ägide mit dem Titel "The Promise Of Music", die gemeinsam mit einigen Protagonisten der Orchesterbewegung wie dem Dirigenten Gustavo Dudamel einem der spannendsten musikalischen Phänomene der Gegenwart auf den Grund geht.

Für Lansch gab es eine Welt zu entdecken: "Alles begann, als ich 2002 bei den Arbeiten zu 'Rhythm Is It!' Edicson Ruiz kennen lernte", erinnert sich der Regisseur an die Genese des Projektes: "Er war gerade - mit 17 Jahren - das jüngste Orchestermitglied in der Geschichte der Berliner Philharmoniker geworden. Was mir der freundliche und bescheidene Kontrabassist aus Venezuela schilderte, kam mir unglaublich vor: Mit zehn Jahren war er, mehr zufällig und fast widerwillig, in einem Armenviertel von Caracas in ein Kinderorchester geraten. Man gab ihm eine  Bratsche, aber er hörte die tiefen Frequenzen der Kontrabässe und bestand darauf, bei der nächsten probe Bass zu spielen. Er entwickelte eine große Leidenschaft für sein Instrument und übte fortan Tag für Tag mit wachsender Begeisterung. Ich konnte gar nicht genug hören von den vielen Geschichten über diese Bewegung mit über 200 Orchestern, die er Ökonom und Musikern José Antonio Abreu 1975 mit einer Handvoll junger Leute gegründet hatte".

Lansch stieß damit auf eine inzwischen international hoch geschätzte Initiative, die sich mehr und mehr zu einem Maßstab für unkonventionelle und effektive Form der Musikpädagogik mit gleichzeitig ausgeprägter sozial arbeitender Komponente entwickelt hat. Jedenfalls ist "El Sistema" Abreus spätestens seit dem Erfolg von Dudamel, Ruiz und einer Handvoll weiterer Spitzenmusiker Grund genug, dass von überall in der Welt Spezialisten und Pädagogen nach Venezuela reisen, um die Ursprünge dieses künstlerischen Mirakels zu erforschen. Lanschs Dokumentation "The Promise Of Music" hat zu dieser gesteigerten Wahrnehmung bereits ihren Teil beigetragen, denn auch hier wird die Kraft einer Kunst gezeigt, die losgelöst vom Ballast der Verschulung sich unmittelbar an das menschliche Talent wendet.

Der Regisseur hat dafür nach langer Vorbereitung im vergangenen Jahr das bekannteste Jugendensemble des Landes, das Simón Bolívar Youth Orchestra Of Venezuela, vor Ort und auf Tournee bei der Arbeit begleitet, hat einigen Protagonisten wie Dudamel, der Bratschistin Johanna Sierralta oder dem Schlagzeuger Felix Mendoza über die Schulter gesehen und mit der Kamera beobachtet, wie hier auf ganz natürliche Weise in der Kommunikation von Gleichaltrigen und im Kontakt mit altehrwürdigen Werken der Konzertliteratur etwas Neues entsteht, das die Krusten des Gehabten sprengt. "Während der Drehzeit, aber auch in den Monaten, die ich im Schneideraum verbrachte, wurde mir klar, wie wichtig diese langsame Annäherung über mehrere Jahre war. Wie essentiell es war, das Vertrauen zu den einzelnen Protagonisten nach und nach aufzubauen. Manche Projekte brauchen Zeit. Die venezolanischen Orchesterbewegung hat 30 Jahre gebraucht, um sich in dieser zukunftsweisenden Form zu entfalten". Enrique Sánschez Lansch ist jedenfalls ein Portrait gelungen, das dieses großartige Projekt kongenial vorstellt. "The Promise of Music" lief als Kooperation mit der Deutschen Welle TV und der Unitel bereits im Abendprogramm der Kulturkanäle und ist nun in betörendem Surround-Klang auch auf DVD erhältlich.