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30.04.2008

Neue Wege

Neue Wege

Wer dieser Tage genauer hinsieht, entdeckt ein unerwartetes Phänomen. Während insgesamt die Musikbranche mal mehr, mal weniger zu straucheln scheint, geht es mit der von vor wenigen Jahren als Sorgenkind gehandelten Klassik zielstrebig bergauf. Dafür gibt es gute Gründe, die Christian Kellersmann, der Managing Director von Universal Classics & Jazz, unlängst während eines groß angelegten Symposiums zu Aufführungskultur und Musikvermittlung in Wolfenbüttel darlegte. Sie sind so fundamental, dass sie auch die Leser von KlassikAkzente interessieren dürften.

"Strategien der Erneuerung" - Rede von Christian Kellersmann (Managing Director Universal Music Classics & Jazz) am 25. April 2008 beim Symposium "Musikvermittlung und Aufführungskultur" in Wolfenbüttel

Sehr geehrte Damen und Herren,
 
das Thema des heutigen Tages - "Wege der Erneuerungen" - bot mir als Vertreter der Musikfirma Universal Music mit den Klassik-Labels Deutsche Grammophon, Decca oder ECM zwei Möglichkeiten für meinen Vortrag: 
 
Erstens: Den einfachen Weg: Eine launige Rede über den Zustand der Schallplatten- und Musikindustrie. Seit fast acht Jahren diskutieren wir über mangelnde Innovationsbereitschaft, beklagen das Verhalten des Konsumenten und stochern ein wenig im Nebel zukünftiger digitaler Geschäftsmodelle herum. Das kennen Sie. Da nicken Sie dann freundlich und ein wenig mitleidig mit dem Kopf. Erneuernd ist das aber nicht wirklich.
 
Oder ich versuche mich zweitens an einem sperrigeren aber erheblich spannenderen Thema: Der echten Erneuerung der Klassik. Ein Thema, dass ich seit neun Jahren, also ebenso lang wie der angebliche Verfall der Tonträgerindustrie andauert, intensiv bearbeite. In dieser Zeit ist kaum ein Tag vergangen, an dem wir uns in meiner Firma nicht auf die eine oder andere Weise die Frage gestellt haben "Wo stehen wir in der Klassik - und wo wollen wir noch hin?"

Wir erleben zurzeit eine neue Ära der Klassikdominanz. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Popmusik, die über Jahre den Anspruch musikalischer Erneuerung erhob, ist auf dem Weg, sich auf postmoderne Zitatverweise und Referenzen der Vergangenheit zu beschränken - und verliert so an Relevanz. Popmusik entwickelt sich mehr und mehr zum großen Musical, das täglich von einer Stadt zur anderen reist. Gleichzeitig entdecken immer mehr Menschen die große Substanz, die Vielfalt, die Schönheit und die Geschichte klassischer Musik. Schließlich erleben wir seit einigen Jahren das Entstehen einer neuen Generation aufregender, junger Stars, die auf sehr hohem künstlerischen Niveau arbeiten und zudem noch attraktive Persönlichkeiten sind. So hat die Klassik in den letzten Jahren wieder ein breites Publikum für sich eingenommen - Klassik ist wieder im Mainstream angelangt.

Die neuen Klassik-Stars stehen im Zentrum des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens: sei es Anna Netrebko, die mittlerweile in der öffentlichen Wahrnehmung das Niveau der Callas erreicht hat; oder sei es der Schlagzeilenwert von Künstlern wie Rolando Villazón, Simon Rattle, Daniel Barenboim, Anne-Sophie Mutter, Cecilia Bartoli oder Lang Lang.

Längst treten diese Künstler nicht nur bei traditionellen Abo-Konzertreihen auf, sondern erobern auch die größten Arenen des Landes aus eigener Kraft. Auch die erfolgreichste europäische TV-Show "Wetten, dass..?" setzt regelmäßig auf Klassikstars - kaum eine Ausstrahlung von "Wetten, dass..?" kommt noch ohne Klassik aus.

