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23.04.2008

Purcells Lehrer

Purcells Lehrer

Manchmal ist die Musikgeschichte unbarmherzig. Obwohl John Blow ein begabter Komponist von Anthems und Liedern war, obwohl er maßgeblich an der qualitativen Musikpflege im England der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts beteiligt war und durch seine Arbeit bei Hofe durchaus Standards gesetzt hat, ist er heute vor allem als Vorläufer und Lehrer Henry Purcells bekannt. Und das, obwohl sein Bühnenspiel "Venus & Adonis" deutlich Vorbild für "Dido & Aeneas" war und es mit zuweilen kühner Harmonik mit den späteren Werken des Barocks aufnehmen kann. Für den Spezialisten der Alten Musik Philip Pickett jedenfalls war das Anlass genug, sich im September 1992 der Aufnahme des Bühnenwerkes zu widmen und eine famose Einspielung zu gestalten, die nun im Rahmen der Frühjahrsstaffel der Reihe "L'Oiseau Lyre" erhältlich ist.

Über die Jugend des John Blow (1649-1708) weiß man nicht viel. Geboren wurde er wohl im Februar 1649 in North Collingham, bis 1660 gibt es kaum Informationen, dann allerdings taucht der Junge gelegentlich in den Chorannalen der von Henry Cooke gegründeten Chapel Royal auf. Er scheint ein frühreifer Komponist gewesen zu sein und schrieb seine ersten Werke bereits als Vierzehnjähriger. Anno 1668 arbeitete Blow für festes Gehalt in der höfischen "Private Musick" und bekam außerdem die Stelle als Organist von Westminster Abbey angeboten. Er machte seine Aufgaben zur königlichen Zufriedenheit, was ihm wiederum die solide honorierte Anstellungen als "Master Of Children" der Hofkapelle (1674) und Hofkomponist für Vokalmusik einbrachte.

Somit gehörte er auch zum Stamm der Dozenten, die die Neulinge im Londoner Musikbetrieb betreuten, und entdeckte in dieser Funktion auch den jungen Henry Purcell, den er zunächst unterrichtete und dem er dann sogar die Stelle als Westminster-Organist abtrat. Außerordentlich produktiv war Blow in der kleinen Form, zahlreiche Sammlungen wie "Harmonia Sacra" (1688/93) präsentieren ihn als Meister der Motetten- und Liedkunst, wohingegen "Venus & Adonis" (1684) sein einziges, opernähnliches Bühnenwerk blieb.
 
Er selbst nannte es "Masque", ein Maskenspiel also, und stellte es damit in eine höfische Aufführungstradition, die ähnliche Werke seit den Zeiten Heinrich VIII kannte. Es waren in der Regel revueartige Aufführungen auf der Grundlage mythischer oder allegorischer Sujets, die gesprochene Dialoge ebenso enthielten, wie Arien, Tänze und schauspielerische Elemente. "Venus & Adonis" knüpft an die in den Metamorphosen Ovids tradierte, melodramatische Liebesgeschichte an, aus der Perspektive der weiblichen Protagonistin, die sich über zwei Akte ihrer Leidenschaft erst bewusst werden muss, um sie dann im dritten Teil angesichts des sterbenden Adonis' nicht mehr ausleben zu können. Blows Musik ist dabei behutsam gehalten, erstaunlich unpathetisch und doch emotional packend, ein barockes Kunststück der Balance mit wunderschönen Arien um die beiden Hauptpersonen und den kleinen Cupido als auflockerndes Element.

In einem Interview zu der 1992 verwirklichten, den avancierten Vorstellungen der historischen Aufführungspraxis genügenden Aufnahme, meinte der musikalische Leiter und Dirigent des Projekts Philip Pickett, dass man "wirklich zum Herz dieser Musik vordringen und sie emotional darbieten müsse". Dementsprechend klar auf der einen und individuell auf den anderen sind er und sein Ensemble vorgegangen, um diese wichtige Stellungnahme zur englischen Musik des 17.Jahrhunderts zu realisieren. In den Hauptrollen stand ihm das hervorragende Vokal-Triumvirat aus Catherine Bott (Venus), Libby Crabtree (Cupid) und Micheal George (Adonis) zur Seite, außerdem die Choristen von Westminster Abbey und das New London Consort - eine rundum ausgezeichnete Einspielung also, die neben Marinis "Le Lagrime d'Erminia" (Rooley/Consort of Musicke), einer Sammlung mit ausgesuchten Mozart-Konzerten (Academy Of Ancient Music/Beznosiuk/Bond/Hogwood), Werken von Telemann (ebenfalls Academy Of Ancient Music/Hogwood) und der Sammlung "Mi Verry Joy" (Medieval Ensemble Of London/P&T Davies) das Frühjahrsprogramm der Alte-Musik-Reihe "L'Oiseau Lyre" bestimmt.