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09.07.2008

Bach korrekt, mit Witz

Ottavio Dantone, Bach korrekt, mit Witz

Manchmal braucht es den berühmten 'Kick". Zwar gab es im Ravenna den frühen Neunziger schon seit längerem ein junges Ensemble, das mit Begeisterung sich der instrumentalen Musik der Renaissance und des Barocks widmete. Doch erst als der Organist und Cembalist Ottavio Dantone gemeinsam mit dem Konzertmeister Stefano Montanari vor nunmehr 12 Jahren die Leitung übernahm, wurde daraus die Accademia Bizantina, eines der inzwischen versiertesten Alte-Musik Ensembles der italienischen Szene. Dessen Interpretationen sind hoch geschätzt und so werden nicht wenige Barockliebhaber darauf gewartet haben, dass sich Dantone und seine Accademia nun Johann Sebastian Bachs Cembalo-Konzerten annehmen.

Man darf sich Bach nicht immer so todernst vorstellen, wie das der Geist des Protestantismus aus heutiger Perspektive nahe legt. Immerhin sollten noch gute 150 Jahre vergehen, bis jemand wie Max Weber die freudlose Leistungsethik als Motor des kapitalistischen Denkens charakterisierte. Zu Bachs Zeiten selbst war die Religion zwar eine kaum veränderliche Konstante, deren Seitenwege aber so manches Schlupfloch des Genusses zuließen. So war auch der Meister in Leipzig nicht immer in seiner Thomaskirche präsent, sondern ließ sich beispielsweise einmal die Woche in Zimmermanns Kaffeehaus in der Katharinenstraße blicken. Dort wurde geklönt und konzertiert, in warmen Sommermonaten auch schon mal zu hause beim Besitzer des Lokals in dessen Garten.
 
Denn da traf sich das Leipziger Collegium Musicum, eine Gruppe von Studenten, Schülern des Komponisten und semiprofessionellen Musikbegeisterten. Radio, Fernsehen und mp3 gab es nicht, also wurde live gespielt. Und Bach, in seiner Autorität und erstaunlichen Produktivität, arbeitete manches seiner bereits vorhandenen Instrumentalkonzerte etwa für Violine flugs für das beliebte Cembalo um. So entstanden - übrigens zeitgleich und unabhängig voneinander auch in der Schreibwerkstatt von Georg Friedrich Händel - die ersten ernst zu nehmenden Konzertwerke für kleines Kammerorchester und Tasteninstrumente, die seitdem als eine der Grundlagen der pianistischen Klangtradition an sich gelten.
 
Es ist daher zum einen Grundlagenarbeit, andererseits aber auch eine Herausforderung - und natürlich einen Freude - sich mit diesen "Harpsichord Concertos" zu beschäftigen, die Bach zwischen 1729 und 1741 aus der Feder flossen und die zum Block der letzten sechs der rund 15 Konzerte für ein bis vier Cembali zählen, die der Komponist für diesen Anlass präparierte. Für die Aufnahme im Rahmen des wieder aktiven Alte-Musik-Labels "L'Oiseau-Lyre", die Anfang April 2007 im Saal des Refektoriums von San Vitale in Ravenna festgehalten wurden, standen daher vier Konzerte auf dem Programm, die Konzert BWV 1052, 1053, 1055 und 1056, verwirklicht mit einem Minimal-Generalbass und bestehend aus fünf Musikern der Accademia, damit also sehr ähnlich dem, wie es zu Bachs Zeiten im Kaffeehaus oder dem bürgerlichen Garten geklungen haben könnte.
 
Ottavio Dantone legt dabei großen Wert auf die Balance zwischen historischer Plausibilität und moderner Präsentation. Faszinierend präsent auf der einen Seite und zugleich unverwechselbar Bach-zentriert auf der anderen gelingt ihm und seinem Ensemble eine außergewöhnlich unmittelbare Umsetzung der Werke, die klar die Leipziger Luft der Vergangenheit und den Duft des gegenwärtigen Ravenna schnuppert. Schön, stilvoll und aufgrund seiner Klarheit und Eleganz durchaus eine Entdeckung.