Das war nicht immer so: im Jahr 2000, zu Anfang des Jahrhunderts, also vor gerade mal acht Jahren, standen wir als Branche vor der Situation, in den vergangenen zehn Jahren, den 90ern keinen einzigen Klassikkünstler in der Breite etabliert zu haben. In den 80er Jahren waren es gerade mal zwei gewesen: Anne-Sophie Mutter und Nigel Kennedy. Vorbei waren die Zeiten, dass klassische Künstler vom Format eines Karajans oder einer Callas den Boulevard und damit das breite Publikum besetzt hielten - vor acht Jahren fand man die Klassik nur noch im  Feuilleton.

Das ist mittlerweile anders: wir können uns wieder darüber freuen, dass sich Anna Netrebko aufgrund ihrer Schwangerschaft auf ganz natürliche Weise etwas rarer macht. Und mit Rolando Villazón, Lang Lang oder - noch relativ frisch - Jonas Kaufmann und Danielle de Niese gibt es eine wahrnehmbare Anzahl hochpopulärer junger Gesichter.

Neben der Etablierung neuer Klassik-Künstler, deren Karrieren dank großer künstlerischer Leistung gepaart mit zeitgemäßer PR- und Marketingstrategie gestartet werden konnten, gibt es erfreulicherweise noch einige weitere erneuernde Akzente:

Zum Beispiel die Yellow Lounge. Wir verlegen den Konzertsaal dorthin, wo junge Leute sich gerne aufhalten: in die coolsten Clubs der Stadt. Bewusst haben wir es vermieden, die übliche Öffentlichkeitsarbeit zu machen: es gibt keine Presseankündigungen und keine Anzeigen. Informationen sind nur auf der Webseite oder per Flyer verfügbar. Mund-zu-Mund-Empfehlungen sind hier das beste PR-Werkzeug.
 
Die Yellow Lounge Veranstaltungen sind jedes Mal wieder faszinierend: Ein recht junges Publikum schart sich um einen Künstler, der es gewohnt ist, ansonsten mehr oder weniger huldvoll vor einem stummen Silberteppich zu spielen - nun steht ihm plötzlich das Publikum auf den Füßen. Und das schönste ist: Die Künstler sind begeistert von dieser Lebendigkeit.

Ob Hélène Grimaud, Andreas Scholl oder Anne-Sofie von Otter. Dazu sorgen DJs für - oft sehr ambitionierte - klassische Töne aus dem Neue-Musik-Kosmos, VJs schaffen mit ihren Projekten den optischen Rahmen. Mittlerweile hat sich das Format etabliert und es gibt bereits einige Kopien: klassische Musik hört man immer häufiger bei wichtigen Events oder auch in kleinen schicken Bars und Cafés. Vor sieben Jahren war das noch undenkbar.

Ein weiteres Beispiel: Eine andere Form der Jugendarbeit bringt ebenfalls Erneuerung: Ob die Berliner Philharmoniker, andere innovative Orchester hierzulande oder das Simon Bolivar Jugendorchester aus Venezuela - wenn sich ein klassischer Klangkörper öffnet, erhält die klassische Musik Zulauf von einem neuem Publikum.
 
Soweit zu den erfreulichen Aspekten der Erneuerung. Ab jetzt geht es um den Erneuerungs-Stau - also darum, wo wir noch eine Menge zu tun haben. Und wir können gleich mit den Orchestern weitermachen. Was wird dem Publikum inhaltlich geboten? Was kommt zur Aufführung?
 
Ein Blick auf die Programme der großen Konzerthäuser und Opern verrät uns: Das deutsche Konzertleben rutscht mehr und mehr ins Museale. Einige Beispiele: Im aktuellen Programm der Berliner Philharmoniker gibt es 123 Konzerte mit 47 Komponisten. Darunter nur sieben lebende Komponisten mit 11 Werken.

Ähnlich das Verhältnis bei den Münchner Philharmonikern: Dort gibt es 116 Werke von 50 Komponisten. Davon werden 10 Werke von 10 lebenden Komponisten aufgeführt. Noch krasser ist das Verhältnis bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden: 84 Werke von 35 Komponisten werden präsentiert. Nur eine Komponistin hat die Chance, eine Aufführung ihres Konzertes mitzuerleben. Diese Liste könnte ich noch beliebig fortsetzen. Vereinzelte Neue Musik-Festivals ändern an diesem Bild wenig.
 
