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21.05.2008

Fürsten der Farben

Fürsten der Farben

Während sich die ersten vier Folgen der Focus Edition Große Sinfonien den drei großen B's der orchestralen Opulenz widmeten - Beethoven, Brahms und Bruckner -, wenden sich die Folgen fünf und sechs nun zwei, oder besser vier Meistern der Farbgestaltung zu: Antonin Dvořák und Gustav Mahler auf der Seite der Komponisten, Lorin Maazel und Pierre Boulez auf der der Dirigenten. Es sind kreative Gespanne der Interpretation, die es sich nicht nehmen lassen, der romantischen Klangwelt ihre individuellen Stempel aufzudrücken. 

Antonin Dvořák hatte es nicht leicht. Als ältestes von neun Geschwistern in die Familie eines böhmischen Schankwirts hineingeboren, wurden seine künstlerischen Talente zunächst weder entdeckt noch gefördert. Der Bub musste eine Lehre mache, wurde Metzgergeselle und hatte doch haufenweise Melodien im Kopf. So rang er mit sich, stellte sich letztlich gegen die Tradition der Familie und ging 1857 als Sechzehnjähriger nach Prag. Dvořák hatte ein wenig Glück und traf mit Josef Foerster auf einen Lehrer, der ihm solide theoretische und praktische Grundlagen beibrachte.

Er verdiente seinen Lebensunterhalt als Wirtshausmusikant und Kirchensänger, schließlich als Bratschist einer Militärkapelle. Bei all dem Drumherum ließ er es sich jedoch nicht nehmen, auch selbst zu komponieren. Die erste Symphonie entstand 1865, und bereits mit der zweiten, die er noch im selben Jahr entwickelte, präsentierte sich der Komponist als profunder Melodiker mit schier unerschöpflichem Einfallsreichtum, inspiriert durch volksmusikalische Klänge, die er jedoch eigenständig konzipierte und symphonisch in Form brachte. Dvořák komponierte impulsiv, in zuweilen beeindruckender Geschwindigkeit, doch während des ersten Jahrzehnts nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zum ersten Mal hörte er eine seiner Symphonien auf der Bühne, als sein Landsmann, der 17 Jahre ältere Smetana, 1874 in Prag die Uraufführung seiner dritten und das Scherzo der vierten Symphonie dirigierte.

Von da an ging es langsam bergauf. Spät, aber immerhin, wurde Dvořák 1891 zum Kompositionsprofessor nach Prag berufen. Ein dreijähriges Intermezzo in New York folgte, schließlich die letzten Jahre als gefeierter Komponist in seiner böhmischen Heimat. Dvořák hatte es geschafft und er ist bis heute einer der beliebtesten Symphoniker auf den internationalen Spielplänen. Zurecht, wenn man an Klassiker des Melodischen wie die berühmte neunte Sinfonie "Aus der Neuen Welt" denkt, die zusammen mit dem Vorgängerwerk die Folge 5 des Focus Edition Große Sinfonien schmückt. Dirigiert werden die Wiener Philharmoniker von niemand geringerem als Lorin Maazel, seines Zeichens selbst ein großer Romantiker mit dem Gespür für die Kraft des Melodischen.
 
Pierre Boulez wiederum hatte sehr früh schon in seiner Karriere ein Gespür für komplexe Klangdramaturgie musikalischer Werke entwickelt und das hing auch mit den Stationen seiner Laufbahn zusammen, die ihn von den Anfängen bei der Compagnie Renaud-Barrault bis hin zur Leitung des Institut de Recherche et de Coordination Acoustique/Musique (IRCAM) im Pariser Centre Pompidou vor immer neue Aufgaben der Strukturierung und Analyse stellte. So erscheint die Verbindung von Pierre Boulez und Gustav Mahler wie eine Grundlagenarbeit. Schließlich ist der eine einer der Klangfarbenprofis der Gegenwart, und der andere schuf mit seinen Werken erst die Grundlage für das heutige Hör- und Interpretationsverständnis sinfonischer Musik. Denn Mahlers Orchestersprache arbeitet mit einer Farb- und Emotionspalette, die in dieser Konsequenz nur selten sonst in den abendländischen Konzertmusik zu finden ist.

Schon deshalb faszinierte sie Pierre Boulez seit seinen Anfängen, als er noch im Begriff war, sich im Beziehungsgefüge der Nachkriegsmusikszene einen Namen zu machen. Immer wieder gelangen wegweisende Aufnahmen wie die vielfach preisgekrönte Interpretation der sechsten Symphonie mit den Wiener Philharmonikern oder die Einspielung der neunten mit dem Chicago Symphony Orchestra, die 1999 einen Grammy gewann. Im Fall der Focus Edition Große Sinfonien wurde wiederum ein weitere Meilenstein ausgewählt, den Boulez während seiner Beschäftigung mit dem Orchesterzyklus Mitte der Neunziger schuf. Es handelt sich um seine Version von Mahler fünf, die gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern eingespielt wurde und dem zwischen 1901 und 1903 entstandenen Werk eine typisch klare, zeitgenössisch moderne Form gibt.