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18.06.2008

Trügerische Ruhe

Giya Kancheli, Trügerische Ruhe

Giya Kancheli ist inzwischen 72 Jahre alt. Er hat viel erlebt, vieles, was ihn im Laufe der Jahre  aufmerksamer und differenzierter im Umgang mit seiner kulturellen Umgebung hat werden lassen. Seine Kompositionen sind musikalische Stellungnahmen zur menschlichen Verfasstheit und gerade ein Werk wie "Little Imber" entwickelte dabei eine hypnotische Dichte der motivischen Ausdruckskraft. Gemeinsam mit "Amao Omi" ist es Teil der gleichnamigen ECM New Series Aufnahme, die mit dem Nederlands Kamerkoor und dem Raschèr Saxophone Quartet unter der Leitung von Klaas Stok und dem  Matrix Ensemble mit Solisten wie der Sängerin Mamuka Gaganidze und Zaza Miminoshvili an der Gitarre entstand.
 

Giya Kanchelis Ruhe ist eine trügerische, denn sie speist sich aus dem Bewusstsein um die Unzulänglichkeit des Menschlichen. Geboren 1935 in Georgien, führte ihn sein künstlerischer Lebensweg zunächst an das Konservatorium von Tiflis, dann als künstlerischen Leiter am das Rustaweli-Theater, schließlich nach Berlin und inzwischen nach Antwerpen. Er ist er ein Wanderer zwischen den Kulturwelten, der auf faszinierend subtile Weise die Traditionen seiner Heimatregion mit den Forderungen des musikalische Gegenwärtigen verknüpft.

"Little Imber" beispielsweise entstand 2003 in Zusammenhang mit einem kleinen Festival als Widmung an einen seltsamen Unort. Denn das britischen Dorf Imber, irgendwo im Hinterland von Canterbury zwischen London und Bristol, ist ein Geisterstädtchen, einst genützt als Truppenübungsplatz für den Häuserkampf der Alliierten im Zweiten Weltkrieg und seitdem eine zerschossene Siedlung, die durchaus Ähnlichkeiten hat mit kaukasischen Opfern bürgerkriegerischer Auseinandersetzungen.



"Amao Omi" wiederum bedeutet auf Georgisch so viel wie "sinnloser Krieg" und ist eine konkrete Auseinandersetzung mit dem Unrecht und dem humanen Versagen, das jeder gewaltsamen Konfrontation innewohnt. Beide Kompositionen haben den Charakter von Oratorien, "Amao Omi" mehr noch als "Little Imber", beide wurden mit kammermusikalischen Ensembles verwirklicht in verschiedenen Gewichtungen der choralen Stimme und beide sind bedrückende und zugleich sich öffnende Klangkunstwerke, die den Hörer unmittelbar bei der Empfindung packen. Kanchelis Kunst, das scheinbar Leichte mit dem Bedeutungsvollen zu füllen, bekommt hier eine Dimension, die durchaus kathartischen Effekt hervorrufen kann. Und das können nicht viele Werke zeitgenössischer Musik von sich behaupten.