Auch die Schallplattenfirmen unterstützen diesen Trend: Nur ein Bruchteil der Veröffentlichungen präsentieren zeitgenössisches Repertoire - nur sehr wenige Labels bemühen sich aktiv darum. Ich bin froh, dass wir bei Universal Music mit ECM zumindest ein Label an uns gebunden haben, das wegweisende Einspielungen neuer Komponisten hervorgebracht hat und weiter hervorbringt. Aber selbst wenn dieses neue Repertoire als Tonträger veröffentlicht wird, ist es fast unmöglich, die Aufmerksamkeit der Fachmedien zu erhalten: Einspielungen lebender Komponisten wie Arvo Pärt, Steve Reich, John Adams oder Gavin Bryars haben bis heute beispielsweise keinen Preis der deutschen Schallplattenkritik erhalten.

Demgegenüber stehen etwa 4 Preise für Heinrich Schütz-Einspielungen, 12 für Franz Schubert und gar 27 für Beethoven Einspielungen. Bei den - noch immer zu raren - Aufnahmen zeitgenössischer Werke durch unsere großen Label muss ich immer wieder feststellen, wie schwer sich die Experten im Feuilleton mit zeitgenössischen Werken tun: nur sehr vereinzelt wird ein Künstler wie Osvaldo Golijov - immerhin in den USA mit einem Grammy ausgezeichnet - in den Medien erwähnt. Die Torsten Rasch-Komposition "Mein Herz Brennt" - immerhin von John Carewe mit den Dresdner Sinfonikern, René Pape und Katharina Thalbach eingespielt, blieb in der Fachpresse gänzlich unberücksichtigt. Wesentlich einfacher ist es, die Aufmerksamkeit für die x-te Einspielung eines Standardwerkes von einem großen Star zu bekommen: In langen Aufsätzen wird die spielerische, interpretatorische Leistung einzelner Musiker beleuchtet und bewertet.
 
Allenfalls die so genannte Avantgarde findet in Deutschland noch das Gehör von einigen Feuilletonisten. Doch spielt diese im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit praktisch keine Rolle mehr. Der Leipziger Kompositionsrofessor Claus-Steffen Mahnkopf stellt in seiner 1998 veröffentlichten Schrift "Kritik der Neuen Musik" fest: "Die Expertenkultur "neue" Musik existiert heute weitgehend als ein System von Festivals … ausgestattet mit finaziellen, personellen und technischen Ressourcen, lebt es in selbstgenügsamer und weltvergessener Autarkie als fensterlose Monade."

Der amerikanische Komponist Jeffery Cotton wird noch deutlicher. In seinem Aufsatz "Der Todeskampf der Modernen (Deutschen) Musik" schreibt er zu dieser traurigen Situation: "Bis zum heutigen Tag aber ist die deutsche Musikwelt nicht bestrebt, zum Nächsten fortzuschreiten, was immer dies auch sein mag. Stattdessen hat sie sich bequem in einer Ästhetik eingenistet, die kompromisslos atonal, ja aharmonisch ist und der jede Linie und jede Form fehlt. Die Ironie liegt darin, dass schon seit fast hundert Jahren auf diese Weise komponiert wird, die betreffenden Komponisten aber immer noch glauben, dass ihre Musik avantgardistisch sei (und interessanterweise, dass ihre Zugehörigkeit zur Avantgarde an sich ein Selbstzweck sei)".
 
Natürlich haben wir in Deutschland eine besondere Situation: Der krasse Einschnitt in das deutsche Kulturleben ab 1933 durch die Nazis hat zur Folge gehabt, dass ein sehr vielfältiges, oft kontroverses und auch sehr modernes Musikleben drastisch reglementiert und beschnitten wurde. Kulturelle Einflüsse, die in den 20er Jahren neue musikalische Formen hervorbrachten, wurden unterbunden. Nach dem Krieg entwickelten sich dann zwei Ströme: Zum einen gab es das traditionelle Klassik-Publikum, dass sich an den populären Kompositionen der Vergangenheit orientierte und zum anderen ein elitärer Kreis von Komponisten und Musikwissenschaftlern, die nie Relevanz bei einer größeren Zuhörerschaft besaßen - diese fehlende Relevanz schließlich aber zum Qualitätsmerkmal erhoben.

