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18.06.2008

Viel zu sehen

Viel zu sehen

Es war ein Jahr der Superlative. Überall in der Welt, aber vor allem in Salzburg wurde anno 2006 Wolfgang Amadeus Mozart gefeiert, ein Genie der Vielfalt, der musikalischen Wandelbarkeit, der kompositorischen Finesse. Und mancher Höhepunkt war bislang nur für einen kleinen Kreis der Konzertbesucher zu genießen oder für diejenigen, die rechtzeitig die TV-Übertragung des ORF eingeschaltet hatten. Denn am 30. Juli 2006 fanden sich die Stars der Opernbühne von Anna Netrebko und Magdalena Kožená bis Thomas Hampson und René Pape ein, um auf der Festspielbühne Mozart hoch leben zu lassen. Die entstandene Fernsehaufzeichnung gehört nun zu den herausragenden DVD-Neuheiten dieses Sommers, ebenso wie Renée Flemings betörende "Arabella" in der hochgelobten Inszenierung aus Zürich und mehreren besonderen Schmankerl aus dem BBC-Archiv, einer Edition mit Aufnahmen, bei denen Benjamin Britten persönlich am Pult stand.

Faszinierend ist das musikalische Spektrum, das Mozart über seine ganze, kurze Lebensspanne an den Tag legte. Allein die Vorstellung, dass "Mitridate, Re di Ponto" von einem Vierzehnjährigen geschrieben wurde, verschlägt bis heute manchem Opernfan die Sprache. Wenn die Arie "Nel grave tormento" dann auch noch von einer großartigen Sopranistin wie Patricia Petibon angestimmt wird, dann kennt die Begeisterung wie in der Salzburger Felsenreitschule kein Halten mehr. Überhaupt war dieser Abend der "Mozart Gala" Ende Juli 2006 ein ganz besonderes Event. Schließlich war nicht nur der Komponist, sondern auch die Crème de la Crème der gegenwärtigen Opernszene zu bewundern. Anna Netrebko glänzte mit "D'Oreste, d'Aiace" aus "Idomeneo", Magdalena Kožená und Ekaterina Siurina fügten zwei weitere Ausschnitte dieser Oper hinzu. Die Herren René Pape und Michael Schade konterten mit einem gewaltigen Leporello und einem leidenschaftlichen Don Ottavio aus "Don Giovanni", Thomas Hampson wiederum ergänzte den Reigen um eine seltene Arie aus "Cosi fan tutte", die vom Komponisten ursprünglich aus Gründen der Länge des Werkes gestrichen wurde. Zum Finale schließlich durften die Mozart-Spezialisten der Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Daniel Harding das Programm noch mit der "Prager Sinfonie" abrunden und damit die Menschen in einen Kosmos des Wohlklangs entlassen, wie nur der Meister selbst zu erschaffen in der Lage war.

Anders als Mozart hatte man Richard Strauss bei seinen späten Opern vorgeworfen, er würde zunehmend von der Bühne abheben. Offenbar empfand der Komponisten selbst ein gewissen Defizit, denn als er sich gemeinsam mit Hugo von Hofmannsthal an das letzte gemeinsame Projekt machte, wollte er Personen aus Fleisch dun Blut, keine Allegorien oder historischen Gestalten haben. "Arabella" also handelte Mitte des 19. Jahrhunderts im bürgerlichen Milieu und hatte eine Lichtgestalt in der intriganten Bourgeoisie als Hauptfigur, die bis heute zu den Glanzpartien großer Sopranistinnen zählt. Lotte Lehmann hat sie gesungen und Lisa della Casa, Montserrat Caballé und Gundula Janowitz, Kiri Te Kanawa und Lucia Popp. Und natürlich Renée Fleming, in der berühmten "Arabella" aus dem Schauspielhaus in Zürich mit dem Ensemble des Hauses unter der Leitung von Franz Welser-Möst. Im Juni 2007 entstanden die Aufnahmen für die DVD-Produktion, die nun in ihrer ganzen Pracht bewundert werden kann. Und die eine Künstlerin zeigt, die aus voller Überzeugung eine ihrer Paraderollen präsentiert: "Arabella zu singen, ist einfach eine Freude von Anfang bis zum Ende", meint René Fleming im Gespräch und ergänzt: "Es ist eine der wenigen Rollen, bei der ich denke, sie hätte für mich geschrieben sein können. Welch großes Glück, gelegentlich so gut in eine Vorlage zu passen, die sich nicht verändern lässt, und Arabella in Zürich darzustellen, gerade an dem Opernhaus, am dem Lise della Casa heimisch war! Auch ohne Kristallkugel hat man manchmal einfach Glück:"
 
Den Spezialisten ist es natürlich bekannt, dass Benjamin Britten nicht nur ein phänomenaler Komponist, sondern darüber hinaus auch ein ausgezeichneter Dirigent war, dessen Darstellungskompetenz vor allem der eigenen Werke richtungsweisend war. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre jedenfalls hatte sich eine umfangreiche Zusammenarbeit des Maestros mit der BBC entwickelt, aus der mehrere außergewöhnliche Fernsehproduktionen hervorgingen. Kammermusikalisch diskret wurden er als Pianist und sein Partner, der Tenor Peter Pears, beispielsweise 1964 mit einem Liedprogramm und Arrangements britischer Volksmelodien gefilmt, für die DVD-Ausgabe um Schuberts "Winterreise" von 1970 ergänzt. Zwei Jahre später entstand als immens aufwändige Studio-Produktion der Opernfilm mit Brittens "Billy Budd", anno 1969 gefolgt von der inzwischen international berühmten Verfilmung des musikalischen Melodrams "Peter Grimes". Abgerundet wird die Britten-Edition durch die Bühnenversion von Mozarts "Idomeneo" aus Snape Maltings, wie auch die übrigen Werke unter prominenter Mitwirkung von Peter Pears verwirklicht. Vier Schätze aus den BBC-Archiven, auf die so mancher gewartet haben wird.