Der 1948 verstorbene Komponist Ermanno Wolf-Ferrari bemerkte in einem Brief sarkastisch: "Ich scherze nicht, wenn ich sage, dass es beinahe ein Unrecht ist, als Komponist noch zu leben. Bis 1800 führte man nur Lebende auf (...) ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich sage, dass heutzutage mindestens 2/3 aller Kräfte den Toten gewidmet sind. Wenn es so weiter geht muss man überlegen, ob Komponisten nicht lieber tot auf die Welt kommen sollen."

Wenn ich mir die aktuellen Konzertprogramme anschaue, lässt sich schnell ausrechnen, dass die Aufführungen zeitgenössischer Werke heute nur noch ein Bruchteil der damaligen Zahlen ausmachen -wir liegen heute bestenfalls noch bei durchschnittlich 5 Prozent. Sicherlich hinkt der Vergleich mit der bildenden Kunst. Dennoch ist es faszinierend zu beobachten, mit welch breitem öffentlichen Interesse zeitgenössische Kunst mittlerweile in der Öffentlichkeit verfolgt und diskutiert wird; ohne an inhaltlicher Komplexität zu verlieren.

In der Musikwelt hingegen ist es hin und wieder die Neuinszenierung einer Wagner- oder Mozart-Oper, die mit großem medialem Aufschlag begleitet wird. Doch Uraufführungen aktueller Kompositionen finden meist hinter verschlossenen Türen statt - selbst Top-Stars wie Anne-Sophie Mutter, Simon Rattle, Anne-Sofie von Otter oder Gideon Kremer, die sich zeitgenössischer Musik verschrieben haben, erhalten wenig Unterstützung.

Hier liegt nun die große Chance - aber auch große Herausforderung der klassischen Musikwelt: Es muss uns gelingen, zeitgemäße Inhalte und Kompositionen einem großen Publikum zugänglich zu machen. Nur dadurch lässt sich die inhaltliche Relevanz klassischer Musik neu definieren, was wiederum zu langfristiger kultureller Relevanz führen wird. Ich glaube nicht, dass es an kompetenten, interessanten Komponisten mangelt. Die musikalische Vielfalt aus aller Welt, die heutzutage dank globalisierter Medien überall zugänglich ist, schafft ungeahnte Möglichkeiten, interessante, zeitgemäße klassische Musik hervorzubringen.

Es geht deshalb jetzt darum, zeitgenössische Komponisten zu entdecken und zu fördern, neue Plattformen zu schaffen, um neue Kompositionen einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, bekannte Künstler und Orchester dafür zu begeistern, neue Musik aufzuführen. Wir müssen neue Kriterien in der zeitgenössischen Musik zuzulassen.

Um anzudeuten, was damit konkret gemeint ist, möchte ich hier abschließend Tan Dun zitieren. In einem Interview sagte dieser einst als Avantgardist gefeierte, erfolgreiche chinesisch-amerikanische Komponist und Dirigent kürzlich: "In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die zeitgenössische Musik immer mehr durch Verbote geprägt worden: das Verbot der Melodie, des Rhythmus, der Harmonie und der Folklore. Dadurch hat sie den Kontakt zum Leben verloren. Wir sollten diese Elemente im 21. Jahrhundert wieder zulassen."

Wenn es uns gelingt, diese neuen Wege zu beschreiten, sehe ich sehr hoffnungsvoll in die Zukunft des klassischen Musikbetriebes. Denn dann wird die inhaltliche Relevanz der Klassik eine neue Qualität erhalten: die Komposition wird wieder zum Spiegelbild unserer Gesellschaft - Klassik wird aufgrund ihrer Aktualität neu und erneuernd erlebbar.